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Kommentar:Die Börse kennt keine Moral

Harald Freiberger fühlt sich derzeit an den März 2000 erinnert, als Infineon an die Börse ging. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Zeiten sind finster, doch die Aktienmärkte feiern Rekorde. Das mag unschön wirken, ist aber völlig rational. Und es wird sich so schnell nichts daran ändern.

Von Harald Freiberger

Viele Menschen haben ein ungutes Gefühl, wenn sie ihre eigene Realität wahrnehmen und gleichzeitig die Nachrichten von der Börse hören. Seit Ausbruch der Corona-Krise klafft beides weit auseinander. In der abgelaufenen Woche zum Beispiel: Die deutsche Politik verkündete eine Verlängerung des Teil-Lockdowns, die Wirklichkeit der Menschen wird mindestens bis Weihnachten sehr trübe bleiben. Der US-Aktienindex Dow Jones aber kletterte auf ein Rekordhoch von mehr als 30 000 Punkten.

Da kann man schon auf die Idee kommen zu fragen, ob an den Finanzmärkten alles mit rechten Dingen zugeht - oder ob da, wie viele es insgeheim sowieso vermuten, unheimliche Kräfte walten. An der Börse aber ist nichts mystisch oder irrational, sie ist nur amoralisch. Sie nimmt's, wie es kommt. Und es ist ihr egal, von wem es kommt.

Es gibt vier Gründe, weshalb sich die Aktienkurse mitten in der größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg so erstaunlich gut halten. Zwei davon bestehen schon etwas länger, zwei sind jüngeren Datums. Erstens zeigte sich bald nach Ausbruch der weltweiten Corona-Pandemie im März, dass Notenbanken und Staaten alles tun, um den totalen Absturz der Wirtschaft zu verhindern. Die Hilfen belaufen sich auf die unvorstellbare Summe von mehreren Billionen Euro. Das sandte in der finstersten Zeit das Signal aus, dass die Welt nicht untergehen wird, und bildete die Basis dafür, dass die Aktienkurse wieder stiegen.

Anschließend zeigte sich, zweitens, dass das Leben trotz Corona weitergeht. Die Aktienkurse von Unternehmen aus leidenden Branchen wie der Luftfahrt und der Touristik brachen zwar ein, doch sie stürzten nicht ganz ab, weil die Staaten sie stützten. Zugleich gab es Branchen, die sogar profitierten: soziale Medien, Anbieter von Cloud-Lösungen und Videokommunikation, Lieferdienste, Pharma- und Biotechfirmen. Die Digitalisierung der Wirtschaft nimmt durch die Corona-Krise enorm an Fahrt auf. Boomende Technologie-Aktien zogen besonders in den USA den gesamten Aktienmarkt nach oben.

Im November kamen zwei Ereignisse hinzu, die Investoren noch optimistischer stimmten: Inzwischen haben drei Pharmakonzerne Impfstoffe gegen das Coronavirus angekündigt. Der Winter wird also noch dunkel, aber es gibt die Aussicht darauf, dass große Teile der Bevölkerung im Laufe des Jahres 2021 gegen das Virus immunisiert werden könnten und das Leben sich wieder normalisiert. Manche erwarten von Mitte des Jahres an einen Nach-Corona-Wirtschaftsboom. Den haben die Aktienkurse von besonders leidenden Unternehmen schon vorweggenommen.

Und schließlich wurde Joe Biden zum US-Präsidenten gewählt. Es besteht die Aussicht auf eine verlässliche Finanzpolitik, auf stabilere weltweite Handelsbeziehungen, das lässt die Wirtschaft und ihre Investoren aufatmen. Sie weinen Trump keine Träne nach.

All diese Faktoren haben dazu geführt, dass die Börse selbst in diesen düsteren Zeiten so gut dasteht. Das ungute Gefühl vieler Menschen kommt daher, dass sie sich fragen, ob und wie lange es gut gehen kann, wenn die Weltwirtschaft nur durch das Geld der Notenbanken und eine immer höhere Verschuldung der Staaten gestützt wird. Die wichtigen Investoren an der Börse stellen sich diese Frage nicht. Sie feiern eine Party, die andere bezahlen.

Daran dürfte sich so schnell nichts ändern: Die Geldpolitik wird weiterlaufen wie bisher, die Zinsen werden niedrig bleiben und Aktien, wie man so sagt, alternativlos. 2021 erwarten die meisten Experten wieder ein ausgezeichnetes Börsenjahr.

© SZ/sry
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