Was war das für ein Bangen im vergangenen Jahr bei einigen deutschen Start-ups. In Köln, Berlin oder München waren Gründer und Investoren angetreten mit einer neuen Mobilitätsform: Abos für Autos hatten sie sich ausgedacht, mit flexiblen, kurzen Laufzeiten, recht überschaubaren Bedingungen, unkompliziertem Prozedere und einigermaßen nachvollziehbaren Preisen. Aber das Interesse war anfangs äußerst bescheiden. Kaum einer meldete sich an auf den schicken Websites, wohl auch weil die Macher das gute alte Instrument der Werbung vergessen hatten. Deutschland ist eben doch ein Autoland, hieß es vor allem, und das meinte ein Land, in dem jeder sein ganz eigenes Auto haben will.
Nun, ein gutes Jahr nachdem diese Geschäftsidee unter verschiedenen Namen und Ausgestaltungen an den Start gegangen ist, scheint sie doch Zuspruch zu bekommen: Die Nutzerzahlen steigen deutlich. Einer Umfrage zufolge kann sich mittlerweile sogar jeder Zweite im Land solch eine Form des Autobesitzes vorstellen. Eine Studie prophezeit nun sogar 500 000 bis eine Million Abo-Autos im Deutschland des Jahres 2030.
Das sind hübsche Aussichten für die Start-up-Unternehmer. Es wird zudem den Autohandel verändern und die Geschäftsmodelle der Autohersteller, wie auch jene der Versicherungen. Und es kann der Markteinführung von E-Autos Vorschub leisten. Denn die lassen sich so recht risikolos und mit überschaubarem Organisationsaufwand im Alltag testen.
In den Städten verlieren junge Menschen immer mehr das Interesse an einem eigenen Auto
Aber was da gerade geschieht, kann Konsequenzen haben, die weit übers bloße Geschäftemachen hinausgehen, die positiv ausstrahlen können, gerade in urbanen Räumen. Dort verlieren junge Menschen immer mehr das Interesse am ganz eigenen Auto. Die Kurzzeit-Miete, das sogenannte Car-Sharing, wächst im Gegenzug. Wenn nun auch immer mehr regelmäßige Autofahrer einen Wagen pragmatisch für einige Monate mieten, statt ihn zu kaufen, zeigt sich noch deutlicher, wie das Auto als Statussymbol an Bedeutung verliert. Es gibt also eine zunehmend relevante Zahl an Menschen, die ihr Wohlergehen nicht mehr mit dem eigenen Wagen verbindet. Das schafft Freiheiten für eine andere Mobilität. Und das ist gut, weil so nötig.
Welch wunderbare Errungenschaft ist es, dass sich der Mensch nicht mehr nur ein paar Kilometer zu Fuß fortbewegen kann, sondern spontan reisen kann oder auch einfach mal herumfahren. Das ist Freiheit. Das Auto ist dabei eines der flexibelsten Werkzeuge. Aber man kann nicht darüber hinwegsehen, dass es mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbunden ist: Es verbraucht Sprit (oder auch Strom!), schädigt das Klima und oft auch noch die Umgebungsluft, der Platzverbrauch ist enorm. Selbst Automanager benennen diese Probleme inzwischen. Mit Lösungen tun sich aber alle schwer. Denn bislang wird der empörte Autofahrer als Gegner immer mitgedacht: Der will nun mal keine Veränderung und ist in der unangreifbaren Mehrheit. Autoland halt.
Mit dem Zuspruch zu neuen Nutzungsarten zeigt sich indes, dass die bremsende Emotionalität vielleicht kleiner ist, als von Befürwortern wie Gegnern unterstellt. Statt sich zu ideologisch verkämpfen zu müssen, können Stadtgesellschaften deshalb vielleicht zügiger Staus und Parkplatzgedränge entzerren, als sie erhofft hatten. Die Wirtschaft kann und muss dafür passend neue Angebote bereiten. Die Digitalisierung dient dabei als Katalysator - und ermöglicht vieles erst. So ist die Versicherungsbranche noch nicht recht auf die flexiblen Besitzverhältnisse eingestellt: Wer mietet, zahlt etwa fast immer einen Standardtarif. Es bleibt bislang unberücksichtigt, wenn jemand unfallfrei und mit viel Erfahrung unterwegs ist. Solch ein Autofahrer wird kaum vom eigenen Wagen lassen, denn dank einer hohen Schadenfreiheitsklasse kann er so schon einmal tausend Euro im Jahr einsparen im Vergleich zum Fahranfänger.
Vielleicht lassen sich bald auch noch bessere Angebote schnüren aus Auto, E-Bike und ÖPNV. Zwei Räder für den Sommer, vier für den Winter sowie stets Bus und Bahn, auch wenn das die Hersteller und Händler vielleicht nicht freut. Oder was ist mit der Verbindung von Nutzern, die sich kennen und in einer Nachbarschaft leben? Sie könnten sich ein Auto per Abo teilen, es per Handy verwalten, keiner bräuchte aufs Amt zu gehen.
Mit mehr Pragmatismus und weniger Ideologie kann endlich einiges in Bewegung kommen im Autoland. Den verbleibenden Kritikern sei gesagt: Fuchsschwanz und Doppel-Auspuffrohre in Chrom werden damit ja nicht verboten.