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20 Jahre Amazon:Service-Monster aus Seattle

Amazon-Gründer Jeff Bezos

Jeff Bezos hat mit Amazon nicht alles, aber vieles richtig gemacht.

(Foto: AP)

Vor 20 Jahren hat Jeff Bezos Amazon gegründet. Ein Stück spektakuläre Wirtschaftsgeschichte. Kritik ist berechtigt, doch gerade der Einzelhandel kann viel von Amazon lernen.

Kommentar von Caspar Busse

Es war ein 500-Seiten-Wälzer über Computer-Modelle und das menschliche Denken: Vor genau zwanzig Jahren, Mitte Juli 1995, lieferte Jeff Bezos das erste auf der Internetseite bestellte Buch an einen externen Kunden aus. Und von Anfang an hielt der heute 51 Jahre alte Bezos nicht viel von Bescheidenheit. Sein Online-Unternehmen, das er 1994 in Seattle gründete, benannte er jedenfalls nach einem der mächtigsten und größten Flüsse der Welt, dem Amazonas. Der Name ist Programm: In den vergangenen zwanzig Jahren ist Amazon zum weltweit mächtigsten und größten Online-Händler geworden.

Es ist zweifellos eine spektakuläre Wirtschaftsgeschichte, die Bezos geschrieben hat. Amazon macht heute weltweit einen Umsatz von fast 90 Milliarden Dollar und beschäftigt etwa 150 000 Mitarbeiter. Mit Büchern hatte einst alles angefangen, schnell expandierte Amazon in immer neue Bereiche, heute ist hier nahezu alles und überall erhältlich. Bezos hat die Wirtschaftswelt verändert: Nicht nur Amazon wurde immer größer, das Unternehmen gab letztlich auch den Anstoß dazu, dass sich weltweit ein florierender Internethandel entwickelte.

Es gibt viele Punkte, die kritisiert werden - teil mit Recht

Amazon ist eine der erfolgreichsten Online-Firmen, ein Unternehmen, das viele bewundern und sich zum Vorbild nehmen wollen. Aber gleichzeitig sind die Geschäftspraktiken höchst umstritten. Amazon ist auch ein Unternehmen, das nicht wenige verabscheuen. Manche Kritiker bezeichnen Amazon als Monster, das skrupellos vor allem ein Ziel hat: Wachstum.

Keine Frage: Es gibt viele Punkte, die kritisiert werden - teilweise mit Recht. Der Konzern betreibt international eine Steuervermeidungstaktik. Amazon-Mitarbeiter leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen, die hierzulande unter anderem von Verdi angeprangert werden. Lieferanten stehen unter enormem Preisdruck. Gerade kleine Buchhändler leiden unter der harten Konkurrenz. Handelsstrukturen, die lange gewachsen sind, geraten in Existenznot.

Der Einzelhandel kann von Amazon lernen

Auch wenn Amazon für viele deshalb kein sympathisches Unternehmen ist: Von dem Erfolg der Amerikaner können viele Unternehmer lernen, gerade im Einzelhandel. Bezos richtet sich bedingungslos an den Bedürfnissen der Konsumenten aus. "Die Kunden entscheiden, wo sie kaufen, nicht wir", sagte der Amazon-Gründer einmal. Damit hat er recht. Gerade im Einzelhandel geht es um guten Service und um das richtige Angebot. Das bieten die Amerikaner zweifellos.

Die Logistik funktioniert, bestellte Ware wird in kurzer Zeit zuverlässig geliefert. Das Wissen und die Daten, die Amazon über seine Kunden hat, werden immer wieder eingesetzt. Wer ein Produkt bestellt hat, bekommt immer wieder Hinweise, auch dieses oder jenes könnte interessant sein. Dieses Prinzip hat Bezos perfektioniert.

Außerdem stellt Amazon immer wieder das eigene Geschäftsmodell bedingungslos infrage. So führte Bezos 2004 den Kindle ein und schuf so eine Plattform für elektronische Bücher. Dass damit das bisherige Geschäft mit dem Versand gedruckter Bücher in große Gefahr kommt, nahm er bewusst in Kauf. Das gilt auch für andere Bereiche. Eine solche Radikalität legen nur wenige an den Tag. Zudem investiert Amazon. Wenn der Konzern in der kommenden Woche Quartalszahlen präsentiert, wird der Gewinn erneut nicht besonders hoch ausfallen, das Geld wird in das Wachstum gesteckt. Auch das machen nicht alle.

Jeff Bezos - der Milliardär, der sich vor zwei Jahren die Traditionszeitung Washington Post kaufte - hat nicht alles, aber vieles richtig gemacht.

© SZ vom 18.07.2015/sks

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