Süddeutsche Zeitung

Kolumne: Silicon Valley:Werdet uncool

Um die Robotik wird gerade ein enormer Hype veranstaltet. Zahlreiche Firmen werden gegründet, oft völlig ohne Rücksicht darauf, was der Markt verlangt. Dabei wäre es gut für die Branche, sie würde sich erstmal ganz langweiligen Projekten widmen.

Von Malte Conradi

Die Schlauen gründen sofort ein Start-up. Alle anderen lassen sich von Google einstellen." Das sagte vor einiger Zeit mal ein Investor, der seit Jahrzehnten im Silicon Valley arbeitet. Er sprach über die Absolventen der Top-Unis in Computerwissenschaften - und er meinte es gar nicht ironisch.

Tatsächlich war es mit einem Diplom von Stanford, Berkeley oder vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in der Tasche wohl noch nie so einfach, ein Unternehmen zu gründen. Die Geldgeber der großen Wagniskapitalfirmen stehen Schlange, um die jungen Unternehmen mit ihrem Geld anzuschieben. Besonders begehrt sind Start-ups, die mit einem der beiden großen Hype-Themen der vergangenen Jahre zu tun haben: mit der künstlichen Intelligenz oder der Robotik - oder am besten gleich mit beiden.

Nun kann man aber den Eindruck bekommen, es sei mit dem Gründen zuletzt ein bisschen zu einfach geworden. Die Start-ups sind kaum noch zu zählen, die ihre Kunden per Drohne oder rollendem Roboter mit Pizza beliefern wollen. Ist ja auch gar nicht so schwer: Seit ein paar Jahren müssen die Gründer nicht mehr jedes Bauteil selbst zusammenbauen oder jede Software selbst schreiben. Die einzelnen Module, mit denen sich die Roboter im Raum orientieren, Hindernisse identifizieren oder ihren Weg ans Ziel finden, gibt es zu inzwischen dramatisch gesunkenen Preisen fertig zu kaufen.

Klar, das Geschäft mit den Essenslieferungen ist ein großes, gerade in den USA. Und wahrscheinlich können Roboter gegenüber menschlichen Lieferanten demnächst ein paar Dollar sparen. Aber ist es wirklich das, womit sich die technische Elite befassen sollte?

Und dann gibt es noch all die Gründer, die sich gar nicht erst die Mühe machen, sich wenigstens das simpelste Geschäftsmodell auszudenken - die ewige Pizza. Ihr Businessplan lautet ungefähr so: "Wir haben an der Uni diesen Greifarm entwickelt, der wahnsinnig schnell winzige Plastikkügelchen nach ihren Farben sortieren kann. Damit gründen wir jetzt mal eine Firma, die Anwendung wird sich schon finden." Oder so: "Wir haben hier diesen Roboter, der besonders schnell Treppen hochlaufen kann. Wird schon jemanden interessieren."

Von Peter Barrett bekommen solche Gründer jedenfalls kein Geld. Der Australier hält selbst Dutzende Patente und hilft heute jungen Hardware-Unternehmen mit Rat und Geld. "Es ist nicht mehr die Frage, ob die Technik funktioniert", sagt er. "Das wissen wir. Die Frage ist, was willst du von deinem Roboter?" Erstaunlich viele Startup-Gründer könnten diese einfache Frage nicht beantworten, erzählt Barrett.

Zwölf Jahre haben sie an Robotern fürs All getüftelt, ohne großen Erfolg. Der kam mit Staubsaugern

Diese Erfahrung hat auch Helen Liang gemacht, ebenfalls Investorin und im Silicon Valley genauso ein großer Name wie Barrett. "Üblicherweise haben wir es bei den Gründern im Bereich Robotik mit zwei Techies frisch von Berkeley oder vom MIT zu tun. Die beiden sind begeistert von Technik, was schön ist. Aber sie brauchen ganz dringend Hilfe von einem Geschäftsmann, damit sie der Welt sagen können, welches Problem ihr Roboter überhaupt löst."

Ausgerechnet im Herzland des Kapitalismus wird also geforscht, getüftelt und gegründet, ohne einen Gedanken an die Vermarktung der Ergebnisse zu denken? Es ist, als würde gerade der Turbokapitalismus im Silicon Valley, als würde gerade der ewige und mächtige Strom an Kapital Wissenschaft ohne finanzielle Sorgen ermöglichen.

Allerdings werden viele dieser jungen Firmen schon bald von den Großen aufgekauft. Nicht, weil ihre Produkte so toll sind, sondern weil Google, Amazon und die anderen so doch noch die technisch versierten Gründer als Mitarbeiter gewinnen.

Peter Barrett hat einen dringenden Ratschlag an all die Gründer: Klein anfangen. "Fast immer sind die kleinen Lösungen die erfolgreichen", meint er. "Und auch, wenn sie nicht so cool klingen: Besser, als den Himmel mit pizzaliefernden Drohnen zu verdunkeln, sind sie allemal." Und dann erzählt er von dem Start-up, das Drohnen losschickt, um bestimmte Wagen auf den Parkplätzen großer Autohändler zu finden. Oder von einer Firma, die ihre Roboter allein große Baustellen durchlaufen lässt, damit die Projektsteuerer einen genauen Überblick über den Baufortschritt haben. Nicht sonderlich aufregend, aber profitabel vom ersten Tag an.

Und wen das nicht überzeugt, dem sei ein Gespräch mit Colin Angle ans Herz gelegt. Der war auch einmal so ein von der Technik begeisterter MIT-Absolvent. Heute verkauft niemand mehr Roboter als die von ihm mitgegründete Firma.

Was dazwischen geschah? "Um erfolgreich zu werden", so erzählt Angle heute, "musste ich meinen Status als cooler Erfinder aufgeben und Staubsaugervertreter werden."

Zwölf Jahre tüftelten Angle und seine Mitgründer in der gemeinsamen Firma iRobot an Robotern zur Erkundung des Weltalls und an solchen fürs Militär. Ohne rechten Erfolg. Erst 2002 stellte iRobot den Roomba vor, eine intelligente Maschine zum Staubsaugen. Ein sofortiger Erfolg. Kurz darauf ging iRobot an die Börse, inzwischen hat die Firma mehr als 20 Millionen Roboter verkauft. Heute gibt es von Angles Firmen auch noch einen Roboter zum Reinigen von Swimmingpools und einen zum Rasenmähen. Nicht sonderlich cool, aber extrem erfolgreich.

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Quelle:
SZ vom 24.04.2019
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