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Kommentar:Extras vom Chef

Handwerker, Händler oder Gastronomen müssen sich heute bei jungen Menschen bewerben, um noch Auszubildende zu finden. Deutschland muss die Ausbildung stärken. Einen anderen Rohstoff als Wissen gibt es nicht.

Bewerbungen funktionieren in der Regel so, dass diejenigen, die eine Stelle wollen, sich in ihrer Bewerbungsmappe in möglichst rosigen Farben beschreiben und im ersten Gespräch mit dem potenziellen Chef einen angestrengt guten Eindruck machen. Nach diesem Drehbuch läuft die Besetzung freier Arbeitsplätze hierzulande zwar durchaus noch ab. Der zehn Jahre währende Aufschwung und der zunehmende Fachkräftemangel allerdings haben noch eine neue Spielart des Bewerbungsprozederes mit sich gebracht: Das Unternehmen bewirbt sich beim Bewerber.

Besonders deutlich zeigt sich das auf dem Ausbildungsmarkt. Handwerk, Industrie, Handel, Dienstleistungen: Überall bleiben Lehrstellen unbesetzt. Große, bekannte Unternehmen haben zwar auch heute kaum Probleme, geeignete Azubis zu bekommen. Große Namen klingen in den Ohren künftiger Fachkräfte weiterhin so verlockend, dass diese Firmen immer noch viel mehr Bewerbungen bekommen, als sie Ausbildungsplätze zur Verfügung haben. Das hat diese Woche auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil erfahren, als er auf seiner Sommerreise das Lkw-Werk von Daimler besuchte.

Anderswo aber, auf dem Land, in mittelständischen Betrieben und bei kleinen Handwerkern, sieht es anders aus. Dass keine einzige Bewerbung ins Haus flattert, wenn eine Lehrstelle zu vergeben ist - diese Erfahrung machen immer mehr Unternehmen. Und so kommt es, dass der Chef heutzutage auf den Ausbildungsvertrag schon mal ein iPad oben drauf legt. Oder ein Dienstrad, ein kostenloses Ticket für Bus und Bahn oder eine Gratis-Mitgliedschaft im Fitnessclub. Von übertariflicher Bezahlung ganz zu schweigen.

Angesichts des Fachkräftemangels und des immer schärfer werdenden Wettbewerbs um die Schulabgänger - wobei die Unternehmen ihre betriebliche Ausbildung immer offensiver als Alternative zum Studium bewerben - ist es umso empörender, dass je nach Bundesland fünf bis zehn Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss verlassen. Und auch jenseits der viel zu hohen Abbrecherquoten ist das Bildungsversagen einiger Bundesländer unerhört. Ein Land wie Deutschland, ohne nennenswerte Rohstoffe und somit angewiesen auf die Fähigkeiten seiner Bewohner, kann es sich nicht leisten, dass Viertklässler nicht richtig lesen und rechnen können und dass Jugendliche den Hauptschulabschluss nicht schaffen.

Viele Betriebe, darunter besonders viele kleine, leisten einiges, was die Arbeitsmarktintegration von Jugendlichen mit schlechten Noten und von Geflüchteten, die teilweise nur schlecht Deutsch sprechen, angeht. Andererseits: Genauso unverständlich wie das politische Versagen in Sachen Bildung ist das weitverbreitete Stöhnen über die neue Mindestausbildungsvergütung in der Wirtschaft. Auch die teilweise immer noch unattraktiven Arbeitsbedingungen in Branchen wie dem Gastgewerbe oder Lebensmittelhandwerk, wirken nicht gerade wie ein ausgerollter roter Teppich.

Die besonders engagierten unter den engagierten Betrieben machen vor, wie es geht. Sie werben für sich in den sozialen Netzwerken, bieten mehr als einen Blaumann und locken offensiv Mädchen in Jungsberufe. Das Potenzial an Arbeitskräften, aus denen Fachkräfte werden können, ist trotzdem größer, als es manchem Chef vorkommt. Da wären zum Beispiel die 1,3 Millionen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die keinen Berufsabschluss haben. Es kann sich lohnen für ein Unternehmen, einen fähigen Helfer für eine Ausbildung freizustellen. Auch wenn das erst einmal Geld kostet. Erfreulich ist vor diesem Hintergrund die positive Resonanz der Privatwirtschaft auf den neuen sozialen Arbeitsmarkt in einigen Regionen. Dass also Firmen Langzeitarbeitslosen langfristig einen Job anbieten, der zwar anfangs voll, dann aber nur noch teilweise vom Staat mitfinanziert wird.

Der Kampf gegen den Fachkräftemangel wird am oberen und am unteren Ende der Qualifikationsskala ausgefochten werden müssen. Schon jetzt gibt es anspruchsvolle Ausbildungsberufe, die für Abiturienten interessant sind und mit einem Studium verbunden werden können. Die Akademisierung mancher Ausbildungsberufe kann ein Weg sein, sie für Kandidaten attraktiver zu machen. Gleichzeitig aber wissen die klugen unter den nachwuchssuchenden Firmen längst, dass sie auch dorthin schauen müssen, wo es für sie schwieriger, zeitaufwendiger und teurer wird: Zu denen, die in anderen Zeiten die Schule verlassen haben. Als der Ausbildungsmarkt noch kein Bewerbermarkt war.