Kommentar:Europas Chance

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Private Internetnutzer sind längst abhängig von Google, Apple und Facebook. Umso wichtiger wäre es, dass Wirtschaft, Verwaltung und der Bildungssektor sich mit Kraft um mehr digitale Autonomie bemühen.

Von Helmut Martin-Jung

Man könnte es für eine Nachricht halten, die Branchenfremde kaltlässt: Dass die Eclipse-Stiftung, eine der großen Open-Source-Software-Organisationen, ihren Sitz nach Europa verlegt, ist aber keineswegs nur interessant für Programmier-Nerds. Es ist eine gute Nachricht für Deutschland und Europa. Zeigt sie doch, dass Digitalexperten es Europa zutrauen, auf diesem wichtigen Zukunftsfeld eine entscheidende Rolle zu spielen. Es ist nun an Europa, Open Source als Chance zu begreifen und zu nutzen.

Schon jetzt, wo die Welt noch immer am Anfang der Corona-Pandemie steht, wird klar: Die Digitalisierung ermöglicht es zwar auch den Wirrköpfen, ihren Unsinn an eine weitaus größere Zahl von Menschen zu verbreiten, als das früher je möglich gewesen wäre. Die neuen Möglichkeiten der Kommunikation und Kollaboration sind jedoch so mächtig, dass es damit gelang, in Wirtschaft, Verwaltung und Bildung wenigstens eine Grundversorgung aufrechtzuerhalten.

Die Turbodigitalisierung, die mit der Pandemie einherging, hat eine Entwicklung beschleunigt, die ohnehin nicht aufzuhalten gewesen wäre. Dass etwa Videokonferenzen viele, wenn auch nicht alle Treffen ersetzen können, zu denen Geschäftsleute, Politiker und auch Journalisten früher geflogen sind, ist keine besonders überraschende Erkenntnis. Auch dass es neben E-Mail noch andere elektronische Kommunikationsmöglichkeiten gibt, ist nicht neu. Aber unter dem Zwang, sie einsetzen zu müssen, haben viele festgestellt, dass sie besser funktionieren als gedacht.

Die Digitalisierung ist natürlich nicht auf elektronische Kommunikation beschränkt, aber der Schub, den sie hier gebracht hat, wird sich aller Voraussicht nach auswirken auch auf andere Felder, die sich durch Digitalisierung weiterentwickeln können. Umso mehr gewinnt damit die Frage an Bedeutung, welche Plattformen dabei genutzt werden. Mit anderen Worten: welches Maß an digitaler Autonomie nötig und möglich ist.

Die Politik muss quelloffene Software noch stärker fördern als bisher

Was Privatnutzer in Europa anlangt, ist es damit nicht weit her: Nahezu alles, was man digital und damit meist im Internet tut, wird beherrscht von US-Konzernen. Google und Facebook machen Geschäfte mit den Daten ihrer Nutzer, Apple tut alles dafür, die Kunden im konzerneigenen Universum zu halten, auf dass sie Apple-Geräte kaufen und Apple-Dienste nutzen. Und das sind nur die größten.

Wäre es da nicht besser, wenn sich Wirtschaft, Verwaltung und der Bildungssektor um mehr digitale Autonomie bemühen würden? Den Vorsprung aufzuholen, den Google bei der Internetsuche (und auf vielen anderen Feldern) hat, ist nahezu unmöglich. Viele Versuche sind gescheitert. Aber muss es in der Wirtschaft, in der öffentlichen Verwaltung und vor allem bei Schulen und Universitäten genauso laufen?

Die Wirtschaft hat inzwischen erkannt, dass Programme, deren Quellcode nicht bloß der Hersteller kennt, viele Vorteile bieten. Kein ernst zu nehmender Open-Source-Befürworter wird zwar behaupten, dass sämtliche Software quelloffen sein müsse. Es gibt Bereiche, wo das weder sinnvoll noch nötig ist. Andersherum ist es aber für Bereiche wie etwa das Schulwesen eigentlich die einzig sinnvolle Option. Man ist nicht an einen Dienstleister gebunden, der Datenschutz lässt sich nachvollziehbar gewährleisten, Lizenzgebühren fallen nicht an, die Software kann, wo nötig, den eigenen Bedürfnissen entsprechend angepasst werden.

Ohne Unterstützung und Koordinierung wird es allerdings nicht funktionieren. Es braucht daher eine ambitionierte Initiative, damit auf Open-Source-Software basierende Plattformen entstehen können, wie sie in der Wirtschaft längst unverzichtbar geworden sind. Dort hat man erkannt, dass es keinen Sinn ergibt, dass jedes Unternehmen sich selbst um grundlegende digitale Werkzeuge kümmert. Sondern dass es viel einträglicher ist, mit erheblich weniger Aufwand bei diesen Basis-Werkzeugen mitzuhelfen und darauf die eigenen Dienste aufzubauen. Je breiter die Basis ist, umso mehr Kunden lassen sich erreichen - mit einer proprietären Lösung ginge das nicht.

Wenn es der Politik wirklich ernst ist mit digitaler Autonomie, müssen die Anstrengungen, die es ja durchaus gibt - etwa die Open-Source-Strategie der EU - noch erheblich verstärkt werden. Der Aufwand lohnt sich: Die Digitalisierung ist die beherrschende Entwicklung unserer Zeit. Die US-Konzerne werden dabei ebenso wenig auf Europa warten wie ihre aufstrebenden Konkurrenten in China.

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