Kommentar:Der deutsche Krugman

Lesezeit: 3 min

Sie beschäftigen sich viel mit grauer Theorie - und zu wenig mit Wirtschafstpolitik: Die Ökonomen hierzulande müssen endlich lernen, Debatten zu führen.

Von Ulrich Schäfer

Es gibt Menschen, die meinen, Paul Krugman sei in Wahrheit kein Ökonom - sondern ein zum Populismus neigender Kolumnist. Mit anderen Worten: Man müsse ihn und seine Polemiken in der New York Times nicht sonderlich ernst nehmen. Und es ist ja auch etwas dran: Krugman beschäftigt sich bisweilen mit Fragen weit jenseits der Ökonomie. Andererseits: Er schafft es, sich mit seinen Thesen und seinem manchmal sehr einfach gestrickten Keynesianismus stets viel Gehör zu verschaffen.

Auf Jeffrey Sachs gelingt es immer wieder, mit seinen Ratschlägen weltweit durchzudringen . Der amerikanische Ökonom galt mal als eiskalter Neoliberaler, inzwischen aber dient er jenen, die Deutschlands harten Sparkurs in der Griechenland-Politik für falsch halten, beinahe genauso als Galionsfigur wie Krugman. Fast 200 000 Menschen haben Sachs Twitter-Meldungen abonniert; aber nicht nur mit seinen 140-Zeichen-Nachrichten meldet sich Sachs immer wieder zu Wort, sondern auch in langen Aufsätzen, die er über die sozialen Medien verbreitet.

In Deutschland halten viele diese Art, eine ökonomische Debatte zu führen, für verwerflich, ja, eines Wissenschaftlers nicht für würdig. Zuletzt war gar der Ruf zu hören, die Ökonomen sollten sich allesamt in den Elfenbeinturm zurückziehen - nicht bloß Krugman, Sachs oder Thomas Piketty, der Held der Linken; sondern auch alle anderen. Die Wissenschaft solle sich mit der Wissenschaft beschäftigen; und die Politik mit der Politik.

Das aber wäre gefährlich. Denn die Politik braucht den Rat der Experten - auch wenn sie ihn immer wieder in den Wind schlägt; sie braucht den Widerspruch der Ökonomen und deren Wissen gerade jetzt, in dieser großen Finanz-, Schulden- und Wirtschaftskrise, die vor acht Jahren begonnen hat und heute Europa immer noch lähmt. Gewiss, die meisten Ökonomen haben diese Krise nicht kommen sehen. Aber wer hat das schon? Wenn Ökonomen sich nun nicht zu Wort melden würden, dann würde sich die Politik anderswo Rat suchen. So wie im Herbst 2008, als die Banken taumelten - und die Bundesregierung sich Rat vor allem bei den Betroffenen selbst holte: den Banken. Kein Wunder, dass seither fast jedes Rettungspaket (auch jene für Griechenland) am Ende vor allem den Banken nützte - was Ökonomen aller Couleur, von Hans-Werner Sinn bis Yanis Varoufakis, immer wieder heftig kritisiert haben.

Ökonomen müssen sich mehr in wirtschaftspolitischen Debatten üben

Auch für die Ökonomie wäre es fatal, wenn sie sich komplett dahin zurückzöge, wo hierzulande immer noch die meisten Ökonomen hocken: in die wissenschaftlichen Studier- und Forschungszimmer. Denn die deutsche Volkswirtschaftslehre braucht nicht weniger Öffentlichkeit, nicht weniger wirtschaftspolitische Debatte, sondern mehr. Deutsche Ökonomen beschäftigen sich viel zu sehr mit Mathematik und Statistik, sie kreisen um Formeln und abstrakte Modelle - und beschäftigen sich viel zu wenig mit der bunten Wirklichkeit und dem, was in der Wirtschaftspolitik geschieht. Ökonomen verwenden im Studium immer noch viel zu wenig Zeit darauf, sich in wirtschaftspolitischen Debatten zu üben.

Und selbst erfahrene Professoren wagen sich viel zu selten an die Öffentlichkeit, weil sie es nie gelernt haben, klar und allgemein verständlich zu argumentieren und zu schreiben - also populär oder gar populistisch. Ein deutscher Krugman: Man sucht ihn vergebens. Wenn überhaupt, dann ist dies (mit anderer politischer Ausrichtung) Hans-Werner Sinn. Aber es bedürfte hierzulande nicht bloß eines Krugmans, sondern vieler.

Man sucht die deutschen Krugmans aber noch aus einem andern Grund vergebens. Denn die Mehrheit der deutschen Ökonomen - jedenfalls jene, die sich öffentlich Gehör verschaffen - folgt seit Jahrzehnten dem immer gleichen Mainstream, dem Stabilitätsdenken, das von der Bundesbank und den Wirtschaftsverbänden geprägt wurde (und auch von vielen Wirtschaftsmedien). Die Debatte war dadurch viel zu eng, auch viel enger als in den USA; allmählich ändert sich dies nun.

Wolfgang Schäuble, der Vielgescholtene, hat übrigens vor ein paar Wochen gezeigt, wie mehr Offenheit in der Debatte aussehen kann: Zum G-7-Finanzminister-Gipfel in Dresden lud er zahlreiche namhafte US-Ökonomen wie Robert Shiller, Nouriel Roubini, Lawrence Summers und Kenneth Rogoff ein. Krugman oder Sachs waren nicht dabei, und auch nur ein Deutscher: der in der Öffentlichkeit recht unbekannte Martin Hellwig, einer der wenigen deutschen Ökonomen, die international höchste Reputation genießen.

Es wird Zeit, dass sich dies ändert. Aber dafür müssen die deutschen Ökonomen noch sehr viel tun.

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