Kolumne: Das deutsche ValleyGeht doch

Lesezeit: 3 Min.

(Foto: Bernd Schifferdecker/Bernd Schifferdecker)

Homeschooling funktioniere mehr schlecht als recht, heißt es. Aber wer genau hinsieht, entdeckt jede Menge neue Kreativität.

Von Marc Beise

In der Kirche der Pater-Rupert-Mayer-Tagesheimschulen ist er ein vertrauter Anblick: Studiendirektor Manfred Maurer, 46, steht als Seelsorger und Religionslehrer im Herzen der katholischen Schule in Pullach bei München, normalerweise. Nun blieb die Schule, wie viele andere, geschlossen - Maurer aber weiter präsent. Tauchte in seiner bedächtigen Art überraschend ausgerechnet bei Youtube auf mit dem Format "Geistliche Tipps Corona", und manche der Tipps waren durchaus weltläufig: "Gib deinem Leben einen Rhythmus" hat er gleich zu Beginn der schulhausfreien Zeit empfohlen, mehr Wertschätzung für andere oder die Lektüre von Fachliteratur (und zugegeben, dass er selbst sich durch die Gesammelten Werke des Papstes Emeritus manchmal auch quälen muss). Mittlerweile stehen zahlreiche Folgen im Netz; sie werden von Schülern breit weiterempfohlen.

Seelsorge, das wäre so ziemlich der letzte Bereich gewesen, den Uwe Peter für digitalisierungsaffin erklärt hätte, schließlich geht es da doch im Kern um eine persönliche Ansprache von Bedürftigen. Aber er selbst hat für mehrere Bistümer die Voraussetzung für digitale Seelsorge organisiert, und das ist für ihn ein Beispiel, wie jetzt in der Corona-Krise überall Kreativität keimt. Peter ist Deutschlandchef des amerikanischen Netzwerkkonzerns Cisco aus dem Silicon Valley. 80 Prozent des Internetverkehrs in Deutschland kommt nach Cisco-Angaben mit den Geräten oder Anwendungen des Konzerns in Berührung, Tausende große und viele kleine Unternehmen und auch Behörden, Regierungen, Krankenhäuser sowie Universitäten sind Kunden. Also zu einem guten Teil Institutionen, die man gemeinhin für besonders unflexibel hält.

"Keine Spur", widerspricht der Deutsche in amerikanischen Diensten und gerät angesichts der Bürokratie beinahe ins Schwärmen. Keiner seiner Kunden, und auch nicht die öffentlichen, habe sich in den vergangenen vier Wochen nicht bewegt, habe sich nicht mit voller Kraft der neuen Situation angepasst, sagt Peter: "Da kann man nicht stolz genug drauf sein, was hierzulande alles geht."

Peter sagt das, als er eigentlich schlechte Nachrichten zu verkünden hat, nämlich die Ergebnisse des neuen Cisco Digital Readiness Report 2019, der auf den ersten Blick wenig schmeichelhaft für Deutschland ist. Der Index wurde 2018 in Zusammenarbeit von Cisco und dem Marktforschungsinstitut Gartner entwickelt. Er will den digitalen Reifegrad eines Landes ganzheitlich und international vergleichbar messen. Um es kurz zu machen: Deutschland ist zwar etwas besser geworden im Vergleich zum Vorjahr, aber andere auch, und die waren einfach schneller. Oder sind sogar mit Macht nach oben geschossen; so konnten sich beispielsweise Luxemburg oder Island erstmals platzieren und zwar direkt in den Top Ten. Immerhin liegt Deutschland nach der Systematik des Index auf der höchsten Stufe des digitalen Reifegrades, aber es reicht unter 141 Ländern trotzdem nur für Platz 14 - im vergangenen Jahr war es noch Platz 6.

Den größten Fortschritt machte die Bundesrepublik bei den Investitionen, da stieg sie von Platz 30 auf Rang 11. Besonders gut schneidet Deutschland auch beim Lebensstandard und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Nur Mittelfeld ist die technologische Infrastruktur, eher schwach die Bedingungen für Start-ups.

Das macht aber nichts, sagt Peter: "Wenn es drauf ankommt, kann Deutschland Digitalisierung auch in Lichtgeschwindigkeit." So habe er mit seinem Krisenstab, der jeden Morgen für eineinhalb Stunden die Lage bei den deutschen Kunden scannt, "in den vergangenen Wochen gesehen, wie ein digitales Deutschland aussehen kann. Wir haben Technologien dazu genutzt, unser Zusammenleben, unsere Wirtschaft sowie unsere Verwaltungs-, Regierungs-, Bildungs- und Gesundheitssysteme aufrechtzuerhalten. Und wir haben gemerkt: Es funktioniert. Das sollte uns Mut machen, den Weg der Digitalisierung noch entschlossener weiter zu gehen."

Ob bei Home-Office oder im Gesundheitswesen: Plötzlich ging, was vorher undenkbar erschien

Er habe in Corona-Zeiten sehr viele Menschen konkret erlebt, die sich die Digitalisierung mehr zu eigen gemacht hätten, als sie das vermutlich vorher selbst für möglich gehalten hätten. Sie konnten im Home-Office arbeiten und mit ihren Familien sicher in Verbindung bleiben. Plötzlich ging, was vorher undenkbar erschien. "Auch in Verwaltungen, dem Gesundheitssektor und im Bildungsbereich wurden schnell digitale Lösungen gefunden und umgesetzt", berichtet Peter. Das habe Dutzende Kliniken betroffen, große Universitäten, aber auch Kommunen wie die Stadt München, die in Windeseile 40 000 Heimarbeitsplätze habe digital vernetzen lassen.

Durch diese positiven Erfahrungen werde Deutschland, ist der Cisco-Mann sicher, in der Kategorie Technologieakzeptanz und Nachfrage nach digitalen Produkten und Services zulegen. Gleichzeitig hätten Bürger und Unternehmen gelernt, wie wichtig es sei, sich auf eine zuverlässig funktionierende digitale Infrastruktur verlassen zu können, sie wüssten nun, was ihnen in Zukunft wichtig sei.

Um die Entwicklung zu beschleunigen, müsse die Bundesrepublik nun aber beim Zugang zu Daten, den Rahmenbedingungen für Start-ups und dem Ausbau von modernen Netzwerken auf der Basis von Wi-Fi 6 und 5 G noch Boden gut machen. Und sich um den Firmennachwuchs kümmern. Die Corona-Krise werde die Start-up-Welt massiv durchschütteln, viele Kleine müssten ums Überleben kämpfen. Frankreich presche hier mit einem Förderprogramm vor, Deutschland müsse folgen.

So wird womöglich ausgerechnet diese fiese Krise der große Digitalbeschleuniger. Muss nicht, kann aber sein.

© SZ vom 29.04.2020 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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