Kommentar Die Gier der Datensammler

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Die Kritik an Facebook wird immer lauter. Das soziale Netzwerk, das fast alles über seine Nutzer weiß, hat eine monopolistische Stellung. Es ist Zeit für Regulierung oder gar eine Zerschlagung. Die Politik muss eingreifen.

Von Helmut Martin-Jung

Menschen interessieren sich für Menschen, das liegt in ihrer Natur. Mithilfe von Technik einen Weg zu schaffen, auf dem Menschen etwas über Bekannte und Verwandte erfahren, mit ihnen in Verbindung bleiben können, das ist durchaus eine gute, sogar eine sinnvolle Idee.

Doch was ist nur aus ihr geworden! Es wird höchste Zeit, dem großen Datensammler Facebook Grenzen zu setzen.

Längst geht es dem Unternehmen nicht mehr darum, der Menschheit einen Dienst zu erweisen. Dass das soziale Netzwerk Facebook seinen behaupteten Zweck zu einem Teil erfüllt, ist bloß noch Nebenwirkung einer gigantischen Datensammel- und Werbemaschine. Wozu bräuchte Facebook die talentiertesten Datenanalytiker und Experten für künstliche Intelligenz, wenn es lediglich darum ginge, eine Plattform zu bieten, über die man Kontakt hält zu anderen?

Nein, das wahre Ziel ist, mit ungeheuren Massen an Daten Trends zu erkennen, Erkenntnisse abzusaugen, die sich gewinnbringend verkaufen lassen. Dass Produktsuchen irgendwo im Netz oft schnurstracks zu einer Anzeige im eigenen Nachrichtenstrom bei Facebook führen, ist dafür nur ein - und auch noch simples - Beispiel. Mit allen Tricks versucht das Netzwerk, seine Nutzer auf den eigenen Seiten zu halten, erzeugt eine regelrechte Sucht, ja nichts zu verpassen. Hat ein Konkurrent mal eine gute Idee, bekommt er ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Oder zumindest nicht sollte. Denn sonst kann es ihm passieren, dass diese Idee einfach nachgeahmt und seine Firma plattgemacht wird.

"Nur Gott weiß, was das mit den Hirnen unserer Kinder macht."

In seiner schier unersättlichen Gier nach immer mehr Nutzern, immer mehr Werbeeinnahmen hat sich Facebook aber verrannt. Auch im fortschrittsgläubigen Silicon Valley wird die Kritik immer lauter. Sogar Mitgründer Sean Parker zeigt sich bestürzt darüber, was aus Facebook geworden ist: "Nur Gott weiß, was das mit den Hirnen unserer Kinder macht." Mehr und mehr Menschen fühlen sich unwohl, weil das Netzwerk einen besser kennt als die besten Freunde und vielleicht sogar man sich selbst. Zahlreiche Studien sind darüber erschienen, wie allein das Verhalten auf sozialen Netzwerken nahezu alles über Menschen verrät. Welche politische Einstellung sie haben, welche sexuelle Orientierung. Und anstatt den Blick zu weiten, bestärkt Facebook Menschen in ihren Sichtweisen.

Ist die derzeit sehr intensiv geführte Debatte über Facebook schon der Beginn einer Abwärtsspirale, wie manche mutmaßen? Das wird jedenfalls zu einem nicht geringen Teil davon abhängen, ob sich die Staaten der westlichen Welt dazu durchringen können, die Macht dieser Konzerne zu begrenzen. Sie sollten es tun, wenn ihnen noch etwas an offenem Dialog und an Demokratie gelegen ist. Wenn sie ihre Bürger besser als heute davor schützen wollen, den Datenjägern und -sammlern als Freiwild zu dienen.

Die digitale Welt lebt vom ungeheuer beschleunigten, exponentiellen Wachstum. Sie ist international. Die erfolgreichsten Digitalkonzerne haben mehr Geld als mancher Staat. Die Staaten dagegen denken noch immer zu national, ihre Mühlen mahlen langsam. Doch sie sind nicht machtlos. Sie müssen ihre Macht nur nutzen. Ansatzpunkte gibt es genug, zum Beispiel beim Wettbewerbsrecht. Nicht selten verstoßen die Internetkonzerne gegen geltende Gesetze. Sie probieren aus, wie weit sie gehen können und geben gerade so viel nach, wie sie unbedingt müssen. Daher ist es wichtig, den Druck hochzuhalten. Facebook in mehrere kleinere Unternehmen zu zerschlagen könnte helfen, das müsste aber von den USA ausgehen. Was jedoch Europa tun kann, im Steuerrecht, im Wettbewerbsrecht, das sollte es tun.