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Viele Firmen wollten eine schnelle, internationalere, praxisnähere Ausbildung. Nun, da Absolventen mit dem Bachelor all dies mitbringen, nörgeln die Unternehmer anderswo. Dabei stehen sie sie selbst in der Pflicht, wenn es um den Nachwuchs geht.

Von Roland Preuss

Nun also sind die Bachelor dran. Nachdem Wirtschaftsvertreter in den vergangenen Jahren schon ausführlich über die mutmaßliche Unfähigkeit vieler Ausbildungsplatzbewerber lamentiert haben, taugen jetzt auch viele Absolventen der Hochschulen angeblich nichts mehr. Nur knapp die Hälfte der Unternehmen einer großen DIHK-Umfrage sagt jedenfalls, die Bachelor hätten ihre Erwartungen erfüllt. Das sind so wenige wie nie. Von jedem fünften Neuen trennten sie sich noch in der Probezeit, meist, weil die Unternehmen vom fachlichen Können oder der persönlichen oder sozialen Kompetenz enttäuscht waren. Für DIHK-Präsident Eric Schweitzer sind das Zeichen einer "Überakademisierung", er will wieder mehr junge Leute in einer Berufsausbildung sehen und dafür sogar Studienplätze verknappen. Man kann nur hoffen, dass es nicht so kommt.

Die Ausbildung ist schneller, internationaler und praxisnäher. Doch nun ist es auch nicht rech

Die Debatte um Studienreformen und Berufstauglichkeit nimmt damit eine ironische Wende. Jahrelang haben Bildungspolitiker im Einklang mit Wirtschaftsvertretern die neuen Abschlüsse Bachelor und Master vorangetrieben, mit all ihren Konsequenzen: Das Studium wurde verschulter, zeitaufwendiger und schneller, die Absolventen jünger. Das Idealbild: Der gestandene Akademiker Anfang 20, mit internationaler Erfahrung, fachlich fit und mit ersten Berufserfahrungen. Vielfach ist es so gekommen: Ein Bachelor-Studium dauert meist nur drei Jahre, manche Absolventen sind gerade einmal 21 Jahre alt, viele haben schon Praktika und Auslandsaufenthalte hinter sich. Nun aber ist es auch wieder nicht recht.

Man muss an der Stelle schon fragen, wie realistisch die Erwartungen der Unternehmen sind. Man kann von einem Bachelor nicht das Gleiche erwarten wie früher von Diplom- oder Magisterabsolventen, die länger und oft auch fachlich breiter studiert haben. Man kann es umso weniger erwarten, als viele Bachelor-Absolventen schlechter bezahlt werden als die Akademiker mit den alten Abschlüssen. Hinzu kommt die persönliche Reife: Mit Anfang 20 ist man ein anderer Kandidat als mit 30. Nun merken manche: Wir brauchen Persönlichkeiten, nicht nur Absolventen.

Die Unzufriedenheit und Schweitzers Forderungen werfen eine grundsätzlichere Frage auf: Wie soll es weitergehen an den Universitäten, fast 16 Jahre nach Start des Bologna-Prozesses, der Europa Bachelor und Master bescherte? Denn die Wirtschaftsvertreter waren bisher vergleichsweise zufrieden mit dem neuen, internationalen System, das ihnen so viele junge, mitunter berufsnah ausgebildete Bewerber brachte. Von den Wissenschaftlern kann man das nicht behaupten. Die Kritik an Schmalspur-Akademikern, der Verschulung und Ausrichtung an späteren Berufschancen ist an den Hochschulen nie abgerissen. "Bildung statt Bologna" lautet ein Buch des Hamburger Uni-Präsidenten Dieter Lenzen vom vergangenen Jahr. Wenn nun auch noch die Wertschätzung der Wirtschaft wegbricht, ist es Zeit, sich Gedanken zu machen über grundlegende Reformen.

Dann wird auch wieder die angebliche Überakademisierung ein Thema werden. Ob demnächst tatsächlich zu viele Akademiker im Jobcenter stehen oder den Betriebshof fegen müssen, weiß niemand, aber es spricht wenig für dieses Szenario. Nach wie vor erzielen Akademiker deutlich höhere Einkommen als Menschen mit einem Berufsabschluss, und sie sind seltener arbeitslos. Viele junge Erwachsene wissen das auch, ein Fünftel der Studienanfänger hat bereits eine Berufsausbildung abgeschlossen - wollte aber lieber nicht im Betrieb bleiben. Das öffentliche Klagen ist interessengeleitet, denn jeder klagt anders: Die Ausbildungsbetriebe haben weniger Bewerber, unter denen sie auswählen können, und wollen wieder mehr haben. Ärztevertreter und IT-Unternehmen dagegen fordern mehr Akademiker, weil es ihnen letztlich ähnlich geht. Selbst offizielle Berichte widersprechen sich in der Einschätzung, ob sich nun zu viele oder zu wenige Menschen an die Hochschulen aufmachen.

Weniger Studienplätze anzubieten, ist da sicher nicht die Lösung. Das würde Studierwillige nur an private Hochschulen oder ins Ausland treiben. Gefragt sind vor allem die Unternehmen selbst. Wer mit dem Bachelor-Absolventen nicht zufrieden ist, muss wohl einen Master einstellen, für mehr Geld. Und wer einen Mangel an Azubis hat, kann bessere Angebote für Lehrstellen machen, auch für Abiturienten übrigens. Und dann gibt es da noch viele Interessenten, die angeblich nicht ausbildungsfähig sind, fast 250 000 kreisen derzeit im sogenannten Übergangssystem. Auch hier lassen sich Mitarbeiter finden, die Erwartungen erfüllen.