Kolumne "Das deutsche Valley" Digital ist dezentral

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Früher war es üblich, dass Unternehmenvon ihr Geschäft generalstabsmäßig organisieren. Doch das funktioniert vielfach nicht mehr, weil sich die Märkte verändern.

Von Ulrich Schäfer

Noch vor zwei Jahren konnte man mit den meisten deutschen Energiemanagern über alles reden - nur nicht über Digitalisierung. Sie konnten einem erklären, warum es unbedingt mehr Gaskraftwerke brauche (wegen der Energiewende) und man im Winter zudem mehr Kohlekraftwerke vorhalten müsse (auch wegen der Energiewende). Sie konnten einem genauso wortreich erklären, warum es riesiger Stromtrassen vom Norden der Republik in den Süden bedürfe, weil die meisten Windräder an der Küste entstanden sind und nicht vor den Alpen.

Aber Digitalisierung? Ach nöö, doch nicht bei uns. Gibt ja genug andere Probleme. So war die Haltung. Selbst für die Smart Meter, die neuen digitalen Stromzähler, konnten sich die Versorger nicht recht erwärmen, während Elon Musk im Silicon Valley nicht bloß Tesla-E-Autos baut, sondern auch große Batteriespeicher für den privaten Keller entwickelt und allerlei andere schlaue Lösungen für eine datenbasierte Stromversorgung.

Vorige Woche gab es allerdings zwei interessante Nachrichten, die zeigen: Auch die deutsche Energiebranche wird, als einer der letzten Wirtschaftszweige, allmählich digitaler. Und digitaler heißt auch in ihrem Fall: Sie wird dezentraler.

Die erste Nachricht: Der Stromnetzbetreiber Tennet und das Allgäuer Solarunternehmen Sonnen wollen ein dezentrales Netz aus 6000 privaten Batteriespeichern schaffen; die Besitzer der Speicher sollen sich gegenseitig Strom verkaufen können, und zwar mittels der Digitalwährung Blockchain, und durch das wechselseitige Auf- und Entladen die Schwankungen auffangen können, die Wind- und Sonnenstrom ansonsten je nach Wetter verursachen würden. "Das ist die ideale Brücke, um eine kleinteilige Hardware-Welt mit einem Netz zu verknüpfen", sagt Tennet-Chef Urban Keussen. Und vor allem: Solch ein dezentral organisiertes Speichernetz könnte schneller entstehen als eine große, zentral geplante Stromtrasse quer durch die Republik, die am Ende einen sehr ähnlichen Zweck erfüllen würde.

Die zweite Nachricht: Der Energieversorger Eon hat sich mit Google verbündet und ein Produkt geschaffen, mit dem Hausbesitzer blitzschnell errechnen können, ob sich eine Solaranlage auf ihrem Dach lohnt. Möglich machen es Satellitendaten der digitalen Kartendienste Google Maps und Google Earth, die verraten: Scheint genug Sonne auf das Dach? Ist der Schatten durch Bäume oder Nachbarhäuser zu stark? Und eignet sich die Dachneigung überhaupt? Insgesamt könnten bundesweit 1000 Quadratkilometer mit Sonnenzellen entstehen, das entspricht der Leistung von 30 großen Kraftwerken. "Hier wird das Potenzial deutlich, das die Digitalisierung für den weiteren Erfolg der Energiewende entfalten kann", sagt Eon-Vorstand Karsten Wildberger.

Hier wird aber noch etwas deutlich: wie sehr die Digitalisierung die Funktionsweise der Wirtschaft verändert - und zwar nicht nur in der lange monopolistisch organisierten Energiebranche, in der es bislang üblich war, in ganz, ganz großen Dimensionen zu denken und alles zentral zu planen. Die Digitalisierung zwingt nun alle Branchen dazu, dezentraler zu werden. Und zwar in dreierlei Hinsicht.

Erstens: Die Geschäfte werden dezentraler. Wer die Chancen der Digitalisierung nutzen will, muss die Prinzipien der Share Economy verinnerlichen, der Teilhabe. Man darf also sein Produkt nicht mehr zentral am Reißbrett planen und in den Markt drücken, sondern muss die Kunden mit einbinden, deren Angebote bündeln, deren Daten verknüpfen - und diese für andere Kunden nutzbar machen. So macht es Elon Musk mit seinen diversen Stromprodukten im amerikanischen Westen, so machen es Uber, Facebook oder Booking.com mit ihren Plattformen, und so wollen es Tennet und Sonnen auch mit ihren Batteriespeichern in Deutschland machen.

Zweitens: Auch die Innovationsprozesse werden dezentraler. Früher haben Ingenieure, zumal deutsche, ein Produkt bis zur Perfektion getestet und entwickelt, ehe es nach vielen Jahren in den Markt eingeführt wurde. Heute geht es darum, datenbasierte Produkte gemeinsam mit dem Kunden zu entwickeln, sie also schon im halb reifen Zustand anzubieten, um möglichst schnell viele Erfahrungen und Daten zu sammeln, mit Hilfe derer sich das Produkt anschließend verbessern lässt.

Drittens: Unternehmen müssen im digitalen Zeitalter dezentraler geführt werden. Weil die Veränderungen durch Robotik, Sensorik und künstliche Intelligenz so rasant daherkommen und Märkte sich schnell ändern, müssen Firmen flexibel darauf reagieren können. Das aber geht nicht, wenn man ein Unternehmen generalstabsmäßig führt - und mit diesem hierarchischen Ansatz die Kreativität der Mitarbeiter erstickt.

Die Energiebranche stand lange für solch ein zentralistisches, generalstabsmäßiges Denken, für eine Führung von oben herab. Doch die Dinge brechen auf. Man lässt sich immer häufiger von agilen Coaches beraten, man beginnt damit, die Unternehmen neu zu organisieren, man sucht die Nähe von Start-ups, holt sie in das Unternehmen.

Die Branche werde sich gewaltig verändern, sagt Uli Huener, der Leiter des Innovationsmanagements beim baden-württembergischen Energiekonzern EnBW. Er ist in der Funktion auch verantwortlich für die Zusammenarbeit mit jungen Energie-Start-ups. Huener glaubt, dass die Zeit der klassischen Versorger irgendwann vorbei sein wird. Ziel müsse es sein, zum "Airbnb der Energiewirtschaft" zu werden, also in erster Linie Strom, der dezentral produziert wird, zu verteilen - und nicht Strom in großen Kraftwerken selber zu produzieren. Kein schlechter Ansatz. Aber der Weg dahin ist noch lang.