bedeckt München 14°

Kommentar:Die letzte Leistungsschau

Noch fährt der chinesische Ministerpräsident Li mit einem dicken Daimler-Dienstwagen vor. Doch die Zeiten werden sich ändern. China setzt an zum Überholen in der Autoindustrie. Allein um auf Augenhöhe zu bleiben, müssen BMW, Mercedes und VW kämpfen.

Von Max Hägler

Es war eine veritable Leistungsschau der deutschen Industrie. Am Flughafen Tempelhof hatten in dieser Woche die drei großen deutschen Autohersteller ihre Vorstellungen von künftigen Roboterwagen aufgebaut: links VW, in der Mitte Daimler - samt ulkiger Drehantenne auf dem Dach -, rechts der Autobauer BMW. Dann fuhr der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang vor, in einem schweren schwarzen, ja, Mercedes. Auf den Kotflügel des Wagens aus schwäbischer Produktion war die chinesische Standarte aufgepflanzt. Mit der Bundeskanzlerin stieg Li danach in einen vom Computer gelenkten Kleinbus aus dem Volkswagen-Konzern. Man sei heil wieder angekommen, scherzte Angela Merkel hernach - und man gratulierte sich zu neuen, milliardenschweren Kooperationen.

China gefallen deutsche Produkte, China braucht deutsche Produkte. Alles bestens, wie das halt immer so ist, wenn die deutsche Industrie Geschäfte macht, so sah das bei rascher Betrachtung aus, zum Abschluss der fünften deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen.

In den Konzernzentralen in München, Ingolstadt, Wolfsburg oder Stuttgart werden sich jedenfalls etliche Damen und Herren aus der technischen Entwicklung und dem Vertrieb die Hände gerieben haben: Nun geht alles noch schneller! Das Autobauen, das Autoverkaufen! Auf dem riesigen Markt mit 1,3 oder gar 1,4 Milliarden Menschen, die alle irgendwie potenzielle Konsumenten sind.

Doch die Freude ist getrübt, auch abseits aller politischer und moralischer Bedenken, die im Wirtschaftsleben leider nachrangig behandelt werden. Denn dieses Treffen erleichtert nicht nur die Zusammenarbeit. Es hat auch die neu entstehenden Kräfteverhältnisse in der Industrie aufgezeigt.

Nie zuvor war die Abhängigkeit der deutschen Autoindustrie so zu spüren. China ist der größte Markt der Welt - und die größte Herausforderung, mehr noch als die USA. Schon heute verkaufen die deutschen Hersteller in China Millionen Autos. Zugleich ist Chinas eigene Industrie immer mehr auf Augenhöhe mit den deutschen Hightech-Autoschraubern, die immer mehr Programmierer sind. Oder wie Li sagt: "Wir haben Daten in großen Mengen, und Sie brauchen das."

Zugespitzt: Ob in zehn Jahren die Chinesen sich noch die Zeit nehmen, um bei einer Deutschland-Exkursion Wagen deutscher Provenienz zu betrachten, ist sehr fraglich. Und falls das so ist, wird der chinesische Ministerpräsident wohl nicht mehr im dicken Mercedes vorfahren, sondern in einem chinesischen Fabrikat, welcher Marke auch immer. Es ist anzunehmen, dass er diverse sehr vorzeigbare Fahrzeuge zur Auswahl hat.

Alles am chinesischen Markt ist enorm, die Zahl der Kunden, die Finanzmittel der Investoren - einer der größten Daimler-Aktionäre stammt mittlerweile aus China - sowie die Zahl der Ingenieure. Dazu kommt, dass dies alles durch ein dirigistisches Staatssystem gesteuert wird. In China werden also künftig die Standards der Autowelt gesetzt: ob beim autonomen Fahren oder bei Elektroantrieben. Chinesische Unternehmen haben Fähigkeiten, welche die deutsche oder europäische Industrie nicht mehr hat oder nie hatte. Ein Beispiel ist die künftig enge Zusammenarbeit von BMW mit dem Suchmaschinen- und Softwareriesen Baidu.

Gemeinsam konstruiert man Roboterautos. Auch in einem anderen Feld haben Asiaten und allen voran die Chinesen die Europäer und die Deutschen nun schon überholt: Thüringen bekommt eine Fabrik für Fahrbatterien, ebenfalls ein Ergebnis der Regierungskonsultationen. Die Stromspeicher machen etwa ein Drittel des Wertes eines Elektroautos aus, sie sind Kernbestandteil, so wie das früher der Motor war. Doch in Thüringen baut nicht die deutsche Industrie, sondern das chinesische Unternehmen CATL. Sie beherrschen diese Hochtechnologie einfach besser.

Man muss der Entwicklung nicht mit Furcht begegnen: Das ändert ja nichts. China ist zu groß, um etwas aufzuhalten. Immerhin spielen die Deutschen mit. Mehr als 20 Kooperationen sind die Autohersteller mit chinesischen Unternehmen und Forschungsinstitutionen eingegangen. Wobei mehr Zusammenarbeit eben auch bedeutet: Eigentlich exklusives Wissen verbreitet sich noch schneller. Und die deutsche Industrie wird damit an Bedeutung verlieren. Wie sehr, das ist noch nicht ausgemacht. "Es wäre schön", sagte Merkel zu ihrem Konterpart Li, wenn sowohl China als auch Deutschland künftig ganz vorne dran wären in der Industrie. So sieht das beste Szenario aus. Aber es wird ein Kampf, selbst, um wenigstens auf Augenhöhe zu bleiben.

© SZ vom 12.07.2018
Zur SZ-Startseite