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Kommentar:Bye-bye, Britain

Nach dem Brexit-Votum attackiert die konservative Regierung in London jetzt auch noch Zuwanderer. Europa muss den Briten klare Grenzen setzen.

Großbritannien verfügt über die Reputation, besonders weltoffen zu sein. Junge Engländer treten mit einer Selbstverständlichkeit ihre erste Arbeitsstelle in Hongkong oder New York an, die wenige Deutsche kennen. Die Universalsprache Englisch erleichtert ihnen das, klar. Es ist aber auch eine Frage der Weltoffenheit, zu der die jahrhundertelange Präsenz britischer Seefahrer auf den Weltmeeren beitragen mag. Was außen liegt, gilt erst mal als gut, nicht als bedrohlich. Traditionell waren die Briten besonders offen für Freihandel, Globalisierung - und Migration. Inder und Nigerianer gehörten in London zum Straßenbild, als türkische Gastarbeiter in Deutschland noch selten waren.

Mit ihrem Votum für den Brexit wenden sich ausgerechnet diese Briten von ihrer weltoffenen Haltung ab. Die konservative Regierung verschärft diese Abkehr nun noch deutlich mit ihren Attacken auf Einwanderer. Firmen sollen wie in einer Diktatur melden, wie viele Ausländer sie beschäftigen. Es sei "einfach nicht fair", wenn Briten wegen der Migranten keine Arbeit fänden, tönt Premier Theresa May.

Diese xenophoben Parolen spiegeln die Radikalisierung von Mays Partei wider, aber nicht die Realität im Land. In Großbritannien verdrängen Migranten ebenso wenig Einheimische vom Arbeitsmarkt wie in Deutschland. Großbritannien holte in den Nullerjahren massenhaft Osteuropäer ins Land, die die Arbeit erledigten, die Einheimische liegen ließen. Ironischerweise verzichteten die betont liberalen Briten anders als die Deutschen auf die Brüsseler Ausnahmeregel, die die Zuwanderung nach der EU-Osterweiterung ein paar Jahre begrenzt hätte. Die Briten wollten diese Zuwanderer explizit. Die Anti-Migrationsstimmung, die maßgeblich zum Brexit führte, speist sich vornehmlich aus Quellen, die mit polnischen Klempnern wenig zu tun haben: Aus dem jahrzehntelang von den politischen Eliten und Medien der Insel gepflegten Zerrbild der EU - und aus der Unzufriedenheit von Geringverdienern und Mittelschichtlern, bei denen wie in anderen Industriestaaten wegen reichenfreundlicher Steuer- und Lohnpolitik wenig vom Globalisierungsboom ankommt.

Abschottungspolitik ist in der Geschichte immer wieder gescheitert

Mit ihrer neuen ausländerfeindlichen Politik setzen sich die Briten nun an die Spitze einer populistischen Bewegung, die weltweit den Wohlstand der Marktwirtschaften bedroht. Ob Donald Trump, der französische Front National, Victor Orbán in Ungarn oder die AfD, das Muster ist überall gleich: Fremde werden für Probleme verantwortlich gemacht, für die sie nicht verantwortlich sind. Die meisten Populisten wollen nicht nur Ausländer aus dem Land halten, sondern auch ausländische Produkte und neue Handelsabkommen. Dies zeigt sich an Trumps China-Bashing ebenso wie an der TTIP-Ablehnung der AfD.

Diese Abschottungspolitik ist in der Geschichte immer wieder gescheitert. Als sich die Industriestaaten in den unruhigen 1920er-Jahren auf Protektionismus versteiften, entzündeten sie damit die Weltwirtschaftskrise erst richtig. Der Westen hat solche Irrtümer nicht exklusiv. Als China im 15. Jahrhundert seine riesige Entdeckungsflotte einmottete, während Kolumbus mit ein paar Schiffchen nach Amerika aufbrach, begann der lange Abstieg des Reichs der Mitte.

Ja, die Industriestaaten brauchen eine bessere Gestaltung der Globalisierung - eine, die die Früchte des Erfolgs stärker an die Schwächeren ihrer Gesellschaft verteilt. Aber ein Stopp von Globalisierung und Freihandel wäre die falsche Antwort auf die Unzufriedenheit der Bürger: Das würde die Quellen des Wohlstands verstopfen, den es besser zu verteilen gilt.

Zum Wohlstandsmodell gehören offene Grenzen für Produkte, Ideen und Menschen. Damit ist keine schrankenlose Aufnahme von Flüchtlingen gemeint. Aber mit Sicherheit der freie Zugang von EU-Bürgern zu anderen Mitgliedsstaaten, um die Wirtschaft des Kontinents enger zu verflechten.

Damit ist auch klar, wie Europas Antwort auf die britische Eskalationsspirale aussehen muss: Die Briten dürfen den Binnenmarkt nur behalten, wenn sie EU-Bürgern Freizügigkeit gewähren. Schon weil sonst populistische Regierungen in Osteuropa ebenfalls versucht wären, sich die EU als Wunschkonzert vorzustellen.

Den britischen Bürgern ist zu wünschen, dass sie die Regierung abwählen, die ihren Interessen so schadet. Sollen künftig die japanischen Firmen, die die britische Autoindustrie ausmachen, der Regierung melden, dass sie zu viele Japaner beschäftigen? Die Briten verwandeln gerade ihre Weltoffenheit in eine hässliche Fratze, die sie wirtschaftlich und politisch in den Abgrund führen wird.

© SZ vom 07.10.2016
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