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Kolumne: Silicon Beach:Influencer-Investoren

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Christoph Giesen (Peking), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel.

Hollywood-Stars sind nicht nur vermögend, sie erreichen auch Millionen Menschen. So können sie in Start-ups investieren und dann glaubhaft dafür werben.

Wer im Supermarkt durch die Regale mit alkoholischen Getränken flaniert, der dürfte verblüfft sein über die außerordentliche Auswahl, die dort mittlerweile zu finden ist. Es gibt nicht mehr nur Whiskey mit den amerikanischen Vornamen Jack, Jim und Johnny darauf, Gin exklusiv aus London oder Wodkasorten, die wie russische Präsidenten heißen. Gerade die Zahl der Tequila-Marken ist exponentiell gestiegen, und das liegt auch an prominenten Produzenten: Es gibt Tequila der Musiker Justin Timberlake, Carlos Santana und P. Diddy, Schauspieler George Clooney hat seine Destille vor zwei Jahren für eine Milliarde Dollar verkauft, Gesamtkunstwerk Dwayne "The Rock" Johnson will noch in diesem Jahr ein Getränk herausbringen, dessen polynesischer Name "Mana" mit "übernatürlich" übersetzt wird. Fast jeder beschließt im Lauf seines Lebens, eine Bar zu eröffnen, Wein zu keltern oder aus Früchten im Garten einen blind machenden Sliwowitz zu brennen.

Die Schnapsideen von Promis sind allerdings Symbole für einen anderen, viel größeren Trend. Es geht nicht um Bars (Sandra Bullock und Susan Sarandon), Wein (Diane Keaton und Drew Barrymore) oder Schnaps (Ryan Reynolds und David Beckham), sondern darum, dass Promis nicht mehr nur singen, schauspielern oder Basketball spielen und abseits der Aktivität, für die sie berühmt sind, ein paar Reklamefilmchen drehen. Promis heutzutage sind: Investoren und Influencer, und das geht mittlerweile so weit, dass jedes Start-up in Silicon Beach ganz dringend einen berühmten Partner braucht.

Ashton Kutcher zum Beispiel hat Apple-Gründer Steve Jobs im eher langweiligen Biopic "Jobs" verkörpert und in der Reality-Show "Shark Tank" ein paar Start-ups gefördert. Plötzlich kam heraus, dass der Schauspieler bereits seit 2009 investiert, darunter in Airbnb, Uber, Skype und Spotify. 2011 hat er die Venture-Capital-Firma A-Grade Investments gegründet, vor drei Jahren ist er auf der Titelseite von Forbes zu sehen gewesen. Aus einem Startkapital von 30 Millionen Dollar hat A-Grade Investments laut Forbes mittlerweile mehr als 250 Millionen Dollar gemacht.

Die erste Million ist die schwerste, heißt es ja immer, doch viele Promis haben den schwersten Teil bereits hinter sich. In Los Angeles gibt es, kein Witz, mehr als 260 000 Millionäre. Das Geld sitzt locker, weil Berühmte nicht nur berühmt sein wollen fürs Singen, Schauspielern oder Basketballspielen, sondern für eine Beteiligung an einem so genannten "Einhorn" - so werden Firmen genannt, die irgendwann mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden.

Der Rapper Snoop Dogg investiert über seinen Wagniskapitalgeber Casa Verde Capital in den News-Aggregator Reddit, der Basketballer Carmelo Anthony über seine Firma Melo7 Tech Partners in den Fahrdienst Lyft, Sänger Justin Bieber ist am Musikdienst Spotify beteiligt. Ein gut sortiertes Investment-Portfolio ist, neben der eigenen Schnapsmarke natürlich, ein Statussymbol.

Das Geschäft funktioniert noch besser mit einer Story zur Weltverbesserung

Hollywood-Stars und Profisportler sind nicht nur reich, sie erreichen als Protagonisten der Popkultur auf sozialen Plattformen mehrere Millionen Leute, anders als die selbst ernannten Influencer mit ein paar Tausend Followern, die als Gegenleistung für eine Gratis-Reise mit hübschen Fotos am Hotelpool den Tourismus im Nirgendwo ankurbeln sollen. Promis müssen nicht mehr Reklame für irgendwelche Produkte machen (obwohl der einstige Basketballstar Shaquille O'Neal so ziemlich jede Firma bewirbt, die sich nicht rechtzeitig ins Ausland absetzt) oder fragwürdige Deals eingehen. Sie investieren einfach selbst in Start-ups und versichern ihren Anhängern, dass es sich um eine prima Firma handeln müsse, sonst hätten sie wohl kaum ihr eigenes Geld investiert.

Das funktioniert umso besser, wenn sich dazu eine Story zur Weltverbesserung erzählen lässt. Eine Geschichte, die einen mitreißt und womöglich auch ein bisschen manipuliert, kann mächtig sein, das beweist Elon Musk derzeit mit Tesla. Schauspieler Leonardo DiCaprio zum Beispiel investiert in Firmen, die sich dem Erhalt des Planeten verschrieben haben, er ist zudem beteiligt an einem Hersteller pflanzlicher Milch und einem Produzenten von Diamanten aus dem Labor - wie passend, dass DiCaprio die Hauptrolle im Film "Blood Diamond" gespielt hat. Kollegin Jessica Alba hat eine Firma für, auch das ist kein Witz, ethisch vertretbare Kinder- und Schönheitsprodukte gegründet. Das Unternehmen gilt mittlerweile als Einhorn, es wird schon vor dem Börsengang mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet.

Promis sind Investoren und Influencer, und es gibt da noch die Schauspielerin, die Influencerin war, bevor es den Begriff überhaupt gab: Gwyneth Paltrow verschickte einst Newsletter an ihre Fans, in denen sie aus ihrem Leben berichtete, aber auch wahnwitzige Tipps präsentierte wie zum Beispiel Bienenstiche gegen Verletzungen, ein Elixier gegen schlechte Schwingungen oder Kaffee, den man sich anal einführen kann. Daraus entstand das Unternehmen Goop, dem Fans der Schauspielerin mit religiösem Eifer folgen und das alle anderen eher für eine Sekte halten.

Vor zwei Wochen gab es in London das erste Wellness-Wochenende des Unternehmens mit Gastgeberin Paltrow, das Teilnehmer als reine Verkaufsveranstaltung für Goop-Produkte (ein Vibrator mit dem Namen "Millionaire", eine Blumenwand für perfekte Selfies und zahlreiche Selbstoptimierungs-Bücher) bezeichneten. Das Wochenende, das 5700 Dollar Teilnahmegebühr pro Person kostete, war übrigens ausverkauft. Noch Fragen?