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Kommentar:Grüner Knüller

Auch wenn es derzeit noch schwer vorstellbar ist: Die Wasserstoff-Strategie der Bundesregierung ist entscheidend, um die Energieversorgung der Zukunft zu sichern. Damit ist eine wichtige Hürde genommen, viele weitere werden folgen.

Von Michael Bauchmüller

Wie eine Welt ohne Kohle, Öl und Gas aussehen soll, das können sich nach 150 Jahren fossilen Wachstums nur die wenigsten vorstellen. Wie sollen sich schon Benzin, Diesel, Kerosin in den Motoren komplett ersetzen lassen? Was würde aus der Chemieindustrie ohne Öl, aus Stahlhütten ohne Koks? Wie lassen sich Häuser ohne fossile Brennstoffe heizen?

Es gibt darauf nicht die eine, einfache Antwort. Aber für einen zentralen Baustein hat die Bundesregierung nun endlich eine Strategie: den Wasserstoff. Gewinnen lässt er sich praktischerweise aus Wasser und Strom, per Elektrolyse kann jedes Windrad und jeder Solarpark auf Umwegen Wasserstoff erzeugen. In Brennstoffzellen lässt er sich wieder in Strom umwandeln, in seiner flüssigen Variante kann er auch Turbinen antreiben, etwa von Schiffen oder Flugzeugen. Damit wird Wasserstoff zu einem Speichermedium wie Kohle, Öl und Gas - nur eben klimaneutral und risikofrei, solange er aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Im Kampf gegen die Erderwärmung könnte Wasserstoff so zur reinsten Wunderwaffe werden. Ein Stoff, der eine industrielle Entwicklung jenseits fossiler Energie erlaubt, eine klimafreundliche Mobilität, der Entwicklungsländern neue Chancen eröffnet. Aber leicht wird der Weg nicht.

Die Nachfrage nach Öl wird fallen und damit der Ölpreis

Das liegt zum einen daran, dass er sich gegen bestehende Technologien und Strukturen behaupten muss. Die Lebensadern der fossilen Welt sind über Jahrzehnte gewachsen und überwiegend abgeschrieben. Das macht es jeder neuen Konkurrenz schwer. Umso wichtiger sind die insgesamt neun Milliarden Euro, mit denen die Koalition die Wasserstoffwirtschaft nun anschieben will. Ohne Hilfe wird sich der grüne Wasserstoff nicht gegen die fossilen Alternativen durchsetzen können, wird sich das Henne-Ei-Problem nicht lösen lassen, bei dem mal der Wasserstoff samt Infrastruktur fehlt, mal die Anwendungen, die ihn brauchen.

Die Strategie kommt spät, aber sie enthält viele richtige Ansätze. Etwa Entlastungen beim Strompreis, damit die Elektrolyse nicht noch zusätzlich verteuert wird - über die hohen Investitionskosten hinaus. Oder neue Förderinstrumente, mit denen etwa Stahl auch dann konkurrenzfähig ist, wenn er nicht mit Koks, sondern in neuen Anlagen mit Wasserstoff hergestellt wird. Oder die internationale Perspektive, weil Deutschland den Pfad nicht alleine wechseln kann - geschweige denn, aus erneuerbaren Energien genügend heimischen Wasserstoff herstellen kann. Sonnen- und windreiche Länder müssen zu den Energielieferanten der Zukunft werden, auch außerhalb Europas.

Durch Wasserstoff alleine lassen sich Emissionen nicht auf netto null drücken. Als Heizstoff etwa taugt er kaum, da wird es auch künftig einen Mix aus Geothermie, Solarenergie, nachwachsenden Brennstoffen oder strombetriebenen Wärmepumpen brauchen. Auch Autos wird Wasserstoff kaum effizient antreiben können - hier bleibt die Batterie das günstigere Speichermedium. Wasserstoff ist auch kein Goldesel mit Energie im Überfluss: Die Welt wird weiter sparsam mit ihr umgehen müssen.

Die Strategie der Bundesregierung markiert einen ersten Schritt, doch für die politische Flankierung dieser Wende braucht es auf Dauer noch mehr: etwa feste, ansteigende Quoten, was die Verwendung von Wasserstoff im Flug- und Schiffsverkehr angeht. Und ja, auch einen weitaus höheren Preis für Kohlendioxid. Denn je mehr sich der Wasserstoff durchsetzt, desto stärker wird er an den Märkten unter Druck geraten. Die Nachfrage nach Öl wird fallen und damit der Ölpreis. Die fossile Alternative würde so wieder attraktiver, der Umbau würde verzögert. Ein ausreichend hoher CO₂-Preis kann diesen Effekt ausgleichen.

Die Schlacht um die klimaneutrale Zukunft hat gerade erst begonnen. Es wird Kräfte geben, die den Aufstieg des grünen Wasserstoffs werden bremsen wollen, um ihr fossiles Geschäft zu verteidigen. Umso interessanter ist es, dass und wie diese Strategie zustande kam. Möglich wurde sie erst, nachdem Chemie- und Stahlbranche im grünen Wasserstoff ihre Chancen erkannt hatten - zwei Bereiche der Industrie, die bisher beim Klimaschutz gerne bremsten. Denn für Deutschland ist die potenzielle Wunderwaffe mehr als nur eine Antwort auf die Klimakrise: Sie hat das Zeug zu einem sauberen Exportknüller.

© SZ vom 12.06.2020
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