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Kommentar:Den Riesen retten

Thyssenkrupp leidet unter hohen Schulden und Pensionslasten, meldete schon vor der Corona-Krise Verluste. Nun soll sich der Konzern gesundschrumpfen. Dabei muss es darum gehen, die Schäden für Beschäftigte und Ruhrgebiet zu minimieren.

Das Coronavirus gilt als besonders gefährlich für Menschen mit Vorerkrankungen. Ähnlich verhält es sich mit der Wirtschaftskrise infolge der Pandemie: Firmen, deren Geschäftsmodell schon vor der Krise krankte und die kaum Reserven haben, trifft es nun besonders, wenn Aufträge wegbrechen oder Fabriken schließen müssen. Ein solcher Fall ist Thyssenkrupp. Der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets läuft Gefahr, gerade auseinanderzufallen, für die ganze Region steht damit viel auf dem Spiel.

Schuld ist nicht die Pandemie, sie beschleunigt nur den Niedergang. Thyssenkrupp leidet seit Jahren unter hohen Schulden und Pensionspflichten, meldete schon vor der Krise Verluste. Im Februar verkaufte der Konzern sein wertvollstes Geschäft mit Aufzügen in der Hoffnung, aus dem Rest etwas Zukunftsfähiges zu bauen. Doch dann brach das Virus aus. Bis die vielen Milliarden für die Aufzugssparte im Sommer eingehen sollen, haben sich die Essener Staatshilfe gesichert.

Wie sich Thyssenkrupp in den nächsten Monaten retten will, ist nicht nur für die 160 000 Beschäftigten, sondern auch für das Ruhrgebiet von Bedeutung. Besonders deutlich wird dies am Beispiel der krisenanfälligen Stahlsparte, die allein für etwa 27 000 Arbeitsplätze an Rhein und Ruhr steht. Für sie sucht der Konzern nun Partner, eine Abgabe der Mehrheit auch ins Ausland ist nicht ausgeschlossen. Andere Geschäfte wie den Anlagenbau will Thyssenkrupp verkaufen, wieder andere sind von der Schließung bedroht. Der Konzern verdient seit Jahren zu wenig Geld, um in die Zukunft all seiner Sparten investieren zu können. Fest steht schon jetzt, dass mit dem ganzen Gebilde auch die Zentrale in Essen schrumpfen wird.

Hinterherweinen reicht nicht: Für das ganze Ruhrgebiet ist wichtig, was von Thyssenkrupp nun bleibt

Neben den eigenen Mitarbeitern sind viele Zulieferer, Dienstleister und Logistiker abhängig von Aufträgen eines Industriekonzerns vom Format Thyssenkrupp. Hinzu kommt im konkreten Fall, dass der größte Aktionär, die Krupp-Stiftung, mit den Dividenden des Konzerns Kultur und Wissenschaft im Pott fördert. All das steht auf der Kippe, wenn der Riese wankt.

Das Ruhrgebiet und seine Montanwirtschaft wurden miteinander groß: mit dem Kohlebergbau, der Arbeitskräfte anzog, günstigen Strom und Rohstoffe für die Stahlindustrie brachte. "Dein Grubengold hat uns wieder hochgeholt", sang Herbert Grönemeyer in seiner Hymne "Bochum".

Heute stammt die Kohle längst aus Staaten, in denen das Grubengold nicht so tief unter der Erde schlummert, in denen Löhne niedriger und Auflagen laxer sind - in denen es mithin auch viel günstiger ist, Stahl zu kochen. Europäische Hersteller versuchen sich auf besondere Stahlsorten zu spezialisieren, und doch häufen sie in Krisenzeiten Millionenverluste an. Hinzu kommt die klimapolitisch richtige Energiewende samt höherer Kosten für Treibhausgasemissionen.

Was will Thyssenkrupp nun behalten, als Kern des künftigen Gebildes? Auf jeden Fall den Handel mit Werkstoffen wie Stahl, das Schmiedegeschäft sowie den Bau von Großwälzlagern, etwa für Windräder. Mehr Dienstleistung also, weniger Schwerindustrie: Auch das folgt dem Wandel des ganzen Ruhrgebiets, wo etwa die Logistik- und Gesundheitsbranche an Bedeutung gewinnen.

Dennoch ist es wichtig, einer drohenden Abwicklung der restlichen Geschäfte von Thyssenkrupp nicht tatenlos zuzuschauen. Auch das zeigt sich am Beispiel der Stahlwerke: Da macht es einen Unterschied, wer unter welchen Bedingungen der Partner werden soll: Ein Konkurrent, der im Ausland zu viel niedrigeren Kosten Stahl produziert, könnte vor allem darauf abzielen, technologisches Wissen einzukaufen - und Stahlwerke im Ruhrgebiet für die Weiterverarbeitung seines eigenen Roheisens zu nutzen. Entsprechende Bedenken von Arbeitnehmerseite sind bislang kaum von der Hand zu weisen.

Ein Partner hingegen, der seine Stahlproduktion ebenfalls spezialisiert hat, der womöglich schon fortgeschritten ist mit Methoden einer weniger klimaschädlichen Stahlerzeugung - der verspricht schon eher eine nachhaltige Perspektive. Denn auch wenn die Umstellung hin zu CO₂-neutralem Stahl zunächst Milliarden kostet, wird dieser "grüne" Werkstoff viele klimaneutrale Industrieprodukte überhaupt erst möglich machen. Seine Herstellung birgt eine große Chance.

Es wäre also zu kurz gesprungen, eine drohende Zerschlagung von Thyssenkrupp als scheinbar unabwendbare Folge eines globalen Wirtschaftseinbruchs hinzunehmen. Vielmehr sollte es nun darum gehen, den Kollateralschaden für die Beschäftigten und den ganzen Wirtschaftsstandort zu minimieren.

© SZ vom 25.05.2020
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