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Kommentar:Entscheidung an den Börsen im September

Der Dax hat im Vergleich zu anderen Märkten mit am stärksten nach unten korrigiert. Was sollten Anleger also jetzt tun? Warten. Warten, wie sich die Profis platzieren, und wie die EZB entscheidet.

Das war zu viel: erst die Euro-Stärke, dann der Dieselskandal und jetzt der Nordkorea-Konflikt. Zu viel für die Börsen, insbesondere für den deutschen Aktienmarkt, auf dem es mehr Exportunternehmen gibt als in den meisten anderen Ländern. Anleger müssen auf der Hut sein. Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat im Vergleich zu anderen Märkten mit am stärksten an Wert eingebüßt, um fast sieben Prozent seit den Höchstständen im Juni.

Allein die Autobauer, die wegen der Abgasmanipulationen in die Kritik geratenen sind, gehen zu mehr als zehn Prozent in die Berechnung des Index der 30 wertvollsten deutschen Unternehmen ein. Banken und Versicherungen, die durch die anhaltende Nullzinsphase und auch aus anderen Gründen teilweise im Umbruch stecken, stehen sogar für mehr als ein Zehntel des Barometers. Und die sogenannten Schwergewichte Siemens, Bayer und SAP, deren Börsenwert zu jeweils acht bis zehn Prozent in das Aktienbarometer einfließt, repräsentieren genauso wie die meisten anderen Industrieunternehmen aus der ersten Börsenliga: Exportstärke. Politische Konflikte wie die zwischen den USA und Nordkorea, noch dazu welche mit kriegerischem Potenzial, sind Gift fürs Geschäft und beunruhigen die Investoren.

Die Richtungsentscheidung wird von internationalen Vermögensverwaltern getroffen

Was heißt das für Anleger? Es heißt: Die beste aller Welten für Börsianer, das sogenannte Goldlöckchen-Szenario bestehend aus Tiefzinsen, Wirtschaftswachstum und guten Geschäftsaussichten, ist so nicht mehr gültig. Das gilt für den Dax, aber zunehmend auch für andere Börsen, deren Unternehmen stark von der deutschen Konjunktur abhängen. Wenn etwa in Deutschland die wichtige Autoindustrie Schwierigkeiten bekommt, trifft das Zulieferer in Tschechien, Ungarn oder Spanien, wo die meisten Autoteile herkommen, und wo prozentual gesehen teilweise sogar mehr Arbeitsplätze am Autobau hängen als bei uns.

Und weil an den Aktienmärkten Erwartungen gehandelt werden und nicht Ergebnisse, helfen einzelne gute Quartalszahlen den Kursen nur noch bedingt weiter, wenn die Zukunft zu viel Risiken birgt. Hinzu kommt: Zurzeit treffen schlechte Nachrichten oft auf verminderte Handelsumsätze an den Börsen und schlagen deshalb schneller durch. Viele Profis in den Finanzzentren sind noch im Urlaub. Erst nach deren Rückkehr positionieren sich die institutionellen Anleger neu - maßgeblich ist hier traditionell der Labor Day in den USA, dieses Jahr der 4. September. Die Frage lautet dann erneut: Welche Märkte bringen künftig die meiste Rendite? Denn Ende des Jahres wollen die Profis den Kunden ein sattes Plus im Portfolio nachweisen.

Klar, man sollte nicht alles über einen Kamm scheren, es gibt immer gute Gründe dafür, in Aktie A investiert zu bleiben und in Aktie B nicht. Langfristig kann sich das durchaus auszahlen, wenn man einen langen Atem hat und Tiefphasen aussitzen kann. Die Richtungsentscheidung für die nächsten Monate wird aber von milliardenschweren, internationalen Vermögensverwaltern getroffen, die zunehmend ganze Indizes kaufen per ETF, den sogenannten Exchange Traded Funds. "Deutschland oder Kerneuropa über- oder untergewichten", das ist dann der entscheidende Punkt in Analystensprache. Auch Privatleute können "den Markt" über solche ETFs kaufen. Im Abwärtstrend sind sie dann ebenso voll dabei wie zuvor, als es aufwärts ging.

Was also sollten Anleger tun? Wer mit seinen Investments gut im Plus liegt, kann sich überlegen, die bisher überschaubare Korrektur zum Ausstieg zu nutzen. Ansonsten gilt: warten. Warten, wie sich die Profis platzieren, das sollte bis Ende September absehbar sein. Bis dahin ist auch klar, wer Deutschland die nächsten vier Jahre regiert, davon hängt die Dieselpolitik und damit auch die Zukunft der Autobranche ab. Bis dahin will auch die Europäische Zentralbank erklärt haben, ob sie ihre Politik des billigen Geldes zurücknimmt und zumindest die Anleihenkäufe reduziert. Das ist vor allem für den größten Schuldner der Euro-Zone, Italien, wichtig, denn die Regierung in Rom benötigt bis zum Jahresende alleine noch 90 Milliarden Euro, Geld, das ihr Investoren wohl nur dann geben, wenn die EZB weiterhin als Aufkäufer der Schuldpapiere bereitsteht.

Und, das allerdings ist nur eine Hoffnung: Bis dahin könnten die politischen Egomanen in Nordkorea und Amerika zu diplomatischen Lösungen gefunden haben, sodass die Börsianer sich wieder mehr auf das konzentrieren können, was Geldanlage ausmacht: die Analyse ökonomischer Fakten und die Beurteilung zukunftsträchtiger Geschäftsmodelle.

© SZ vom 14.08.2017
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