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Kommentar:Geld oder Zukunft

Die Krise hat die Biotech-Branche in ein besseres Licht gerückt. Das ist gut so. Die Fälle Biontech und Curevac zeigen aber auch, was Gründer brauchen.

Von Elisabeth Dostert

Jede Krise hat ihre Helden. In dieser sind es, zum Beispiel, die Pflegenden, Ärztinnen und Ärzte. Schlimm genug, dass es erst einer Pandemie bedurfte, um ihre Systemrelevanz zu erkennen, denn die hatten sie schon immer. Und es sind Menschen wie Uğur Şahin. Wie es aussieht, könnte die von ihm mitgegründete Firma Biontech das erste Unternehmen in der westlichen Welt sein, das die Zulassung für einen Impfstoff gegen das Coronavirus bekommt. Viele Jahre hat sich kaum einer für Biontech interessiert. Mittlerweile schafft es Şahin in die Hauptnachrichten der großen Fernsehsender.

Die Pandemie rückt ein Forschungsgebiet, das viele Menschen bislang argwöhnisch beäugten, in ein ausgewogeneres Licht. Das ist gut so. Lange Zeit galten, sehr verkürzt ausgedrückt, Biotechnologen als diejenigen, die am Genom von Menschen, Tieren und Pflanzen rumklempnern und Schöpfer aus ihrer Sicht perfekter Lebewesen sein wollen. Alle Segnungen der Biotechnologie wurden dabei leichthin verdrängt, zum Beispiel die Entwicklung individualisierter Therapien, nicht nur gegen Krebs, sondern auch gegen Demenz und andere Krankheiten. Auf anderen Innovationsfeldern, etwa der künstlichen Intelligenz, sieht es kaum besser aus. Leider.

Deutschland braucht mehr Menschen wie Uğur Şahin, die Innovationen im besten Sinne des Wortes wagen und Märkte mit neuen technologischen Ansätzen revolutionieren. Innovationen sichern Zukunft und Wohlstand.

Die Geschichte von Biontech zeigt exemplarisch, wann das Gründen gut läuft und, im Umkehrschluss, was oft fehlt. Es gibt reichlich Wissen an Hochschulen und Instituten wie denen der Fraunhofer-Gesellschaft. Aber aus viel zu wenigen Ideen entstehen Unternehmen mit marktfähigen Produkten. Es gibt Hochschulen, da funktioniert diese Translation schon ganz gut, zum Beispiel an der Technischen Universität München oder am Karlsruher Institut für Technologie. Auch bei Biontech und Curevac war das so. Aber zu oft ist das nicht der Fall. Das kann sich Deutschland nicht leisten.

Für viele Hochschulabsolventen ist Gründen keine Option, auch weil sie nicht lernen, wie Unternehmertum geht. Es ist riskant, eine Firma zu gründen. Sich anstellen zu lassen, erscheint vielen bequemer. Gründen ist harte Arbeit. Scheitern ist der Normalfall, Erfolg die Ausnahme. Die Frage ist recht theoretisch, weil die Antwort bekannt ist: Aber hätte eine Firma wie der Elektroauto-Hersteller Tesla Anfang des Jahrtausends in Deutschland gegründet werden können? Aus technologischer Sicht vermutlich ja. Und mental? Der Widerstand in dem Land, dessen Autoindustrie an klassischen Antrieben gut verdiente, wäre groß gewesen. Sich gegen satte Besitzstandswahrer durchzusetzen, erfordert sehr viel Mut.

Irgendwann brauchen Gründer sehr viel Geld

Und dann ist da das Geld. Es gibt in Deutschland ein paar gute Ansätze. Zum Beispiel Exist, ein Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums, das Hochschulabsolventen schon vor der Gründung und in einer frühen Phase unterstützt. Oder der Hightech-Gründerfonds, der seit 2005 rund 900 Millionen Euro eingesammelt hat und Start-ups in einer frühen Phase finanziert. Das Geld stammt vom Bund und von börsennotierten Konzernen und Familienunternehmen.

Aber dann, wenn die Gründer wirklich viel Geld brauchen, um zu wachsen, sieht es in Deutschland düster aus. Biontech hatte das Glück, dass Investoren wie Andreas und Thomas Strüngmann das Potenzial früh erkannten, schon die finanzielle Anfangsausstattung belief sich auf 150 Millionen Euro. Die Gründer von Curevac aus Tübingen fanden in Dietmar Hopp einen visionären Geldgeber. Den drei Investoren ist gemein, dass sie selbst Gründer sind und wissen, wie Revolution geht. Die Strüngmanns haben mit ihrer Firma Hexal die Pharmaindustrie aufgemischt, Hopp und seine Mitgründer mit SAP den Markt für Unternehmenssoftware. Aber das sind leider Ausnahmen.

Es gibt in Deutschland sehr vermögende Menschen, sie sollten es öfters wagen, auch größere Summen in Start-ups zu stecken. Solche finanziellen Engagements sind kein Altruismus, sondern sichern den eigenen Fortbestand, denn für die "Alten" sind die "Jungen" eine Frischzellenkur. Auch der Bund sollte viel mehr Geld für Gründer ausgeben. Und es braucht Fonds, über die Normalverdiener kleine Beträge in eine Gruppe von Start-ups investieren können.

Es geht um viel - um Geld oder Zukunft.

© SZ
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