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Kommentar:Ausverkauf

Der Münchner Chip-Zulieferer Siltronic soll nach Taiwan verkauft werden, und die Börsianer jubeln. Dabei gibt es hier nichts zu feiern. Denn wieder einmal gibt Europa wichtiges Know-how einfach ab.

Von Thomas Fromm

Was gerade rund um den Münchner Chip-Zulieferer Siltronic abläuft, ist auf den ersten Blick ganz normale Kapitalmarkt-Routine. Es ist so wie immer, wenn über die Milliardenübernahme eines Unternehmens verhandelt wird: Der Aktienkurs von Siltronic geht erst einmal durch die Decke, Börsianer jubeln, Investmentbanker sind euphorisch, weil sie gerade einen 3,75-Milliarden-Euro-Deal einfädeln und damit auch selbst einen guten Schnitt machen dürften. Der Käufer - in diesem Fall ist das der taiwanesische Siltronic-Konkurrent Global Wafers - ist ebenfalls in Hochstimmung. Und der Großaktionär Wacker Chemie, der mit seinem Anteil an Siltronic schon lange nichts mehr anfangen konnte, sowieso. Er kann sein Aktienpaket wohl schon bald gegen einen Milliardenerlös eintauschen.

Dass hier gerade wieder ein Stück europäische Hightech-Industrie Richtung Asien geht, dass hier wichtiges Know-how langfristig abfließen und vielleicht für immer verloren gehen dürfte - all das ist in diesen Tagen der großen Deal-Euphorie erstmal nicht kursrelevant. Stattdessen Win-win auf allen Seiten: Die einen bekommen viel Geld, die anderen ein Unternehmen, und sogar die Beschäftigten bekommen etwas: das Versprechen, dass sowohl die Werke in Bayern und Sachsen wie auch ihre Jobs mindestens bis Ende 2024 bestehen bleiben. So eine Milliardenübernahme ist eine feine Sache. Zumindest hat sich bislang niemand gemeldet, der unglücklich darüber wäre, dass Siltronic, Europas einziger namhafter Hersteller von sogenannten Wafern, an einen Rivalen verkauft werden soll. Siltronic baut ja keine Autos mit Sternen auf der Motorhaube, hat auch keinen großen Namen wie Siemens oder Bosch, und - hey - es geht um Siliziumscheiben, aus denen später Chips für Unternehmen wie Infineon oder Intel gestanzt werden.

Nur ein paar Siliziumscheiben? Es geht um viel mehr als filigrane Platten. Es geht, wieder einmal, um eine dieser Schlüsseltechnologien, die man besser in Europa lassen sollte, wenn man vermeiden will, irgendwann von Anbietern aus Asien oder den USA abhängig zu sein. Nicht zufällig hatten die Pläne des US-Grafikkarten-Spezialisten Nvidia, für 40 Milliarden Dollar den britischen Chip-Designer und Smartphone-Ausrüster ARM zu übernehmen, zuletzt heftige Diskussionen in der Branche ausgelöst. Denn wenn ein europäisches Unternehmen nach dem anderen aus der Chip-Branche wegverkauft wird, was bedeutet dies dann für die Kunden und den Hightech-Standort Europa?

Man wird Verkäufern kaum vorschreiben können, an wen sie ihr Unternehmen verkaufen. Aber es braucht Alternativen

Die Debatte ist nicht neu. Sie wird in der Praxis allerdings mit überschaubarem Erfolg geführt. Als sich vor einigen Jahren der chinesische Haushaltsgeräte-Hersteller Midea daran machte, den Augsburger Roboterhersteller Kuka zu übernehmen, brach in Berlin die reine Panik aus. Der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel warnte vor dem Ausverkauf zentraler Schlüsseltechnologien und suchte nach Verbündeten in der Wirtschaft. Vergeblich. Am Ende verkauften die beiden Kuka-Großaktionäre ihre Anteile trotz aller Vorbehalte nach China. Standort Europa? Ach was. Was siegte, war die Logik der schnellen Kasse.

Es ist bizarr: Während die Börse in diesen Tagen den geplanten Verkauf des M-Dax-Unternehmens Siltronic nach Taiwan feiert, ziehen Politiker, Manager und andere Experten durch die abendlichen Talkshows und sinnieren - mal larmoyant, mal militant - über die sinkende wirtschaftliche Rolle Deutschlands und Europas in der Welt. Auch und besonders in der digitalen. Innovationsfeindlich, nicht offen genug, bei den Zukunftstechnologien ohnehin schon längst von allen abgehängt. Die Lage wird nicht automatisch besser, wenn die Klassiker der Selbstkritik ständig wiederholt werden. Siltronic wäre sicherlich mal ein gutes Thema für eine solche Runde, gerne auch verbunden mit der Frage: Welche Rahmenbedingungen braucht es in Europa eigentlich, damit künftig verhindert werden kann, dass ein solcher Konzern mitsamt seiner Technologie verkauft wird? Man wird Verkäufern von Unternehmen wie Kuka oder Siltronic kaum verbieten können, ihre Anteile an einen Käufer ihrer Wahl abzugeben. Aber man kann versuchen, Alternativen zu sondieren.

Bis 2024 sind hiesige Werke und Jobs bei Siltronic sicher - und danach? Es wäre naiv zu glauben, dass der neue Eigentümer aus Taiwan das zyklische und schwierige Geschäft mit Wafern Made in Germany dann noch aus Deutschland heraus betreiben wird. Dafür ist der boomende Halbleiterstandort Taiwan längst viel zu erfolgreich. Das Halbleitergeschäft macht nicht zufällig einen erheblichen Teil der taiwanesischen Exportwirtschaft aus - es steckt dahinter nämlich ein Masterplan. So etwas kann in diesen Zeiten übrigens nicht schaden.

© SZ
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