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Kommentar:Apple läuft die Zeit davon

Apple iPhone

Auch bei Apples wichtigstem Produkt, dem iPhone, gehen die Verkaufszahlen zurück

(Foto: AP)

Gewinne, Umsatz, Aktienkurs: Beim Technologiekonzern Apple geht es immer weiter abwärts. Was dem iPhone-Hersteller am meisten fehlt.

Kommentar von Caspar Busse

Das sind die Leute von Apple nun wirklich nicht gewohnt: In der Defensive sein. Das Vorzeigeunternehmen aus dem Silicon Valley eilte in den vergangenen Jahren von Rekord zu Rekord, setzte immer wieder neue Maßstäbe. Doch damit ist es nun offenbar vorbei. Vieles deutet darauf hin, dass Apple den Zenit überschritten hat.

Die Apple-Aktie hat nach der Präsentation enttäuschender Ergebnisse - des ersten Gewinnrückgangs seit 13 Jahren - acht Handelstage hintereinander an Wert verloren. Das hatte es seit mehr als 18 Jahren nicht mehr gegeben. Alleine im April reduzierte sich der Börsenwert des Konzerns um rund 90 Milliarden Dollar, das ist so viel, wie das deutsche Pharmaunternehmen Bayer insgesamt an der Börse wert ist. Der bekannte US-Investor Carl Icahn ist gerade ausgestiegen, er hatte immer von einer "idiotensicheren Wette" gesprochen, daran glaubt er nun nicht mehr. Die Analysten stufen Apple nach unten.

Es könnte ein Absturz mit weitreichenden Folgen sein. Manche fürchten schon, dass mit dem Niedergang Apples auch die möglicherweise gewaltige amerikanische Hightech-Blase mit überzogenen Bewertungen besonders im Silicon Valley zu platzen droht.

Steve Jobs wäre wohl nie ins Fernsehen gegangen

Wie ernst die Lage ist, zeigte sich erst wieder in der Nacht zum Dienstag. Apple-Chef Tim Cook ging ins Fernsehen - das hätte sein Vorgänger, der legendäre Steve Jobs, wohl nie getan. Dort wollte Cook mit seinem Auftritt die Stimmung drehen. "Ich denke, es ist eine riesige Überreaktion", klagte er, und er meinte damit natürlich den jüngsten Kursrückgang. Man hätte das auch anders interpretieren können: Als die Apple-Aktie in den vergangenen Jahren immer neue Höchststände erreichte, war nie von Übertreibung die Rede. Auch nicht, als das Unternehmen zum wertvollsten der Welt wurde - was es derzeit vor Google/Alphabet noch immer ist.

Natürlich spricht nach wie vor auch einiges für Apple: Gut zehn Milliarden Dollar Gewinn macht das Unternehmen im Quartal. Die Kapitalreserven sind riesig, auch wenn sie im Ausland liegen und die "Heimholung" hohe Steuerzahlungen auslösen dürfte. Das Image der Marke ist weltweit nach wie vor gut, der Marktanteil in einigen Ländern hoch.

Doch noch schwerer wiegen die Probleme. Das iPhone, der mit Abstand wichtigste Umsatz- und Ertragsbringer, schwächelt. Die Kunden steigen deutlich langsamer aufs neue Modell um als früher. Mittlerweile ist auch Apple von China abhängig, hier wird fast ein Viertel des Umsatzes gemacht, und hier ist die Unsicherheit besonders groß. Ob die neue Mittelschicht und damit die Zahl potenzieller iPhone-Kunden so schnell wächst wie erhofft, ist offen. Dazu kommt, dass andere Konzerne, allen voran der südkoreanische Wettbewerber Samsung, aber auch weitere asiatische Hersteller, inzwischen ebenbürtige Geräte anbieten. Im Hochpreissegment, wo die Renditen besonders hoch sind, ist Apple schon lange nicht mehr alleine. Außerdem wächst der Weltmarkt für Smartphones nicht mehr so rasant, die ganz große Euphorie hat sich gelegt. Ähnliches gilt für andere wichtige Produkte, etwa das iPad oder die Computer.

Die Menschen haben aufgehört, über Apple-Produkte zu staunen

Immer wieder war es Cooks Vorgänger Steve Jobs gelungen, die Welt mit ganz neuen Produkten zum Staunen und sein eigenes Geschäft zum Florieren zu bringen. Erst brachte er den digitalen Musikspieler iPod auf den Markt, dann das Mobiltelefon iPhone, schließlich den Tabletcomputer iPad. So wurde die Geldmaschinen Apple am Laufen gehalten, sie arbeitete sogar immer schneller. Jobs pflegte den Mythos der Innovation und der strikten Orientierung an den Kundenbedürfnissen. Apple war auch immer viel Show, geschickte Inszenierung und damit auch viel heiße Luft.

Das ist schon lange her. In den vergangenen Jahren fehlten grundlegende Neuerungen. Cook hat sich auf das Bewahren des Erbes verlegt und den Boom immer wieder geschickt angeheizt. So wurde ein gigantisches Aktienrückkaufprogramm umgesetzt, das mithalf, den Aktienkurs hoch zu halten. Dazu kommen neue Produkte wie die Computeruhr Apple-Watch, die sich bislang nicht durchsetzte, oder das nebulöse Reden über ein selbstfahrendes Auto, das iCar. "Wir werden ihnen Dinge geben, ohne die sie nicht leben können, von denen sie heute noch nicht wissen, dass sie sie brauchen", sagte Cook noch bei seinem TV-Auftritt. Er muss sich beeilen, die Zeit für Apple läuft ab.

© SZ vom 04.05.2016
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