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Kommentar:Eine Chance für viele

Die deutschen Firmen sollten das Lieferkettengesetz nicht verdammen. Denn es hilft nicht nur den Arbeitern und Arbeiterinnen in aller Welt. Es nutzt auch den Firmen.

Von Caspar Dohmen

Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft laufen wieder einmal Sturm, diesmal geht es um das geplante Lieferkettengesetz - und damit um ein Gesetz von großer Tragweite. Sollten sich die Bedenkenträger durchsetzen, würde die Chance vertan, die Arbeitsbedingungen derjenigen zu verbessern, die weltweit an der Herstellung von Waren und Dienstleistungen für deutsche Unternehmen beteiligt sind. Doch auch deutsche Unternehmen hätten das Nachsehen. Sie würden sich einer Riesenchance auf gute Geschäfte berauben. Denn der Trend zu ökologisch und sozial einwandfrei hergestellten Produkten lässt sich nicht stoppen. Unternehmen, die frühzeitig saubere und soziale Lieferketten schaffen, haben gute Aussichten auf Pioniergewinne.

Natürlich kostet es zunächst viel Geld, Lieferketten aufzubauen, die sozial, ökologisch, transparent und ehrlich sind. Und natürlich werden deutsche Unternehmen einen höheren Teil ihrer Marge an die Zulieferer abgeben müssen, wenn diese die Menschenrechte einhalten und existenzsichernde Löhne zahlen. Doch Lieferketten lassen sich zunehmend besser erfassen und kontrollieren, dank neuer Technologien wie der Blockchain-Technologie, also jener dezentralen und von vielen gemeinsam genutzten Datenbank. Und die Zusatzkosten sind Investitionen in die Zukunft. Und die gehört Produkten und Dienstleistungen, die in transparenten Lieferketten, ökologisch sauber und sozial verantwortlich hergestellt werden. Dafür gibt es einige Gründe: Verbraucher fragen immer mehr solche Produkte nach. Auch Anleger achten verstärkt auf ökologische und soziale Folgen bei der Produktion und verlangen von den Unternehmen, verantwortlich zu handeln.

Vor allem aber verabschieden sich immer mehr Staaten von dem Prinzip Hoffnung, wenn es darum geht, die Zustände in den Lieferketten durch freiwilliges Engagement der Firmen zu verbessern. Jahrzehntelang haben die Unternehmen versprochen, freiwillig Missstände in den Lieferketten abzustellen. Wäre ihnen das gelungen, gäbe es etwa in Westafrika keine Kinderarbeit mehr in der Kakao-Ernte. Aber die Missstände sind nicht beseitigt. Daher haben etwa die Niederlande ein Lieferkettengesetz gegen Kinderarbeit und zum Beispiel Kalifornien, Großbritannien und Australien Lieferkettengesetze gegen moderne Sklaverei und Menschenhandel beschlossen. Daher hat auch Frankreich alle großen Unternehmen auf die Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfalt verpflichtet.

Manche Firmen haben sich längst aus der eigenen Fertigung verabschiedet

Die verästelten Produktionsnetze mit Hunderttausenden Zulieferern entspringen ja keinem Naturgesetz. Die Unternehmen haben sie geknüpft, um sich selbst auf die Arbeitsschritte zu beschränken, mit denen sie die höchste Wertschöpfung erreichen. Manche Unternehmen haben sich deswegen sogar komplett aus der eigenen Fertigung verabschiedet. Dazu zählen fast alle Hersteller von Bekleidung, Schuhen und Elektronik. Was auf dem langen Weg der Lieferkette geschah, wussten sie nicht und es hat sie auch lange Zeit nicht interessiert.

Inzwischen lassen sich die Lieferketten immer einfacher technologisch erfassen und kontrollieren. Die Blockchain-Technologie bietet viele Möglichkeiten. Schon heute haben große Unternehmen Pilotprojekte laufen. Arzneimittelhersteller erfassen den Weg von Originalmedikamenten, um Fälschungen aus dem Markt zu halten und damit den Verbraucher zu schützen. Einzelhandelskonzerne kennen den Weg von Frischeprodukten, um bei einem auftauchenden Fehler schneller Waren ausfindig machen zu können.

Erste Versuche gibt es auch bei der Einhaltung von Menschenrechten von Arbeitern und Arbeiterinnen. So erfassen Unternehmen den Abbau von Kobalt in Minen im Kongo, sogar auf den ersten Metern. All dies mag noch mit Fehlern behaftet sein, aber es ist vielversprechend. Und man kann angesichts des rasanten technologischen Fortschritts davon ausgehen, dass die Fehler in den nächsten Jahren beseitigt werden.

Was es braucht sind Unternehmen, die solche Methoden konsequent anwenden. Diese Chance sollten die deutschen Unternehmen nutzen. Sie haben auch in der Vergangenheit bewiesen, dass es eine ihrer Stärken ist, neue Technologien praktisch anzuwenden. Der deutsche Maschinenbau ist dafür ein leuchtendes Beispiel. Es wäre im Interesse aller, wenn die Firmen nun mit der neuen Blockchain-Technologie die Lieferketten umgestalten. Und dafür gibt es sogar das Know-how in Deutschland. Auch dies ist ein Grund, die Verantwortung für Lieferketten zu übernehmen und darin eine Chance zu sehen.

© SZ vom 02.09.2020
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