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Kolumne: Das deutsche Valley:Unterwegs mit Verena Pausder

Marc Beise, 
Kol. das deutsche Valley

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Mancher sorgt sich, dass das beschleunigte Leben im Netz die Menschen kaputt macht - nicht so Verena Pausder. Sie sieht vor allem Chancen.

Von Marc Beise

Gerade noch war man im Gespräch mit einem Sozialdemokraten alter Schule. Horst Arnold, 58 Jahre alt, war Richter am Amtsgericht Fürth und ist seit vielen Jahren Mitglied im Bayerischen Landtag, seit 2018 ist er dort Chef der SPD-Fraktion. Die Diskussion ging um die Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung, die in Deutschland bekanntlich umlagefinanziert ist: Jeweils die Jungen zahlen über ihre Beiträge das Auskommen der Alten - nur leider gefährdet die Demografie die schöne Ordnung: Immer mehr Rentner müssen von immer weniger Arbeitnehmern versorgt werden. Weil aber einerseits höhere Beiträge Angestellte und Unternehmen überfordern, man andererseits aber das Rentenniveau in einem reichen Land nicht ungestraft senken kann, empfehlen Experten die Verlängerung der Regelarbeitszeit - ein politisch heißes Eisen.

Das gesetzliche Renteneintrittsalter schraubt sich gerade dank der Durchsetzungskraft des früheren Sozialministers Franz Müntefering, einem diesbezüglich unorthodoxen Sozialdemokraten, schrittweise auf 67 Jahre hoch, aber da müsste noch mehr gehen, schließlich werden die Menschen immer älter und bleiben länger fit. 68? 70? Nix da, sagt Horst Arnold, diese Debatte werde er jetzt nicht führen, denn es gelte erst die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt zu analysieren: Immer mehr Menschen seien ausgebrannt und könnten nicht mehr. Da hat er jetzt einen Punkt, denkt man, und erinnert sich an die zahlreichen Gespräche selbst mit Jüngern der digitalen Ära, die die ständige Verfügbarkeit, den Ansturm aller Informationen und die Diktatur der Smartphones in stillen Momenten kritisch sehen.

Später am Tag liest man sich dann im druckfrischen Buch von Verena Pausder fest, der deutschen Vorzeige-Powerfrau dieser neuen digitalen Welt, seit Jahren ein viel beachteter Gast beim SZ-Wirtschaftsgipfel immer im November in Berlin. "Druckfrisch" könnte sprachlich daneben sein, ist es aber nicht. Tatsächlich ist es ein Werk zum Anfassen, erschienen in einem etablierten Verlag, klassisch aufgemacht mit einem Hochglanzcover und dem Gesicht der Autorin darauf, und sie selbst bekennt darin, dass sie, "immer wenn es wichtig wird", zu Papier und Stift greife.

Ein ganz normales Buch ist es dann doch nicht geworden, weil es von Stil und Layout her aufgebaut ist wie eine Rede, kurze Zeilen, Flattersatz und einprägsame Wiederholungen. Ach wie schade, dass die Autorin nicht mittags bei der Rentendebatte dabei war, sie und Herr Arnold, das hätte kurzweilig werden können. Die Rentenversicherung kommt im Buch auch vor, einmal kurz und eher herablassend. Rente ist statisch, aber die Protagonistin liebt die Geschwindigkeit. Geht nicht, wissen wir nicht, wollen wir nicht - das lässt sie nicht gelten. Sie will aufbrechen, anpacken, verändern. So wie sie damals bei dem großen Versicherungskonzern wieder ausgestiegen ist, um eine Salatbarkette zu gründen. Das ging schief, egal, dafür wurde die Entwicklung digitaler Lernanwendungen ein großer Erfolg. Das Unternehmen "Fox & Sheep" hat sie mittlerweile sehr lukrativ verkauft und engagiert sich im Bildungsbereich ehrenamtlich. Gemeinsinn hat sie in der Corona-Krise bei vielen Menschen entdeckt: den Willen, die Kraft und Energie, eigene Talente weiterzugeben. In ihrem Fall war es die Entwicklung einer Homeschooling-Website. "Weil die meisten Schulen die Krise unvorbereitet getroffen hat, weil Eltern und Lehrer mit Homeschooling überfordert waren, weil sie nicht wirklich wussten, wie sie Schüler zuhause unterrichten sollten, hat Pausder homeschooling-corona.com ins Netz gestellt. Die Seite wurde hunderttausendfach aufgerufen und geteilt. Ein Beispiel für vieles, was anders werden muss im Land, im "Neuen Land", wie sie sagt und wie das Buch heißt.

Pausder geht die üblichen Themen durch: Bildung, Klima, Gleichberechtigung, Innovation, New Work, und sie sagt vieles, was auch andere sagen, aber sie sagt es mit so viel Kraft und Energie, dass einem fast schwindelig wird. Sie weiß ja selbst, dass vieles nicht neu ist, aber in ihrem "Neuen Land" sollen die Dinge nicht nur gut klingen, sollen Politiker keine "Pakete schnüren", sondern wirklich etwas verändern. Lange wird es wohl nicht mehr dauern, dann geht Frau Pausder in die Politik. Fragt sich nur, ob sich eine Partei findet, die nachhaltig glücklich mit ihr würde, und umgekehrt.

Manchmal wird sie auch sehr konkret, wie bei der Forderung nach neuen Indikatoren zum Messen der Lebensqualität im Land, nach einer Innovationsabgabe, die mehr sein soll als einfach nur eine neue Steuer, Veränderungen im Bundestag und neuen Kommunikationsformen bis hin zu sehr praktischen Reformideen wie der "Zukunftsstunde": "Einfach am Sonntag hinsetzen, zum Beispiel zwischen 17 und 18 Uhr, und die Familie probiert aus, was in den Geräten, in den Smartphones und Laptops noch steckt, sie entdecken gemeinsam neue Programme und Tools: Stop-Motion-Filme, Programmierkurse, digitale Spiele." Ganz einfach, kann jede Familie sofort umsetzen.

Pausders Urgroßvater, übrigens, war Gustav Heinemann, ein großer Liberaler und Sozialdemokrat und der dritte Bundespräsident, dessen Ziehsohn Johannes Rau, SPD-Vorsitzender und NRW-Ministerpräsident, war der achte Bundespräsident. Sie beruft sich auf beide. Umgekehrt, kann man ziemlich sicher sein, hätten die beiden alten Herren ihre Verena Pausder supertoll gefunden, aber ihr Tempo?

Doch: Heinemann ist 1976 gestorben, und Rau 2006. Jetzt haben wir das Jahr 2020, die Covid-Erfahrung im Nacken, und man ahnt, dass ein "Weiter so" nicht mehr funktioniert. Dann mal los, Verena Pausder, wir kommen auch!

© SZ vom 09.09.2020
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