bedeckt München
vgwortpixel

Kolumne: Pipers Welt:Unsinn mit Methode

An dieser Stelle schreiben Nikolaus Piper und Franziska Augstein jeden Freitag im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Wie in der aufwendig gemachten Fernsehserie "Das Boot" Geschichtsklitterung betrieben wird.

Wenige Fragen in der Geschichte sind so eindeutig zu beantworten wie die, wer am Zweiten Weltkrieg schuld ist. Trotzdem wird es wohl immer Leute geben, die behaupten, nicht Hitler und die Wehrmacht hätten den Krieg vom Zaun gebrochen, sondern die Freimaurer, die Juden, die Wall Street oder wer auch immer. Rechte Verschwörungstheorien zumeist, die man am besten ignoriert.

Es sei denn, sie werden über das öffentlich-rechtliche Fernsehen verbreitet.

Gemeint ist die erfolgreiche Fernsehserie "Das Boot". Genauer: die zweite Folge, die das ZDF am vorigen Samstag ausstrahlte. Darin bekommt Klaus Hoffmann, Kommandant des deutschen U-Boots U 612 und einer der Helden der Serie, den geheimen Auftrag, auf hoher See ein amerikanisches Schiff zu treffen und dort einen Gefangenenaustausch zu organisieren. Er liefert den jungen Amerikaner Sam Greenwood ab, Sohn eines Magnaten von der Wall Street, und nimmt dafür einen gefangenen deutschen U-Boot-Kapitän in Empfang. Bei der Übergabe ist auch Greenwoods Vater anwesend, und den entlarvt der Sohn nun als Bösewicht, der in Wahrheit hinter dem Krieg steht: "Die Reichsanleihen, die wir gekauft haben, haben eure gesamte Flotte bezahlt", erklärt Sam den Deutschen. Seine Familie habe "Hitler bis an die Zähne bewaffnet", und "für jeden investierten Dollar zahlt uns Adolf jetzt 50 zurück."

Das alles ist hanebüchener Unsinn. Sicher, eine Fernsehserie ist keine Dokumentation, in der jedes Detail stimmen muss. Aber die Episode mit Sam Greenwood ist nicht einfach nur fantasievolle Ausgestaltung der Realität, es ist plumpe Geschichtsklitterung im Gewande eines modischen Antikapitalismus.

Zunächst das Simpelste: Hitler ließ niemals Reichsanleihen emittieren, weder an das heimische, noch an das ausländische Publikum. Weil er den Unmut des Volkes fürchtete, bezahlte er die Aufrüstung durch verdeckte Staatsverschuldung, heimlichen Diebstahl von Sparguthaben und Versicherungsverträgen und durch gedrucktes Geld. Berühmt-berüchtigt waren in diesem Zusammenhang die "Mefo-Wechsel", Schuldscheine eines Scheinunternehmens namens "Metallurgische Forschungsanstalt". Die Wechsel wurden von der Reichsbank refinanziert, wodurch die Reichsregierung direkten Zugang zum Geldhahn der Notenbank bekam. Erfunden hatte das System Hitlers Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht.

Grotesk ist auch die Vorstellung, Hitler hätte während des Krieges 50 Dollar für jeden investierten Dollar gezahlt. Wo hätte er die Dollar hernehmen sollen? Die Investoren wären so auf eine Rendite von 5000 Prozent gekommen. Hatten die Berater der Drehbuchautoren keinen Taschenrechner? Selbst wenn man zu ihren Gunsten annimmt, dass das nur im übertragenen Sinne gemeint war - welcher Sinn sollte dann damit übertragen werden?

Wohl wahr, es gab nicht nur deutsche, sondern auch amerikanische Unternehmer, die verblendet, opportunistisch oder feige waren und entsprechende Geschäfte mit den Nazis machten. Zum Beispiel Henry Ford, der antisemitische Autofabrikant, der Hitler bewunderte. Die Ford-Werke in Köln halfen in der Kriegswirtschaft, aber auch Ford finanzierte den Krieg nicht.

Nach 1939 verließen sich die Deutschen zunehmend auf die Plünderung besetzter Länder. "Fremdarbeiter" schufteten für den "Endsieg", ausländische Devisenreserven wurden gestohlen - in Österreich, der Tschechoslowakei, Frankreich, Griechenland und vielen Ländern mehr. Das ist längst erforscht und dokumentiert. Die Geschichte, die in "Das Boot" erzählt wird, erinnert dagegen verdächtig an rechte Machwerke wie "Hitler's Secret Backers", eine Fälschung, die 1933 in den Niederlanden auftauchte und den Eindruck erweckte, der deutsch-jüdische Bankier Max Warburg könnte etwas mit dem Aufstieg Hitlers zu tun haben. "Das Boot" spielt mit der Möglichkeit, Sam Greenwood und sein Vater könnten Juden sein.

Bleibt die Frage, wie so ein Quatsch überhaupt in die aufwendig gemachte Fernsehserie mit einem Etat von 25 Millionen Euro kommt, und wie er Gremien des ZDF und diverser Filmförderer anstandslos passieren konnte. Vielleicht war es einfach nur Schlamperei, verbunden mit dem Wissen darum, dass heutzutage ein bisschen Antikapitalismus immer geht, selbst wenn man ihn bei den Rechten borgt. Die Episode enthält im Übrigen auch noch ein Stück Antiamerikanismus, der nicht so leicht zu entziffern ist. Sam Greenwoods Vater rafft seine ganzen Gewinne nur deshalb, weil er sich den Weg ins Weiße Haus kaufen will. Das Klischee mag im Zeitalter von Donald Trump einigermaßen plausibel sein, selten jedoch passte es weniger als in den 1940er-Jahren. Im Weißen Haus regierte der große Sozialreformer Franklin D. Roosevelt. Sein Gegenspieler bei der Präsidentschaftswahl 1940 war der liberale Rechtsanwalt Wendell Willkie, ein (hoch angesehener) Außenseiter, der besonders gegen die Rassentrennung kämpfte. Ein Vorbild für Sam Greenwoods Vater gab es damals in Washington einfach nicht.

"Es hat immer auch eine entlastende Funktion, wenn man Hitler zur Marionette des Großkapitals macht", sagt der Historiker Johannes Hürter vom Institut für Zeitgeschichte in München zum Umgang der Heutigen mit ihrer Vergangenheit. "Das Boot" zeigt genau, wie das funktioniert. In der Übergabeszene erklärt Sam Greenwood: "Wissen Sie, wer den Krieg gewinnt? Nicht die Alliierten. Nicht die Achse. Sondern Typen wie er (sein Vater)." Und, an den deutschen U-Boot-Kommandanten gewandt: "Ihr seid die Opfer".

Am Ende der Staffel sieht man Greenwood nochmals, in einem geschmacklosen New Yorker Büro. Für die geplante zweite Staffel muss man also wohl das Schlimmste befürchten.

© SZ vom 10.01.2020
Zur SZ-Startseite