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Kommentar:Es braucht Anreize

Die Kunden der Sparkassen können an der Ladenkasse nun mit dem Smartphone bezahlen. Der schnelle Durchbruch für das mobile Bezahlen ist das nicht. Dafür ist die Einführung zu halbherzig gedacht. Der richtige Schritt war es trotzdem.

Von Nils Wischmeyer

Die Einkäufe vom Band ziehen, das Smartphone zücken, an die Kasse halten, schon ist alles bezahlt: Ach, wie erstaunt doch alle schauen. Seit Anfang der Woche nun steht diese Spielerei fast allen Sparkassen-Kunden zur Verfügung, vorausgesetzt sie haben die App der Sparkasse und ein Android-Smartphone. Damit ist es nun Millionen von Menschen in Deutschland möglich, ihre Einkäufe mit dem Smartphone zu bezahlen. Der große Durchbruch für das mobile Bezahlen wird das nicht sein, dafür sind zum einen die Gewohnheiten der Deutschen beim Bezahlen zu festgefahren. Zum anderen ist die Einführung halbherzig gedacht. Langfristig allerdings war die Einführung goldrichtig.

Auf den großen Wurf sollte keiner warten. Auch EC-Karten setzten sich nicht sofort durch

Um die Gewohnheiten der Deutschen endgültig zu ändern, braucht es mehr als nur ein Angebot. Es bräuchte Anreize, die den Kunden dazu bewegen, beim nächsten Mal nicht die kontaktlose Girocard zu zücken, sondern sein Smartphone. Technisch gesehen sind sich Karte und Handy ebenbürtig, beide nutzen die Technik der Near Field Communication (NFC). Dabei werden über Radiowellen blitzschnell Daten zwischen dem Kassenterminal und der Karte oder dem Smartphone ausgetauscht. Bis 25 Euro funktioniert das Bezahlen einfach so, danach muss man bei beiden Optionen zusätzlich eine PIN eingeben. Warum also das Handy zücken, wenn die Girocard, an die sich die Deutschen mittlerweile gewöhnt haben, zur Hand ist? Ein Grund wäre, dass es einen Rabatt an der Kasse gibt fürs mobile Bezahlen oder zusätzliche Treuepunkte. Eine andere Lösung: Jeder zehnte Kaffee bei Starbucks könnte umsonst sein, wenn die Kunden mit dem Handy bezahlen.

Solange solche Anreize fehlen, wird der Durchbruch ausbleiben, den Banken und Experten seit Jahren heraufbeschwören. Schlimm ist das aber keinesfalls. Denn die Sparkassen und bald auch die Volks- und Raiffeisenbanken machen mit der Einführung des mobilen Bezahlens einen großen Schritt in die richtige Richtung. Junge Kunden werden von ihnen erwarten, dass sie bei der Sparkasse alles können, was sie sonst bei Paypal oder Google machen würden. Mit Blick auf die Zukunft also haben sich die Finanzgruppen gut aufgestellt.

Und was noch viel wichtiger ist: Sie haben sich nicht verrückt machen lassen. Während der Rest auf den Hype von Google Pay, das seit Anfang des Monats verfügbar ist, aufgesprungen ist oder noch auf die Ankunft von Apple Pay in Deutschland wartet, haben sich Sparkassen und Genossenschaftsbanken darum gekümmert, dass man in ihrer App seine Girocard hinterlegen kann. Das war bei den anderen Anbietern bisher nicht möglich. Damit setzen sie auf eine Karte, der die Deutschen vertrauen. Auch das war ein kluger Schachzug und dürfte es Konkurrenten wie Google schwer machen.

Die einzige Alternative ist das nicht. Fast für alle amerikanischen Bezahldienste gibt es ein deutsches Pendant: Mit Paydirekt gibt es einen immer besser werdenden Paypal-Klon, über Kwitt kann man Geld von A nach B schicken. Seit einigen Wochen können Kunden der meisten Sparkassen in Echtzeit überweisen und nun auch mit dem Smartphone bezahlen. Die Angebote mögen nicht perfekt sein, aber das sind die Produkte von Google & Co. auch noch lange nicht. Auf den großen Wurf und einen sofortigen Durchbruch sollte in den deutschen Finanzhäusern keiner warten. Weder der Geldautomat noch die Scheckkarte waren von Tag eins beliebt bei den Kunden. Heute sind sie nicht mehr wegzudenken.

Stattdessen sollten die deutschen Anbieter ihre Produkte kontinuierlich weiterentwickeln. Dazu gehört es, Anreizstrukturen für mobiles Bezahlen zu schaffen oder in neue Technologien zu investieren. Zurzeit noch haben Banken einen Vorsprung, der aus dem Vertrauen der Kunden heraus rührt. Den sollten die Finanzinstitute nun klug nutzen.

Die Verbraucher würden den Banken wohl danken. Sie sind damit nicht mehr den Angeboten von Paypal & Co. ausgeliefert, wenn sie im Laden mobil bezahlen wollen oder Geld zwischen Freunden hin- und herschicken möchten.

Bezahle ich über Paypal im Internet oder mit Google an der Kasse bei Aldi, bedeutet der Service immer auch, dass ich meine Daten an die Konzerne gebe. Die Sparkassen haben ein etwas anderes Modell. Sie sagen von sich aus, dass keine Daten an Dritte weitergegeben werden und bepreisen dafür einige Produkte wie etwa die Echtzeitüberweisung. Auch Google beteuert, Daten nicht weiterzugeben, zumindest nicht zurzeit. Am Ende müssen die Verbraucher selbst entscheiden, ob und wem sie ihre Daten geben wollen, den Sparkassen oder Google.

© SZ vom 01.08.2018
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