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Kolumne: Das deutsche Valley:Tweet an Trump

Marc Beise, 
Kol. das deutsche Valley

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Christoph Giesen (Peking), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel.

Albert Einstein, Marlene Dietrich, Freddie Mercury - und Zarah Bruhn aus München: Wie das Start-up Social-Bee Flüchtlinge in die Wirtschaft vermittelt.

Der Tweet zielte direkt aufs Smartphone des amerikanischen Präsidenten: "Hey @realDonaldTrump, here's a riddle only a wise man like you can solve. Guess who is the refugee ...". Die Antwort blieb aus, klar. Der Mann im Weißen Haus wird kaum gewillt sein, sich dem Rätsel zu widmen, das ihm junge freche Gründer aus Deutschland gestellt haben. Beigefügt waren Fotos, wie sie dann auch auf Plakatwänden und an Haltestellen in den süddeutschen Großstädten München und Stuttgart plakatiert wurden.

Marlene Dietrich, Hollywood-Star, Kabarettikone - und Flüchtling vor den Nazis, zur amerikanischen Staatsbürgerin geworden im Jahr 1939. Albert Einstein, genialer Physiker, Nobelpreisträger - und aus Hitler-Deutschland in die Vereinigten Staaten emigriert. Freddie Mercury, Rocklegende, Bühnen-Monster - und ein Flüchtling: Geflohen im Jahr 1964 aus den Revolutionswirren seiner Heimat Sansibar. Personen der Zeitgeschichte, im Bild umringt von anderen Menschen, und die Aufforderung an den Betrachter: "Spot the Refugee", erkenne den Flüchtling.

Die Suchbilder als Motiv hat sich die Werbeagentur Jung van Matt pro bono ausgedacht, also ohne Honorar. Den Platz stellt Deutschlands größter Werbeflächenvermieter Ströer zur Verfügung. Nutznießer ist das in München ansässige und nun auch in Stuttgart aktive soziale Start-up Social-Bee, aber eigentlich sollen die Begünstigten die unter oft haarsträubenden Bedingungen nach Deutschland geflohenen Menschen sein.

Während leider immer mehr Deutsche sich vor allem sorgen, dass es hierzulande zu viele Ausländer gebe, will Social-Bee helfen: Es möchte den Geflüchteten die Türen zum Arbeitsmarkt öffnen. Das Start-up stellt als zwischengeschalteter Arbeitgeber die Menschen erst bei sich an und bringt sie dann in Unternehmen unter. Die Vermittlungsgebühr bleibt nicht in den Kassen von Social-Bee, sondern wird investiert in ein umfangreiches Integrationsprogramm, in Deutschkurse, individuelle Beratung und fachliche Weiterbildung. Zeitarbeit ohne Profitinteresse.

Idealerweise folgt auf das einjährige Programm der Ausbildungsvertrag oder sogar die Übernahme in die Direktanstellung beim Partnerunternehmen. Dieses ungewöhnliche Modell haben sich die Jungmanager Zarah Bruhn und Maximilian Felsner vor drei Jahren ausgedacht, seitdem kämpfen sie sich mühsam voran. Fast 200 Geflüchtete sind bisher in Arbeit gekommen, 97 davon haben den Sprung vom Probejahr zur Festanstellung geschafft. Eine gute Quote und doch nur ein Anfang, genau vier Jahre, nachdem Kanzlerin Angela Merkel ("Wir schaffen das") die Flüchtlinge aus Ungarn hat einreisen lassen; ein wichtiger Tag innerhalb des großen Zuzugs von am Ende 1,5 Millionen Menschen.

Ein Anfang zudem, der leidet unter dem zunehmenden Misstrauen gegenüber den Migranten. Obwohl überall in Deutschland Beschäftigte selbst für einfache Arbeiten gesucht werden, von Facharbeitern ganz zu schweigen, hat Social-Bee viel mehr Bewerber als integrationswillige Unternehmen in den Büchern. Das liegt an bürokratischen Schwierigkeiten, der Einfallslosigkeit von Unternehmen - aber auch an der latenten Ausländerfeindlichkeit im Land. Letztere macht Zarah Bruhn besonders zu schaffen. Deshalb greift sie gelegentlich zu drastischen Mitteln.

Wo bleibt Markus Söder? Ein TV-Tipp für die bayerischen Ministerpräsidenten

"Stop Racism. Spot the Potential", die Botschaft will die junge Gründerin unter die Menschen bringen. Will ein generelles Umdenken über die Fähigkeiten von Menschen mit Fluchterfahrung anregen. Die Dietrich, Einstein, Mercury - die Kampagnenmotive sollen zeigen, dass eine Flucht im Lebenslauf eines Bewerbers keine Rolle spielen sollte. Im Gegenteil: Wer die Tortur der Flucht, womöglich enggedrängt im Schlauchboot übers Mittelmeer, überlebt hat, der ist mutmaßlich zu vielem fähig, das Arbeitgeber, Wirtschaft und der Gesellschaft insgesamt von Nutzen ist. Oder nicht?

Die Zweifler lassen sich nicht so leicht überzeugen, die Wütenden nicht besänftigen. Eine erste Kampagne vor eineinhalb Jahren, unterstützt von Facebook und deshalb vor allem in den sozialen Netzwerken gespielt, provozierte massive rassistische Anwürfe. So stark war der Protest, dass das Unternehmen sich sogar fragte, ob es Erfolgsbeispiele überhaupt identifizieren dürfe oder die Integrierten nicht besser anonym bleiben sollten. Die neue Kampagne jetzt ist herkömmlicher konzipiert: Plakate im Stadtbild, analoger geht's kaum. Die Konsequenz immerhin: Die große Hasswelle ist diesmal ausgeblieben.

Dafür wächst die Zahl der Unterstützer, die vom Ein-Mann-Betrieb über Mittelständlern wie Vollcorner, Hofpfisterei und Alnatura bis zu Großkonzernen wie Dachser reicht. Doch noch immer, sagt Zarah Bruhn, zögern viele Arbeitgeber, Geflüchtete einzustellen. Deshalb ist Social-Bee Unterstützung willkommen. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, ist Schirmherrin der Kampagne, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen wirbt für das kleine deutsche Start-up. Nur Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident, hat sich in den Büroräumen von Social-Bee in München noch nicht sehen gelassen. Obwohl er es kurz vor der Bundestagswahl mit großer Geste versprochen hatte.

Dafür könnte der CSU-Mann an diesem Mittwoch Bruhns Mitgründer Maximilian Felsner beobachten, wenn dieser live im ZDF bei Dunja Hayali den AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen davon überzeugen will, dass die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt allen hilft: den Betroffenen wie dem Land. Berater nennen so etwas eine Win-win-Situation.