Beruf und Familie Zerrissen zwischen Job und Kind

Familienministerin Manuela Schwesig ist zum zweiten Mal schwanger - und täte wohl gern mehr für Eltern, die sich Beruf und Erziehung teilen.

(Foto: dpa)

Familienpolitik heißt in Deutschland oft noch immer, dass sich die Frau ums Kind kümmert. Dabei will eine wachsende Zahl von Eltern ganz anders leben.

Kommentar von Alexander Hagelüken

Manuela Schwesig hört in diesen Tagen Glückwünsche und Einwände, die einmal nichts mit ihrer Politik zu tun haben. Sie erwartet im März ein zweites Kind. Die Glückwünsche sind üblich, die Einwände typisch: Sie drehen sich darum, ob Schwesig das überhaupt alles schaffen kann als Familienministerin. Schwesig antwortet darauf, warum männliche Politikerkollegen und Väter das eigentlich nie gefragt würden. Sie legt damit offen, wie in Deutschland immer noch über arbeitende Eltern diskutiert wird. Kinder sind irgendwie Sache der Frau.

Wenn Eltern Beruf und Kindererziehung teilen, bestraft sie das Splitting

Eine zunehmende Zahl von Deutschen möchte das anders lösen. Möchte Vätern und Müttern berufliche Entfaltung ermöglichen - und zugleich den Kindern präsente Eltern bieten statt einer Vollzeitmama und einem Wochenendpapa. Doch mit diesem Wunsch stoßen die Eltern häufig auf Erwartungen von Gesellschaft und Firma, die ganz anders lauten: Wer arbeitet, soll dies bitte schön 45 Stunden plus die Woche tun. Oder sich gleich mit einem kleinen Teilzeitjob begnügen, der den Verzicht auf jede Art Karriere (und finanzielle Selbständigkeit) bedeutet. So werden Rollenbilder zementiert. Berufstätige Eltern, die das verhindern wollen, wählen eine anstrengende Alternative. Sie versuchen, zwei Vollzeitjobs per knapp bemessener, teurer Fremdbetreuung mit ihren Kindern zu vereinbaren. Und fühlen sich dabei manchmal in zwei Hälften zerrissen.

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Deshalb stellt sich die Frage, was diese Familienministerin und die ganze Bundesregierung eigentlich dafür tun, solchen Eltern zu helfen. Die Unterscheidung ist bewusst gewählt: Ministerin Schwesig hat ganz viele Ideen, wie Mütter und Väter in dem Modell unterstützt werden könnten, das sie und ihr Mann selber leben. Doch sie kann nur einen Teil davon umsetzen, weil der großen Koalition der Mut fehlt, sich wirklich für arbeitende Eltern zu engagieren. Stattdessen präsentiert sie eine zutiefst widersprüchliche Familienpolitik: zerrissen in zwei Hälften. So, wie sich arbeitende Eltern manchmal fühlen.

Es hat sich etwas getan, aber nicht konsequent

Um mit dem Positiven zu beginnen: Es hat sich in den vergangenen Jahren einiges verbessert. Das gilt zum einen für den Ausbau der Kinderbetreuung. Und es gilt zum anderen für das Elterngeld, das berufstätigen Müttern wie Vätern ermöglicht, nach der Geburt ihrer Kinder ohne sehr große finanzielle Einbußen auszusetzen. Auf diese Weise setzt langsam ein Bewusstseinswandel ein, der es zum Beispiel Manuela Schwesigs Mann gestattet, beim zweiten Kind lange Elternzeit zu nehmen, ohne gleich beruflich als Verlierer dazustehen - und sich so mit seiner Frau abzuwechseln, die beim ersten Kind länger pausierte.

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Es wäre konsequent, den Erfolg des Elterngeldes auszudehnen: mit einem Modell, das es Müttern und Vätern gerade in den ersten Jahren der Kinder erlaubt, weniger zu arbeiten, ohne sich dabei ihren weiteren beruflichen Weg zu verbauen - also in die Falle eines kurzen Teilzeitjobs zu geraten, der als Lückenbüßer behandelt wird. Dafür müssten, ganz klar, die Unternehmen flexibler werden. Und ihren Mitarbeitern zum Beispiel nicht nur 40-Stunden-Stellen anbieten, die gern zu mehr tendieren und reichlich Anrufe am Abend beinhalten - oder gleich Stellen mit 20 Stunden abwärts. Sie müssten auch die Präsenzkultur infrage stellen, die den Beschäftigten zum Helden kürt, der um 18 Uhr lieber ins Meeting geht als mit der Tochter auf den Spielplatz.

Ein solches Modell bräuchte politische Anstöße. Etwa mit passenden Betreuungsangeboten und finanziellen Anreizen für Eltern und Arbeitgeber. Doch statt auf diese Weise eine wirklich moderne Familienpolitik zu initiieren, hat die Union Schwesigs Vorstöße in diese Richtung abgeblockt.

Es fehlen die richtigen Anreize

So wirkt die Elternzeit wie ein einsamer Versuch. Und es kommt noch schlimmer: In Wahrheit zeigt die Regierung ja mit der Elternzeit in eine Richtung, mit ihrer sonstigen Politik aber in eine ganz andere. Das gilt vor allem für das Ehegattensplitting, das eine völlig überkommene Tradition feiert: Wenn ein Ehepartner (meist die Frau) gar keinen Beruf ausübt, ist der Steuervorteil am höchsten.

Wenn sich Eltern Beruf und Kindererziehung teilen wollen, bestraft sie das Splitting. Eine absurde Benachteiligung von Menschen, die sowohl arbeiten als auch Nachwuchs haben wollen und auf diese Weise die Sozialversicherung am Laufen halten, die bei lauter kinderlosen Karrierepaaren zusammenbräche. Vom französischen Steuersystem könnte die Regierung lernen, wie sie gezielt Familien fördern kann - und nicht wie bisher das Rollenmodell der Fünfzigerjahre.

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