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Kolumne: Silicon Beach:Aufblühen in der Krise

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Pandemie teilt auch die Technikbranche in Gewinner und Verlierer. Wie groß die Unterschiede sind, zeigen die Mobilitäts-Start-ups.

Von Jürgen Schmieder

Es gibt in Wimbledon ein Schild, unter dem jeder hindurch muss, der den Center Court betritt. Darauf sind zwei Zeilen aus einem Gedicht von Rudyard Kipling graviert, die sich in etwa so übersetzen lassen: "Wenn du Triumph und Desaster erleben darfst, und mit beiden Blendern gleichermaßen umgehst." Es ist ein Ratschlag, den jeder kennen sollte, auch wenn es freilich kaum einem gelingen dürfte, bei Erfolg nicht überzuschnappen und in der Krise nicht gleich in Panik zu geraten. Es gibt einen ähnlichen Spruch in der Technikbranche, nicht ganz so eloquent, aber ebenso treffend: "Wir haben keine Ahnung, warum wir gestern so reich waren - und wir haben keine Ahnung, warum wir heute so arm sind."

Sie haben ja wirklich die Welt verändert mit ihren Ideen, und in einer Krise wie der Coronavirus-Pandemie wird das so sicht- und spürbar wie selten: Die Menschen sitzen nicht einsam daheim. Sie können auf dem Samsung-Handy über die Videotelefonie-App Zoom mit den Liebsten von Angesicht zu Angesicht sprechen - was auch deshalb so reibungslos funktioniert, weil die Cloud-Server von Amazon die Datenströme verarbeiten. Sie sehen Nachrichten auf dem Apple-Tablet. Sie bekommen von Firmen wie Instacart, Doordash und Postmates so ziemlich alles nach Hause geliefert - ja, auch Toilettenpapier.

Das Coronavirus trifft nun aber auch zahlreiche Unternehmen der Technikbranche. Was dabei auffällt: Es bekommen vor allem jene gewaltige Probleme, die bereits zu Triumph-Zeiten im Verdacht gestanden hatten, keine Ahnung zu haben, warum gerade sie so reich gewesen sind. Es mag ja keine schlechte Idee gewesen sein, den Weg zur Arbeit nicht zu Fuß, sondern auf einem Elektroroller oder einem Leihfahrrad zurückzulegen. Allerdings wurde Verleiher Lime im vergangenen Jahr nach mehreren Finanzierungsrunden mit 2,4 Milliarden Dollar bewertet, Konkurrent Bird gar mit 2,5 Milliarden. Warum eigentlich?

Freilich ließe sich nun sagen: Kaum jemand ist in der Pandemie unterwegs, also nutzt auch kaum jemand das Angebot dieser Firmen. Kein Wunder, dass Bird seine Flotte aus sechs amerikanischen Städten abgezogen und 30 Prozent der Angestellten entlassen hat. "Wir haben zwar gerade erst Hunderte von Millionen von Investoren bekommen", schrieb Gründer Travis VanderZanden an die Mitarbeiter: "Aufgrund der Unsicherheit müssen wir jedoch dafür sorgen, dass dieses Geld bis Ende 2021 reicht." Das kling ein bisschen wie: Wir haben keine Ahnung, warum wir gestern so reich waren - und wir haben keine Ahnung, warum wir heute so arm sind.

Lime-Gründer Brad Bao hat verkündet, das Angebot seiner Firma überall außer in Südkorea auszusetzen. Es heißt, dass das Unternehmen ganz dringend frisches Geld brauche - bei einer Bewertung von nunmehr nur noch 400 Millionen Dollar. Das Unternehmen hatte zu Beginn des Jahres 14 Prozent seiner Angestellten entlassen, was schon damals dazu führte, dass Investoren den auf immensen Wachstum ausgelegten Geschäftsplan hinterfragten.

Es ist nämlich mitnichten so, dass nun sämtliche Verleiher gewaltige Probleme bekommen. Das Start-up Wheels etwa hat gemeinsam mit dem Biotech-Unternehmen NanoSeptic angekündigt, Fahrräder mit selbstreinigenden Griffen und Bremshebeln bereitzustellen. "Anders als etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Taxis können die Leute auf unseren Geräten Abstand zu den Mitmenschen halten und müssen aufgrund der Technologie keine ungereinigten Oberflächen berühren." Es gibt an jedem Fahrrad zwei Körbe, sodass sie auch von Lieferdiensten genutzt werden können und Wheels bietet auch Monatsmiete an, damit Kunden das Gerät nicht mit anderen teilen und eine Infektion fürchten müssen.

Erfolgreich sein wird, wer seine Versprechen aus Zeiten vor der Krise nun einhalten kann

Das ist der Unternehmergeist, für den die Technikbranche berühmt ist. Und der führt zu dem, was der auf Katastrophen spezialisierte Immobilienmakler Randall Bell "posttraumatic thriving" nennt: das Aufblühen in der Krise. Der Elektromoped-Verleih Revel etwa stellt seine Geräte gratis zur Verfügung wenn die Kunden damit zu einer Institution in New York fahren, in der Coronavirus-Patienten behandelt werden. Der Fahrdienstvermittler Lyft tut das Gleiche und macht seinen Fahrradverleih CitiBike für alle systemrelevanten Beschäftigten in New York kostenlos. Die Zahl der Fahrten ist im März im Vergleich zum Vorjahr um 67 Prozent gestiegen.

Welche Unternehmen der Technikbranche dürfen sich also auch nach der Krise noch Einhorn nennen? Und wer muss dabei nicht von Großkonzernen gestützt werden, so wie der Elektroscooter-Verleih Spin, der dem Autohersteller Ford gehört und der seinen Betrieb erst vergangene Woche einstellte? Es dürften jene Firmen sein, denen es gelingt, die Versprechen einzulösen, die sie in Zeiten des Triumphs abgegeben haben und wegen derer sie derart wahnwitzig bewertet worden sind.

Bei Tesla beispielsweise geht es ja nicht um möglichst coole und bisweilen durchgeknallte Fahrzeuge, sondern um nachhaltigen Personentransport. Bei Uber und Lyft geht es nicht um billige und bequeme Taxis, sondern um die Vision, mit elektrischen und selbstfahrenden Autos den kompletten Verkehr neu zu denken. Und bei Verleihern wie Wheels oder Spin geht es nicht um Elektroscooter, die auf Gehsteigen herumliegen, sondern um das Experiment, wie eine Metropole aussähe, würden mehr Menschen aufs Auto verzichten. Es geht also um Ideen und Visionen. Und wie viele Leute gerade feststellen, kann man die auch haben, wenn man daheim auf dem Balkon am Laptop arbeitet - und in der Krise nicht in Panik gerät, sondern aufblüht.

© SZ vom 01.04.2020
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