KommentarGroßer Verlierer

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Im ICE sitzt man zu dicht, die Politik braucht die Milliarden jetzt anderswo: In der Corona-Krise sieht es schlecht aus für die Deutsche Bahn. Ein Faktor könnte aber auch für sie sprechen.

Von Markus Balser

Es ist gerade mal ein gutes halbes Jahr her, da hatte die Bahn ein eher ungewöhnliches Problem: Im Herbst sagte die Bundesregierung dem größten deutschen Staatskonzern für dieses Jahrzehnt zusätzliche 20 Milliarden Euro aus dem Klimapaket zu. Auch die Mehrwertsteuer auf Fernverkehrstickets sollte sinken. Die Bahn feierte. Sie war zur komfortabel finanzierten Klimahoffnung des Verkehrssektors schlechthin avanciert. Selbst die Bahnspitze war von so viel Großzügigkeit überrascht. Bahnchef Richard Lutz verkündete schnell, sein Konzern werde neben den ohnehin georderten 200 Fernverkehrszügen gleich noch 30 weitere kaufen. Die größte Sorge der Politik war angesichts der Schnappatmung bei der Bahn nicht, ob das Geld reicht. Man diskutierte in Berlin eher darüber, ob die Bahn die vielen Milliarden überhaupt sinnvoll ausgeben kann.

Wie schnell die Corona-Epidemie die deutsche Wirtschaft in diesen Tagen auf den Kopf stellt, wird angesichts der bekannt gewordenen Finanzprobleme der Bahn deutlich. Denn die Probleme des vergangenen Herbsts hätte der Konzern jetzt gerne. Aus dem Unternehmen mit mehr als üppiger Finanzausstattung ist in nur wenigen Wochen ein akuter Krisenfall geworden. Die Rettung muss sogar äußerst schnell gehen. Schon in der nächsten Woche soll die erste Milliardentranche der Bundesregierung an die Bahn fließen.

Schuld daran ist der Stillstand im Corona-Land. Zum Teil stiegen zuletzt 90 Prozent weniger Fahrgäste in die Züge. Deshalb fehlt ein Großteil der eingeplanten Einnahmen. Gleichzeitig bleiben die Kosten hoch, weil die Bahn einen Großteil der Züge auch weitgehend leer als Grundversorgung fahren lassen muss. Und ein rasches Ende der Probleme ist nicht in Sicht. Auf absehbare Zeit könnten viele Passagiere den Zügen fern bleiben. Vor 2022 erwartet die Bahn keine Rückkehr zur Normalität in Bilanz und Zügen.

Die Zeichen stehen derzeit nicht gut für die Verkehrswende

Für die Bahn und weit darüber hinaus dürfte das Ausmaß der Krise schwerwiegende Folgen haben. Zwar beteuern Bahn und Bundesregierung, dass sie an ihrem Kurs festhalten, die klimafreundliche Schiene mit neuer Technik, dichterem Takt und neuen Zügen dafür zu rüsten, in Zukunft noch größere Teile des Verkehrs zu transportieren. Doch zur Wahrheit gehört wohl auch, dass sich die Mobilitätswende hin zur Schiene mindestens um einige Jahre verschiebt.

Die Deutschen werden etwa wegen des Ausbaus von Videokonferenzen nicht nur weniger reisen. Sie werden wohl auch anders reisen. Viele werden die Enge der Bahn in Zukunft eher meiden. Jedenfalls so lange die Virusrisiken ohne Antwort durch Medikamente oder einen Impfstoff bleiben. Erste Umfragen machen bereits deutlich, dass der Stellenwert des Autos in Corona-Zeiten in Deutschland wieder steigt. Um Ansteckungsrisiken aus dem Weg zu gehen, werden wieder mehr Menschen nicht nur auf das Fahrrad, sondern auch auf die eigenen vier Räder umsteigen.

Dazu trägt auch ein ganz anderer Effekt bei. Denn leicht gemacht wird ihnen der Umstieg zudem durch einen in der Wirtschaftskrise stark gesunkenen Benzinpreis. Auch für den Güterverkehr könnte das Folgen haben. Hier zählte die Bahn ohnehin zu den großen Verlierern der vergangenen Jahre. Die von der Bahn transportierte Frachtmenge schrumpfte, obwohl der Warenverkehr ständig zunahm, weil die Straße günstiger war. Dieses Missverhältnis könnte nun trotz geplanter Erleichterungen für den Güterverkehr noch größer werden.

Es gibt zwar auch erste Anzeichen dafür, dass die Bahn sich vom ersten Schock der Corona-Krise etwas erholt. Die Fahrgastzahlen steigen leicht. Im Güterverkehr sind die Einbrüche nicht ganz so heftig wie beim Personenverkehr. Zudem könnte die Bahn von einem anderen, noch stärker gebeutelten Verkehrsträger Passagiere übernehmen. Denn der Flugverkehr wird wohl noch länger unter dem Corona-Schock leiden als die Bahn. Vor allem die Passagiere von Inlandsflügen werden wohl stärker auf die Bahn ausweichen.

Die Zeichen stehen derzeit dennoch nicht gut für die Verkehrswende und einen raschen Ausbau des Schienenverkehrs. Dass der nicht abgesagt, sondern nur verschoben wird, beteuern in diesen Tagen Bahn und Bundesregierung unisono. Doch angesichts der Dimension der Wirtschaftskrise ist kaum zu erwarten, dass der Umbau nach der Krise weiterläuft, wie vorher geplant. Der Druck wird wachsen, öffentliche Ausgaben in den nächsten Jahren zu senken. Das werden wahrscheinlich auch die Bahn und ihre Kunden zu spüren bekommen.

© SZ vom 12.05.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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