Kolumne: Silicon Wadi Autonation Israel

In Israel wird zwar kein einziges Fahrzeug produziert, aber die Größen der Autobranche pilgern ins Heilige Land. Denn Start-ups entwickeln Technologien für die Zukunft.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Fliegende und selbstfahrende Autos, ein automatisierter Unterbodencheck für Fahrzeuge sowie Straßen, auf denen beim Befahren Elektroautos aufgeladen werden: Israel hat zwar keine Automobilindustrie. Aber alle Konzerne, die mit Fahrzeugen zu tun haben, pilgern ins Heilige Land, um solche Entwicklungen zu bestaunen. 500 der rund 6600 Start-ups im Land beschäftigen sich mit dem Automotive-Bereich, das ist die größte Konzentration nach dem Silicon Valley.

Deutsche Firmen wie Volkswagen oder Mercedes haben in Israel schon seit längerem Repräsentanzen und suchen nach interessanten Projekten. BMW ist mit Intel eine Partnerschaft eingegangen, um gemeinsam mit dem israelischen Unternehmen Mobileye selbstfahrende Fahrzeuge zu entwickeln. Mobileye wurde 2017 von Intel für 15 Milliarden Dollar gekauft - die bisher größte Summe, die je für ein israelisches Start-up bezahlt worden ist. Alle israelischen Entrepreneure träumen nun von so einem Deal mit einem ausländischen Investor.

Es sehen sich auch immer mehr Investoren aus der Autoindustrie in Israel um: Renault und Nissan eröffneten hier vergangene Woche Innovationslabs und kündigten an, dass sie sich auch an israelischen Start-ups direkt beteiligen wollen. Ford weihte ein Forschungszentrum ein, das auch mit israelischen Universitäten kooperieren will. Der Grund für diese nahezu zeitgleichen Ereignisse war, dass die Repräsentanten aller Automobilkonzerne in Israel weilten, um an der Ecomotion-Messe teilzunehmen. Von Toyota über Ford bis Volkswagen waren dabei alle Größen der Branche vertreten. Die Messe, die zum siebten Mal stattfand, war diesmal so groß wie nie zuvor. Rund hundert Start-ups nutzen die Chance, sich mit ihren Produkten und Entwicklungen zu präsentieren, Partnerschaften einzugehen und Geschäfte abzuschließen.

4000 Besucher tummelten sich auf der Messe. Wer mit seinem Auto auf das Messegelände in Tel Aviv fuhr, konnte vor dem Einparken einen Fahrzeugcheck erledigen. Was wie eine normale Matte aussah, war eine mit Kameras ausgestattete Platte, die das Fahrzeug auf Schäden hin kontrolliert. Ob am Unterboden etwas defekt ist oder die Reifen nicht genügend Luft haben, wird genauso gecheckt wie die Frage, ob das Fahrzeug Öl verliert. Das israelische Start-up UV-Eye hat dieses System auch mit Blick auf terroristische Bedrohungen entwickelt. Mit Hilfe dieser Technologie kann rasch festgestellt werden, ob unter dem Auto eine Bombe versteckt ist. Damit können Sicherheitskontrollen etwa bei Einfahrten in Regierungsgebäude rascher vorgenommen werden.

Hindernisse aller Art und vor allem Staus schlicht überfliegen können soll man mit Fahrzeugen, die New Future Transportation (NFT) entwickelt. Die Firma, die von einem israelischen Ehepaar gegründet wurde, arbeitet an einem Fahrzeug, das sowohl fahren als auch fliegen kann. Das Auto in der Größe eines SUVs soll einklappbare Propeller bekommen. Bisher existieren nur Projektstudien und ein Film, der dieses Flugfahrzeug vorstellt. Das Interessante dabei: Das Fahrzeug soll ein selbstfahrendes Fahrzeug werden. Bereits im kommenden Jahr soll die Produktion beginnen, wenn es nach dem Willen der Erfinder geht. Etwas weiter sind die Entwickler von Silentium, ihre Innovation konnte bei der Ecomotion-Messe bereits getestet werden. Sie haben eine Klangblase entwickelt, die vor allem bei unterschiedlichem Musikgeschmack von Vorteil ist. Denn jeder kann seine eigene Klangwolke um sich herum schaffen, die Technologie dafür wird in das Dach des Fahrzeuges eingebaut. Jeder Mitreisende kann so seine eigene Musik hören, es kommt zu keinen Interferenzen. Das Geheimnis liegt im Installationswinkel der Lautsprecher und in einem Chip, weshalb die Erfinder bei der Präsentation von der "Ruhe mittels Chip" sprachen. Sie arbeiten auch an einer Abschirmtechnologie für laute Geräte.

Elektroautos verursachen weniger Lärm, aber die Frage, wie und wo sie aufgeladen werden können, beschäftigt Automobilkonzerne weltweit. Die Firma Store Dot präsentierte bei der Messe eine Technologie, mit der ein kleineres Fahrzeug oder ein Motorrad binnen fünf Minuten voll geladen werden kann.

Aber auch draußen vor den Toren des Messegeländes tut sich etwas: Die Stadt Tel Aviv ist dabei, eine Teststrecke für die Firma Electreon Wireless einzurichten, die eine besondere Infrastruktur für Elektroautos entwickelt hat. Entlang einer einen Kilometer langen Strecke werden Ladegeräte so positioniert, dass das Fahrzeuge beim Vorbeifahren automatisch aufgeladen wird. Das Busunternehmen Dan, das für den öffentlichen Verkehr verantwortlich ist, wird Busse zu Testzwecken zur Verfügung stellen. Mit dem Pilotprojekt soll demnächst begonnen werden.

Besonders boomen auch Start-ups, die sich mit Fragen der Cybersecurity in Zusammenhang mit Mobilität beschäftigen. Der ehemalige österreichische Kanzler Christian Kern ist vor Kurzem bei Cylus eingestiegen, einem Start-up, das Cyberangriffe auf Eisenbahnsysteme verhindern will. Vor zwei Jahren beteiligte sich Continental an Argus Cyber Security, das auch mit Blick auf selbstfahrende Autos Entwicklungen vorantreibt. Orly Dahan, Chef der Ecomotion-Messe, ist davon überzeugt: "Ich bin mir sicher, dass bald in jedem Elektroauto oder selbstfahrenden Fahrzeug irgendeine Technologie aus Israel stecken wird." Damit spielt auch das kleine Israel in der Automobilbranche eine große Rolle.