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Kommentar:Kompromiss mit Lücken

Den Mobilfunkstandard 5G braucht es zwar noch nicht in jedem Dorf, aber in Fabriken und an Autobahnen. Die staatlichen Auflagen an die Anbieter sind ein guter Anfang.

Von Benedikt Müller

Anja Karliczek hat kürzlich einen Sturm der Entrüstung entfacht. Die Bundesforschungsministerin sagte, dass der neue Mobilfunkstandard 5G "nicht an jeder Milchkanne" nötig sei. Es ist grundsätzlich verständlich, dass sich viele darüber geärgert haben: etwa jene Menschen, die immer wieder keinen Empfang haben, wenn sie Zug fahren und telefonieren wollen, oder jene Bundesbürger, die in einem Funkloch wohnen und sich abgehängt fühlen.

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Ihnen müssen Politik und Wirtschaft helfen, weil das Leben immer digitaler wird - und schneller Mobilfunk deshalb ähnlich essenziell ist wie einst der Stromanschluss oder die Festnetzleitung. Konzerne wie die Telekom oder Vodafone bauen diese Netze aus und wollen damit Geld verdienen. Doch dem Staat gehören die Frequenzen. Er hat jetzt die Bedingungen festgelegt, zu denen er die ersten Lizenzen für die neue Technik 5G versteigern wird. Und er hat das gut gemacht, weil er endlich vielen Abgehängten helfen will - aber auch auf Ministerin Karliczek gehört hat.

5G braucht es zwar noch nicht an jeder Milchkanne, aber in Fabriken und Autobahnen

Denn, da hat die CDU-Politikerin recht, noch ist 5G nicht die richtige Technologie, um flächendeckend Funklöcher zu schließen. Bei der Auktion im Frühjahr geht es um Frequenzen, die im kleinen Radius um den Sendemast herum ermöglichen, sehr viele Daten zu übertragen. Geräte, die über 5G miteinander funken, werden so schnell aufeinander reagieren können wie das menschliche Nervensystem. Deshalb birgt der neue Standard große Chancen für den Verkehr, die Wirtschaft und die Forschung. Doch für die Fläche braucht es vorerst andere Lösungen.

Zunächst zum Potenzial: Der schnelle Mobilfunk ist die Voraussetzung dafür, dass Autos in Echtzeit miteinander kommunizieren können, dass deren Fahrer eines Tages dösen oder lesen werden, während ihr Fahrzeug von allein den Laster überholt oder vor dem Stauende bremst. Daher ist es richtig, dass die Netzbetreiber nun vor allem entlang von Autobahnen und Bundesstraßen aufrüsten müssen, sodass Autos höchstens zehn Millisekunden brauchen, um Funksignale anderer Verkehrsteilnehmer zu empfangen. Doch gilt diese Auflage auch dann als erfüllt, wenn nur ein Anbieter sein Netz an einer Schnellstraße ausgebaut hat. Liebhaber autonomer Autos müssen also hoffen, dass die Unternehmen ihre Funkmasten entlang der Verkehrsachsen gemeinsam nutzen werden. Darauf ist leider kein Verlass.

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Auch viele Industriebetriebe brauchen möglichst schnell 5G in den Fabriken, damit Maschinen oder Roboter in Echtzeit kommunizieren können. Deshalb ist es gut, dass bei der Frequenzversteigerung nun auch Firmen oder Kliniken für lokale Mobilfunklizenzen bieten dürfen. So können sie ihr eigenes Netz der Zukunft bauen. Auch in der Landwirtschaft ermöglicht die Technik, dass Maschinen und Sensoren auf dem Feld schnell interagieren können. Mithin braucht es 5G zwar noch nicht an jeder Milchkanne, wohl aber auf immer mehr Bauernhöfen.

Zudem sollte der Standard auch in Hochschulen und Forschungseinrichtungen ankommen, damit Lehrende und Studierende erfahren, was die neue Technik noch so alles kann. Gut wäre, wenn diese Pionierarbeit in strukturschwachen Regionen ankäme. Ein Vorbild hierfür ist das Mobilfunktestfeld in Aldenhoven bei Aachen, das auf dem Gelände einer früheren Kohlenzeche entstanden ist.

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Wer in Deutschland 5G anbieten will, muss, so fordert es die Bundesnetzagentur, sein Netz nun auch auf dem Land ausbauen, sodass in vier Jahren 98 Prozent der Haushalte zwar nicht in Echtzeit funken können, aber immerhin im derzeitigen Spitzenstandard LTE, der für Privatleute bislang schnell genug ist. Das Problem: Die restlichen zwei Prozent der Menschen wohnen in dünn besiedelten Gegenden, die gut ein Fünftel der Fläche Deutschlands ausmachen. Spätestens bei der nächsten Frequenzauktion sollte sich die Politik um diese sogenannten weißen Flecken sorgen. Sonst drohen dort noch mehr Menschen wegzuziehen, mit allen Nachteilen, die das mit sich bringt.

Wenn der Staat derlei Bedingungen festlegt, scheint es unvermeidlich, dass sich viele beklagen. Den Telekomkonzernen sind die Auflagen naturgemäß zu streng, weil der Ausbau auf dem Land viel Geld kostet. Dort hingegen geht Politikern und Unternehmern alles zu langsam. Dass sich beide Seiten beschweren, zeigt im Grundsatz, dass die zuständige Bundesnetzagentur einen guten Kompromiss gefunden hat. Nur eines wäre sehr ärgerlich: Wenn rechtliche Schritte gegen die Auflagen den Ausbau weiter verzögern würden. Dazu sind die Chancen, die der schnelle Mobilfunk bietet, schlicht zu groß.

© SZ vom 28.11.2018