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Kommentar:Böses Erwachen

Die Befürworter des Brexits haben viel versprochen: mehr Jobs, mehr Geschäfte, mehr Unabhängigkeit. Bewahrheiten werden sich die schönen Visionen nicht. Der Satz, ein Austritt werde den Briten nutzen, ist ein Witz. Aber ein schlechter.

Willkommen im schönen, neuen, freien Großbritannien: Nach einem EU-Austritt erhalten Patienten schneller Arzttermine. Schließlich kann die Regierung die Milliarden, die sie als Beitrag nach Brüssel überweist, dann in den klammen Gesundheitsdienst NHS stecken. Unternehmen machen bessere Geschäfte und schaffen Jobs, weil sie sich nicht länger mit bürokratischen EU-Regeln herumschlagen müssen. Zudem exportieren die Firmen viel mehr in aufstrebende Schwellenländer wie Brasilien, da London mit diesen Staaten schnell Handelsverträge abschließt.

Mit solchen Versprechen warb die Brexit-Kampagne um Stimmen. Die EU-Gegner behaupten nicht nur, dass das Land durch einen Austritt Souveränität zurückerhält und die Kontrolle über seine Grenzen. Zusätzlich soll ein Austritt die heimische Wirtschaft beflügeln und der Regierung mehr Geld bescheren. Doch hier droht ein böses Erwachen.

Keine Frage: Großbritannien kann auch außerhalb der EU bestehen. Aber dass ein Brexit Firmen, Banken, Beschäftigten nutzt, ist Wunschdenken. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Austritt der Wirtschaft schadet. Die Folge sind weniger Jobs, weniger Steuereinnahmen, weniger Geld für Gesundheit oder Schulen. Der Absturz des Pfundes und der Aktienkurse zeigt, wie viel Glauben Investoren dem Versprechen auf eine bessere Zukunft schenken: gar keinen. Und dafür gibt es gute Gründe.

Auf der Insel wird über Jahre lähmende Unsicherheit herrschen

Die britische Regierung wird nun Verhandlungen mit Brüssel über die Trennung und die zukünftigen Beziehungen beginnen. Es kann Jahre dauern, bis diese Gespräche abgeschlossen sind. Solange bleibt das Königreich Mitglied der Union. Doch solange herrscht auch lähmende Unsicherheit auf der Insel.

Unternehmer wissen nicht, welchen Bedingungen Geschäfte über den Ärmelkanal in Zukunft unterliegen werden. Sie werden darum Investitionen aufschieben. Wollen internationale Konzerne, etwa Banken oder Autohersteller, in Europa eine Abteilung aufstocken oder eine Fabrik erweitern, werden sie das überall tun, nur nicht an ihren britischen Standorten. Denn Manager hassen Ungewissheit. Ihren Angestellten geht es ähnlich: Wer um den Job fürchtet, wird sich bei teuren Anschaffungen zurückhalten. Er wird lange gehegte Pläne beerdigen, eine größere Wohnung zu kaufen. Der Konsum leidet, die Bau-Industrie ist betroffen, Investitionen bleiben aus. Dem Königreich drohen Jahre schwachen Wachstums, vielleicht droht sogar eine Rezession.

Hat sich London mit Brüssel endlich auf die Bedingungen der Scheidung geeinigt, in zwei, drei, vier Jahren, wissen die Unternehmer wenigstens wieder, woran sie sind. Doch was sie da sehen werden, dürfte ihnen nicht gefallen.

Der gemeinsame Binnenmarkt der EU ermöglicht es Firmen, Waren in jedem Mitgliedsstaat zu verkaufen, ohne sie in den verschiedenen Ländern extra zulassen zu müssen. Banken an Europas größtem Finanzplatz London können von dort aus problemlos Kunden auf dem ganzen Kontinent betreuen. Das ist gefährdet. Denn Vertreter der Brexit-Kampagne haben klar gemacht, dass sie nicht dem Beispiel Norwegens folgen wollen. Norwegische Unternehmen haben ungehinderten Zugang zum gemeinsamen Binnenmarkt, aber dafür muss das Land Einwanderer aus der Union akzeptieren.

Eine schauderhafte Vorstellung für die Brexit-Freunde, die darum nur ein Freihandelsabkommen mit der EU abschließen wollen, so wie Kanada. Dann würden Geschäfte über den Ärmelkanal schwieriger. Londoner Banken müssten Abteilungen in Euro-Staaten verlagern, wollen sie dort tätig sein. Der Export-Industrie drohen bürokratische Hürden - dabei soll der Austritt die Firmen doch von angeblich unnützer Regulierung befreien.

Das Brexit-Lager argumentiert, Großbritannien könne außerhalb der EU rasch Handelsabkommen mit China oder Brasilien abschließen und einfach dort mehr verkaufen. Aus Sicht der Regierung in Peking ist die EU allerdings der viel größere Markt und damit der interessantere Partner. Schwer vorstellbar, dass London alleine attraktive Verträge aushandeln kann.

Das Versprechen, ein Austritt werde der Wirtschaft nutzen, ist also ein Witz. Aber ein sehr böser.