Süddeutsche Zeitung

Kolumne: Silicon Future:Nun zu den Fakten

Der Staat muss viel besser darin werden, die Bürger mit verständlichen Informationen zu versorgen. Beispiel 5G. Zu oft mischen sich statt sachlicher Argumente gefühlte Wahrheiten in die Debatte. Und es fehlt an Haltung

Die Branche kriegt sich wieder einmal kaum ein vor lauter Trommeln für ihre Neuerung, doch manch potenzieller Nutzer ist gar nicht begeistert. Womit klar ist: Es kann hier nur um etwas Technisches gehen. Nämlich um 5G, den neuen Mobilfunkstandard. Während man andernorts erst einmal macht und mögliche Probleme auf dem Weg löst, sehen viele Deutsche vor allem die Risiken, gründen Bürgerinitiativen. Um nicht missverstanden zu werden: Erstens ist es gut, dass man das in Deutschland darf. Zweitens ist es auch gut, wenn Bürger für ihre Rechte kämpfen - solange sie das mit friedlichen Mitteln tun.

Es wäre aber gut, wenn in der Debatte, da es sich ja um eine Sachfrage handelt, auch mit sachlichen Argumenten gestritten würde. Viel zu oft mischen sich gefühlte Wahrheiten ein, nehmen die Emotionen überhand, greifen die Gegner neuer Technik zu abstrusen Thesen, gerne aus irgendwelchen Internet-Publikationen, die manchmal sogar seriös wirken, es aber oft nicht sind.

Und gut wäre es auch, würden viele nicht nach der Devise "Nicht in meinem Garten" verfahren. Da vermischen sich dann emotionale Ablehnung und (manchmal ja durchaus berechtigtes) Eigeninteresse zu einer schwierigen Gemengelage. Eine solche hatte den Windfahnen-Beobachter und damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer dazu gebracht, in Bayern die sogenannte 10H-Regelung einzuführen. Windräder müssen zehnmal so weit von Siedlungen entfernt sein, wie sie hoch sind. Ergebnis: kaum noch neue Genehmigungen. Dabei sind Windräder die derzeit effektivste Möglichkeit, erneuerbare Energie zu gewinnen.

Sollte sich die Politik versucht fühlen, beim Ausbau des Mobilfunknetzes ähnlich wirksame Stolpersteine aufzustellen, wäre das ein heftiger Schlag für das Industrieland Deutschland. Mag sein, dass man damit Wähler gewinnt oder wenigstens nicht verprellt. Zukunftsorientiert ist es nicht.

Übrigens sprachen sich bei einer Forsa-Umfrage vor wenigen Wochen 82 Prozent der Bundesbürger für den Ausbau der Windkraft aus. Und es steht zu vermuten, dass der Anteil derer, die sich ein gut ausgebautes Mobilfunknetz wünschen, ebenso hoch ist. Fast alle schimpfen darüber, dass das Mobilfunknetz in Deutschland schlecht ist, doch wenn nahe der eigenen Wohnung ein Mast errichtet werden soll, wird schnell mal geklagt. Nicht der einzige Grund, warum Deutschland hier schwächelt, aber ein wichtiger.

Zeit also, sich einmal damit zu befassen, was zu tun wäre, um die Situation zu verbessern. Es sind zwei Dinge, an denen bisher vor allem Mangel herrscht: erstens Information und zweitens Haltung.

Wer sich nicht genügend informiert fühlt, wird sich Informationen besorgen. Oft genug, ohne die Quellen wirklich zu hinterfragen. So dringen die eingangs beschriebenen gefühlten, manchmal auch verzerrten oder verdrehten Wahrheiten in den Diskurs ein. Der Staat muss viel besser darin werden, Informationen verständlich und verdaulich an die Bürger zu bringen. Vor allem eines ist dabei unabdingbar: Transparenz. Die Bürger sind schlauer, als die Regierenden oft annehmen. Deswegen erkennen sie, wenn ihnen etwas vorenthalten werden soll. Schon das Gefühl, es könnte so sein, darf gar nicht erst aufkommen. Bei den Unbelehrbaren, die an die zentrale Lenkung der "Systempresse" und ähnlichen Blödsinn glauben, wird aber wohl nicht einmal das wirken. Sie sind in ihrer Meinung ja schon festgelegt und Argumenten nicht wirklich zugänglich.

Schnell werden aus Informationsfetzen Horrorszenarien

Da könnte es dann helfen, wenn Politiker eine Haltung haben und dabei bleiben. Warum nicht überzeugend für die eigenen Überzeugungen eintreten, auch mal auf die Pauke hauen, auch wenn einem das womöglich den ein oder anderen Shitstorm und/oder einen Satz heiße Ohren bei der Diskussion im örtlichen Wirtshaus einbringt? Es lässt sich wohl doch argumentieren, dass es nicht nur um Vorgärten geht, nicht um gefühlte Ängste, sondern ums große Ganze. Die Energiewende wird nichts, wenn regenerative Erzeugungsmethoden nicht konsequent ausgebaut werden, und über Funklöcher und lahmes Internet werden die Deutschen noch lange klagen, wenn das Netz nicht endlich richtig ausgebaut wird.

Zum Schluss ein paar Fakten zum Thema 5G. 5G, das ist ein griffiges Kürzel, das sich gut auf Transparente schreiben lässt. Es ist neu, und daher wie das meiste Neue von Ängsten begleitet. So werden dann aus Informationsfetzen Horrorszenarien, die nicht der Sachlage entsprechen.

Sache ist: Auch 5G-Antennen senden keine ionisierende Strahlung aus wie etwa ein Röntgenapparat oder radioaktives Material. Sie können nur durch Wärme wirken. Die Strahlung, die von einem Mast ausgeht, ist viel zu schwach, als dass sie einen spürbaren oder wirksamen Wärmeeffekt haben könnte. Neue Masten müssen auch von der Bundesnetzagentur genehmigt werden - jeder Mast einzeln. Dabei wird einzeln überprüft, dass die Sicherheitsbestimmungen zum Strahlenschutz eingehalten werden.

Eine ganz andere Größenordnung kann dagegen die Strahlung haben, die von den Handys selbst ausgeht - vor allem dann, wenn das Signal wegen schlechten Ausbaus oder in Innenräumen schwach ist. Dann kann die Sendeleistung, die ein Smartphone abstrahlt, eine Million Mal höher sein als die Strahlung, die ein Mast verursacht. Wer sich also vor "Handystrahlung" schützen will, sollte lieber sein Mobiltelefon mit Bedacht nutzen, zum Beispiel mit Headset telefonieren. Und manchmal ist es ja auch aus anderen Gründen ganz gut, sein Smartphone einfach mal wegzulegen.

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SZ vom 05.02.2020
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