bedeckt München

Kommentar:Die China-Illusion

Chinas Zentralbank hat die Mindestreserven für die Banken reduziert, um für eine höhere Kreditvergabe Raum zu schaffen. Wie schnell geht es künftig bergab?

Von Marcel Grzanna

Die chinesische Wirtschaft erlebt ein raues Jahr. In den Wintermonaten kam die Konjunktur nur schwer in die Gänge. Die Zentralbank, deren Geschicke von der Regierung gelenkt werden, senkte jetzt die Mindestreserven für Banken, um Raum zu schaffen für eine größere Kreditvergabe. Es war die jüngste einer ganzen Reihe von Maßnahmen seit Ende vergangenen Jahres, mit denen sich Peking gegen den Abwärtstrend stemmen will. Dabei geht es schon längst nicht mehr um die Frage, ob es noch weiter bergab geht, sondern nur noch darum, in welchem Tempo es künftig abwärts geht. Und ob sich dieses Tempo verlangsamen lässt.

Kein Schwellenland der Welt kann mit zunehmender Größe seiner Volkswirtschaft eine Wachstumsrate beibehalten, die ein Vielfaches über der der etablierten Industrienationen liegt. Das ist so etwas wie ein Naturgesetz. Je schneller man ein Teilchen beschleunigt, desto größer wird seine Masse, besagt die Relativitätstheorie. Um weiter zu beschleunigen, wäre immer mehr Energie nötig. Aber die kann auch die autokratische Regierung eines Schwellenlandes irgendwann nicht mehr liefern.

Frisierte Statistiken sind nicht ungewöhnlich, das gilt auch für das Bruttoinlandsprodukt

Die deutliche Abkühlung der Wirtschaft ist so sicher wie in ferner Zukunft das Ende unserer Sonne. Der chinesische Abschwung ist nur keine Milliarden Jahre mehr entfernt, sondern steht unmittelbar bevor.

Peking warnt die Welt eindringlich vor dieser "neuen Normalität" - wohlwissend, dass die schwierigen Zeiten erst noch bevorstehen, wie Premierminister Li Keqiang kürzlich eingestand. Deutsche Industrieunternehmen in China müssen sich die Frage stellen, ob sie auf das sinkende Wachstum vorbereitet sind. Wer sich umhört, der kommt schnell zu dem Schluss, dass niemand unter den Managern so naiv war zu glauben, Chinas beeindruckende Wachstumsraten würden alle Zeiten überdauern. Ein bisschen zu rosig hat der eine oder andere vor wenigen Jahren die Entwicklung im Land zwar eingeschätzt. BASF zum Beispiel stellte kürzlich fest, dass man Asien insgesamt zu optimistisch gesehen habe. Andere trauen sich dieses öffentliche Eingeständnis nicht. Aber auch bei BASF waren sich alle Verantwortlichen darüber im Klaren, dass irgendwann ohnehin Schluss ist mit dem gigantischen Wachstum.

Egal, wen man heute fragt, die Antwort lautet immer: "Wir sind vorbereitet." Aber stimmt das auch? Und auf was konkret sind die Unternehmen vorbereitet? Die Firmen argumentieren gern, dass ein Wachstum wie zuletzt von sieben Prozent noch immer ausreicht, um viel Geld zu verdienen. Und sechs, fünf oder gar vier Prozent seien immer noch viel besser als die Zahlen aus Europa und Nordamerika. Das stimmt natürlich. Aber bei dieser Gleichung fehlen mehrere wichtige Variablen.

Die schwachen Daten der Industrieproduktion, die zuletzt dramatisch schlechten Exportergebnisse, die anhaltende Flaute auf dem Immobilienmarkt machen Analysten skeptisch, ob die sieben Prozent des ersten Quartals überhaupt ein realistisches Bild zeichnen. Mancher unkt, das reale Wachstum liege inzwischen deutlich niedriger. Frisierte Statistiken sind in der Volksrepublik nicht ungewöhnlich. Das gilt auch für das Bruttoinlandsprodukt, wenn es genehm ist.

Hinzu kommt, dass die Marktanteile ausländischer Unternehmen durch eine wachsende Zahl chinesischer Konkurrenten bedroht sind. Nicht nur dass der Kuchen kleiner wird, es wollen auch immer mehr Wettbewerber darauf zugreifen. Und in manchen Industrien, die immer wichtiger werden für die Konjunktur, spielen deutsche Unternehmen keine Rolle. Alibaba, Tencent oder Baidu sind lokale Unternehmen, die im stark wachsenden IT-Sektor bereits einen erheblichen Teil des Wachstums liefern. Hier gibt es für viele andere nichts zu holen.

Das alles potenziert noch einmal die Geschwindigkeit, mit der Dynamik verloren gehen kann. Unter dem Strich also könnten sich Markt und Möglichkeiten für eine Mehrheit der deutschen Industrie deutlich schneller reduzieren als erwartet. Und dann wird es riskant.

Langsameres Wachstum bedeutet weniger Umsätze, steigende Kosten und eine geringere Effizienz von Investitionen. Große Unternehmen wie die Autohersteller oder andere Dax-Konzerne haben viele Milliarden Euro in ihre Geschäfte in der Volksrepublik investiert. Auch Mittelständler stecken mit großen Summen in China drin. Es wird sich in den kommenden Jahren herausstellen, wie ordentlich die Unternehmen ihre Hausaufgaben tatsächlich gemacht haben. Selbst eine gute Vorbereitung auf die neue Normalität könnte sich als Illusion erweisen.

© SZ vom 22.04.2015
Zur SZ-Startseite