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Kommentar:Grüner wird Fliegen erst mal nicht

Die Luftfahrt hat ihre Vorreiterrolle verloren. 2009 hat sie sich ehrgeizige Umweltziele gesetzt. Von dem damaligen Elan ist wenig geblieben - trotz der massiven Kritik in der Gesellschaft.

Von Jens Flottau

Für die Luftfahrtindustrie war 2019 ein Horrorjahr. Der zweite Absturz einer Boeing 737 Max innerhalb von fünf Monaten stürzte den US-Flugzeughersteller in die tiefste Krise seiner jüngeren Geschichte. Die Unfälle werfen Fragen auf, die die gesamte Branche noch lange beschäftigen werden, in erster Linie, was die Automatisierung von Flugzeugen angeht und wie Piloten für die komplizierten Systeme besser geschult werden können. Vor allem aber ist 2019 das Jahr gewesen, in dem die Luftfahrt in der öffentlichen Diskussion in Europa zum Buhmann, zum angeblichen Klimakiller Nummer eins, geworden ist.

Dass es so weit kommen konnte, ist auch das Ergebnis eines branchenweiten Versagens. Vor zehn Jahren waren die Airlines noch Vorreiter. 2009, als der Klimawandel noch nicht annähernd so sehr im Vordergrund stand wie heute, formulierten sie ambitionierte Ziele: Jedes Jahr wollten sie den Treibstoffverbrauch pro Sitzkilometer um 1,5 Prozent verbessern. Ab 2020 wollten sie wachsen, ohne dabei netto mehr Emissionen zu verursachen, und bis 2050 den CO₂-Ausstoß im Vergleich zum Niveau von 2005 halbieren.

Seither hat die Branche ihre Vorreiterrolle verloren. Das Klimaabkommen von Paris sieht vor, die Netto-Emissionen nicht auf 50 Prozent, sondern auf null zu senken. Die Reaktion des Branchenverbands IATA darauf wirkt hilflos. Die Mitglieder sind sich uneinig. Die Europäer wollen strengere Vorgaben, die Amerikaner haben daran wenig Interesse, und die meisten asiatischen Airlines sehen dadurch ihr Wachstum gefährdet.

Die Fluggesellschaften sind zu träge, um den ökologischen Wandel voranzutreiben

Dazu kommen Billigstflüge, die nicht ansatzweise die Umweltkosten abdecken. Sie sind durch nichts zu rechtfertigen, aber erstaunlich populär. Die Airlines haben bislang davon profitiert, dass sich die Verbraucher unvernünftig verhalten, und den Trend zum schnellen Wochenendtrip ausgenutzt. Sie dürfen sich nicht wundern, wenn immer mehr Staaten eine Kerosinsteuer fordern.

Den Luftverkehr als schlechtes Beispiel hervorzuheben, war für Greta Thunberg ein Leichtes und ist auch gerechtfertigt. Zwar haben die Airlines das 1,5-Prozent-Ziel sogar übererfüllt. Der Luftverkehr ist seit 2012 jährlich mit 6,5 Prozent gewachsen, die Emissionen aber "nur" um 3,2 Prozent. Das Problem ist jedoch: Sie haben weiter, vor allem wegen der Billigfluggesellschaften, zugenommen.

Weil die Weltwirtschaft langsamer wächst, verlangsamt sich 2020 voraussichtlich auch die Expansion der Luftfahrtindustrie. Ihr Schadstoffausstoß wird sich jedoch aller Voraussicht nach weiter erhöhen. Das ist gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel. Zu wenige Fluggesellschaften ziehen daraus Konsequenzen: Die International Airlines Group, zu der unter anderem British Airways, Iberia und Aer Lingus gehören, hat sich das Ziel Netto-null-Emissionen für das Jahr 2050 gesteckt. Und die britische Billigfluggesellschaft Easyjet will ab sofort alle durch ihre Flüge verursachten Emissionen kompensieren. Lediglich zwei Gesellschaften wagen es also, aus der trägen Masse auszubrechen. Das ist zu wenig.

Bei allen Fehlern, die die Branche gemacht hat, gehören allerdings auch das zur Wahrheit: Die Umstellung auf ökologisch verträglichere Antriebe ist bei Flugzeugen viel schwieriger als etwa bei Autos - Batterien mit einer Energiedichte, die für große Flugzeuge geeignet wären, sind nicht in Sicht. Nicht einmal die Wissenschaft ist sich einig, auf welche Technologie zu setzen am sinnvollsten wäre.

Die Boeing-Krise erschwert die Lage zusätzlich: Der US-Hersteller steckt derzeit unermesslich viel Geld in die Rückkehr der 737 Max. Und Airbus hat keine Eile, ein nächstes Flugzeugprogramm zu starten, wenn schon das aktuelle so erfolgreich läuft.

Die Branche weiß zudem: Der Luftverkehr ist für die Weltwirtschaft unverzichtbar. Überall, wo es gute Fluganbindungen gibt, sind die Voraussetzungen für Wachstum und Prosperität gegeben. Und wer wollte in Zeiten des Neonationalismus ernsthaft bezweifeln, wie wichtig kultureller Austausch ist, und sei es als Folge eines Urlaubs in der Ferne? Wenig deutet daher darauf hin, dass die Luftfahrt in Kürze ökologischer wird.

© SZ vom 03.01.2020
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