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Kommentar:Gefühl und Statistik

Die Inflation ist laut Statistik niedrig, doch die Verbraucher empfinden es anders. Und das mitunter durchaus zu Recht: Der Warenkorb zur Ermittlung der Teuerungsrate lässt vieles unberücksichtigt, zum Beispiel die steigenden Kosten fürs Wohnen.

Von Markus Zydra

Jede Hausfrau weiß mehr über die Kaufkraft des Geldes, als es offizielle Statistiken je mitteilen könnten. Dieses Bonmot des 1973 verstorbenen österreichisch-amerikanischen Ökonomen Ludwig von Mises beschreibt Preisveränderungen als eine zutiefst persönliche Erfahrung. Ein prominentes Beispiel: Nach der Währungsumstellung von der D-Mark auf den Euro 2002 beklagten viele Deutsche, dass sich die Preise über Nacht fast verdoppelt hätten. Doch die offiziellen Statistiken wiesen diese Teuerung nicht aus. Das geflügelte Wort der "gefühlten Inflation" machte die Runde.

Mancher mag es heute ähnlich empfinden. Lebensmittel beispielsweise sind in der Corona-Krise deutlich teurer geworden. Und auch die Wohnkosten sind seit 2012 drastisch gestiegen. Doch die offizielle Inflationsrate in der Eurozone spiegelt diesen gefühlten Preisanstieg nicht wider. Im Juli lag die Teuerungsrate in der Eurozone bei nur 0,4 Prozent. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?

Der Warenkorb zur Ermittlung der Teuerungsrate muss sich an realen Kosten orientieren

Die Statistikbehörde Eurostat ist zuständig für den europäischen Verbraucherpreisindex. Der greift zurück auf Informationen der 19 nationalen Statistikbehörden in den Euro-Mitgliedstaaten. Diese messen die Preisveränderungen Tausender Waren und Dienstleistungen in einem fiktiven Warenkorb. Das soll Objektivität schaffen in einem sehr subjektiven Erfahrungsbereich.

Die Inflationszahl von Eurostat ist wichtig. Sie entscheidet darüber, ob die EZB eine lockere oder straffe Geldpolitik macht. Verärgerte Sparer, die mit Blick auf die Nullzinspolitik skandieren: "How dare you, EZB?", wissen: Die Notenbank rechtfertigt es offiziell stets mit der zu geringen Inflationsrate. Die EZB ist laut EU-Vertrag für stabile Preise zuständig. Sie strebt dazu eine Inflationsrate von zwei Prozent an, ein Ziel, das sie aber seit 2013 nicht erreicht. Deshalb haben die Währungshüter in den letzten Jahren, sogar mitten in der wirtschaftlichen Boom-Phase, die lockere Geldpolitik der Finanzkrisenjahre einfach fortgesetzt. Und auch jetzt in der Corona-Pandemie gibt es Spielraum, Billionen aus dem Nichts zu schaffen: Die offizielle Inflation ist niedrig genug.

Doch die Messungen der Statistiker decken sich immer weniger mit der Realität der Verbraucher, gerade bei den Wohnkosten. Die Häuserpreise sind zwischen 2015 und 2019 in den Großstädten um bis zu 50 Prozent gestiegen, und wer umziehen musste, merkte: Auch die Mieten zogen deutlich an. Große Teile der Bevölkerung müssen fast die Hälfte ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten aufbringen, meldet das Statistische Bundesamt. Doch im Inflationswarenkorb der Euro-Behörden sind diese Preiserhöhungen gar nicht oder zu gering gewichtet, vor allem die Kosten für selbst genutztes Wohneigentum. Das Problem ist den Verantwortlichen seit Langem bekannt.

Die offizielle Inflationsmessung erfasst die Kosten von Waren und Dienstleistungen, also Dinge, die konsumiert werden. Außen vor bleiben die Vermögenspreise, etwa für Aktien, Immobilien, Kunstwerke und Gold. Diese Vermögenswerte sind heute viel teurer als früher, auch das ist eine Folge der lockeren Geldpolitik. Diese Art von Inflation belastet nicht den Geldbeutel, sondern entspricht einer guten Rendite. Vor allem wohlhabende Menschen haben in den letzten Jahren davon profitiert. Vornehmlich dieser Teil der Bevölkerung kann sich solche Investitionen überhaupt leisten, und vor allem - anders als Kleinverdiener - etwaige Verluste verschmerzen.

Die lockere Geldpolitik der EZB trägt dazu bei, die Spaltung der Bevölkerung zwischen arm und reich zu vergrößern, und das auf Basis einer Inflationsrate, deren Messung viele Fragen aufwirft. Sollten etwa Vermögenspreise in die Inflationsstatistik mit aufgenommen werden, gäbe es wohl keine Rechtfertigung mehr für die lockere Geldpolitik, denn die Inflationsrate wäre deutlich höher. An einer Änderung hat politisch kaum jemand ein Interesse, denn die zum Teil hoch verschuldeten Staaten und Unternehmen der Eurozone sind auf Anleihekäufe der EZB und niedrige Leitzinsen angewiesen.

Natürlich gibt es nicht die eine "richtige" Inflationsrate. Es ist daher zwar vernünftig, sich auf eine Messmethode zu einigen. Aber wenn immer mehr Menschen in ihrem Alltag Preissteigerungen höher empfinden als sie offiziell ausgewiesen werden, müssen die Verantwortlichen reagieren. Die gemessene Inflationsrate braucht die Akzeptanz der Bevölkerung; die Menschen müssen die Zahlen, an denen so viel hängt, nachvollziehen können. Ansonsten schwindet das Vertrauen in den Euro und dessen Notenbank.

© SZ vom 10.08.2020
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