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Kolumne: Silicon Beach:Neuer Gig

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Coronavirus-Pandemie hat auch die sogenannte Gig Economy mit Lieferanten, Fahrdiensten und Handwerkern verändert. Für die Auftrag­nehmer bringt das Risiken.

Es klang so einfach, und das war es auch: Man zückte das Handy, wählte den Ankunftsort und wartete auf seinen persönlichen Chauffeur. Der war meist günstiger als eine Taxifahrt, und wenn man ein bisschen Glück hatte, bot er einem auch noch Wasser oder Minzdrops an. Man musste dabei nur die Bedenken der Eltern ("Steig nie zu Fremden ins Auto!") und das eigene mulmige Gefühl ignorieren, wenn dieser freundliche Fahrer etwa erfreut aufjuchzte, weil er nun zum ersten Mal in seinem Leben auf einem Highway fahren würde.

Aus diesen Anfängen entwickelte sich die so genannte Gig Economy, bei der man nicht nur einen Fahrer bestellen konnte, sondern auch handwerkliche Tätigkeiten, Essen aus Restaurants ohne Lieferservice oder, wo es legal ist, Marihuana. Der Begriff stammt aus der Musikbranche, wo Künstler oftmals für einen oder ein paar Abende gebucht werden. Auf den ersten Blick schien sich das auch für die so genannten Gig Worker zu lohnen: Sie konnten Arbeitszeiten selbst bestimmen und waren unabhängig von nervigen Vorgesetzten oder Gewerkschaften, die auf Pausen oder Maximalstunden pro Tag gepocht hätten. Hach, es war eine schöne, freie, neue Welt. Schätzungen zufolge sind mehr als ein Drittel aller Amerikaner derzeit in der Gig Economy tätig, bisweilen als Zuverdienst zur Festanstellung.

Freilich wurde schnell klar, dass die Technikbranche, die viele dieser Gigs vermittelte, mal wieder das Silicon-Valley-Mantra "Lieber später um Entschuldigung bitten als vorher um Erlaubnis fragen" angewendet hatte. Darüber ist ausführlich berichtet worden, die weltweite Coronavirus-Pandemie verdeutlicht aber das weit bedeutsamere Problem dieser Branche: Die Vermittler gaukelten den Auftragnehmern vor, selbständig zu sein.

Nur: Vom Unternehmertum sind Uber-Fahrer, Grubhub-Lieferanten und Task-Rabbit-Handwerker ungefähr so weit entfernt wie Schalke 04 davon, ein seriös geführter Fußballverein zu sein. Man muss nicht BWL studiert haben, um zu wissen, dass Selbständigkeit vor allem bedeutet, einen Markt zu analysieren und dann das Angebot und den Preis dafür festzulegen. Diese Elemente jedoch fehlen, der wahre Unternehmer ist der Vermittler-Algorithmus, der die Gewohnheiten von Auftraggebern und -nehmern kennt und die Preise festlegt. Was für ein Witz diese Illusion von Selbständigkeit ist, erfuhren amerikanische Gig Worker Anfang April, als sie sich um staatliche Hilfe bewarben und bemerkten, dass in den Systemen vieler Bundesstaaten eine App als Auftraggeber nicht vorgesehen war.

Was, wenn ein Kunde mit 50 Dollar Trinkgeld lockt, dann aber gar nicht zahlt?

Während der Pandemie wurden Lieferdienste zum hilfreichen Service für viele Leute, die ihre Wohnungen nicht verlassen konnten, durften oder wollten. Instacart zum Beispiel beschäftigte in Nordamerika zunächst 300 000 zusätzliche Lieferanten und kündigte kurz darauf an, noch einmal 250 000 einstellen zu wollen; allesamt als unabhängige Unternehmer freilich. Nach einer Finanzierungsrunde im Juni wird die Firma mit 13,7 Milliarden Dollar bewertet. Ein Problem bei Instacart und Konkurrenten wie Uber Eats und Postmates ist das so genannte "Bait and Switch". Es bedeutet, dass Auftraggeber bereits beim Einstellen des Auftrags die Höhe des Trinkgelds angeben können, um Lieferanten dazu zu bringen, ungewöhnliche Aufträge anzunehmen, Umwege zu fahren oder zusätzliche Strapazen auf sich zu nehmen. Sie können jedoch das Trinkgeld danach anpassen - was grundsätzlich sinnvoll ist, falls jemand unzufrieden ist. Was aber, wenn ein Kunde mit 50 Dollar Trinkgeld lockt und bereits vorher plant, es selbst bei perfekter Lieferung auf fünf oder gar null Dollar zu reduzieren? Das Risiko liegt, wie so oft, bei den Auftragnehmern.

Es gehört zu den wahnwitzigsten Eigenschaften der Technikbranche, dass sie unfassbar stolz darauf ist, Probleme zu lösen, die sie letztlich selbst kreiert hat. In den USA gibt es nun die App Dumpling, die Auftragnehmer tatsächlich zu Unternehmern macht. Die bezahlen 39 Dollar pro Monat oder fünf Dollar pro Auftrag für die Vermittlung und das Abwickeln der Zahlungen. Sie bestimmen nicht nur ihre Arbeitszeiten, sondern auch ihren Preis - und legen ein Mindestrinkgeld fest. Sie können also den Markt sondieren und dann festlegen, was sie tun wollen und wie viel sie dafür verlangen. Die Kunden bezahlen keinen Aufschlag auf einzelne Produkte wie bei vielen Vermittlern, sondern fünf Prozent des Gesamtpreises an Dumpling - und was der Lieferant zuvor für sich festgelegt hat. Sie können den Auftragnehmer anhand der Kundenbewertungen auswählen und bei Zufriedenheit immer wieder beschäftigen. Auch das ist ein Problem der Gig Worker anderer Plattformen: Sie werden abgelehnt, wenn die Bewertungen zu schlecht sind. Es ist aber kaum möglich, sich durch besonders gute Leistungen zu empfehlen, und so gut zu sein, dass man Aufträge mit möglicherweise besserer Bezahlung bekommt.

"Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob einem eine App ein paar Gigs zuschanzt - oder ob man tatsächlich für sich selbst verantwortlich ist", sagt Mit-Gründer Joel Shapiro über Dumpling, das bei der ersten Finanzierungsrunde vor zwei Wochen 6,5 Millionen Dollar eingesammelt hat: "Die Leute vermarkten sich selbst, sie können auch Sonderkonditionen anbieten." Klingt nach wahrer Selbstständigkeit, doch liegt da auch das unternehmerische Risiko: Wenn etwa eine Kreditkarte abgelehnt wird, trägt der Lieferant laut Geschäftsbedingungen die Kosten. Dumpling überlegt nach eigenen Angaben, Unternehmern eine Police gegen diese Form von Betrug anzubieten. Natürlich gegen einen kleinen Obolus.

© SZ vom 01.07.2020
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