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Kolumne: China Valley:Wettstreit der IT-Systeme

Christoph Giesen

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Christoph Giesen (Peking), Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Der Handelskonflikt wird für viele chinesische Start-ups zu einer ernsthaften Gefahr.

Es sind nur noch ein paar Tage, und mit jedem weiteren, an dem nichts geschieht, steigt die Aufregung bei vielen chinesischen Start-up-Unternehmen. Gebannt schauen sie auf den Twitter-Feed des US-Präsidenten. Wann kommt sie, die ersehnte Kurznachricht von Donald Trump, dass er alles verschiebt? Oder wird der Handelskrieg zwischen China und den Vereinigten Staaten weiter eskalieren und werden die amerikanisch-chinesischen Beziehungen noch frostiger? Der Stichtag für neue Zölle ist der 15. Dezember. Steht dann kein Deal, werden Güter mit weiteren Milliarden an Strafabgaben belegt werden - für viele Firmen, die in China herstellen, ein Drama.

Zum Beispiel für den Elektroscooterbauer Lime. In Berlin, Frankfurt oder München sieht man die grünen Roller inzwischen an vielen Straßenecken stehen. Fast 800 Millionen Dollar hat das Start-up in den vergangenen Monaten eingesammelt, die Investoren bewerteten das Unternehmen bei der jüngsten Finanzierungsrunde im Februar mit 2,4 Milliarden Dollar.

2017 im Silicon Valley gegründet, produziert das Unternehmen vor allem in China. Rund 90 Prozent der 750 Mitarbeiter sind in der Volksrepublik angestellt. Lime hat wie viele Unternehmen eine Ausnahmegenehmigung bei den US-Behörden eingereicht, insgesamt sind gut 44 000 Zollbefreiungsanträge gestellt worden, nur etwa 5000 wurden genehmigt. Limes Eingabe wurde abgelehnt. Treten am kommenden Sonntag die neuen Zölle in Kraft, wäre das ein schwerer Schlag für die Elektrorollerbranche. Scooter-Importe aus China in die USA beliefen sich der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge in diesem Jahr auf fast 300 Millionen Dollar. Die Strafabgaben könnten dann etwa 74 Millionen Dollar betragen. Das wäre das finanzielle Aus für den einen oder anderen Anbieter in den USA.

Doch nicht nur die Zölle machen Start-ups zu schaffen. Auch die neue Rivalität zwischen Washington und Peking bekommen sie zu spüren. Das bekannteste Unternehmen, das in den vergangenen Monaten ins Räderwerk der großen Politik geraten ist, ist der Netzwerkausrüster Huawei. Im Mai setzte die US-Regierung den Konzern auf eine schwarze Liste, amerikanische Unternehmen dürfen nicht mehr an Huawei liefern. Noch gilt eine Übergangsfrist. Huawei versucht sich nun unabhängig zu machen. Ein eigenes Betriebssystem wird seitdem fast fieberhaft programmiert, damit man nicht mehr auf Software von Google angewiesen ist.

Auch etliche andere Firmen werkeln an Alternativen, sie forschen zu Halbleitern und lassen ihre Programmierer Überstunden leisten. Sensetime etwa, einer der Marktführer für Künstliche Intelligenz, hat sich dazu entschieden, eigene Chips für Gesundheitsanwendungen und das autonome Fahren zu entwickeln, um für den Fall der Fälle unabhängig von amerikanischen Zulieferern zu sein. Denn: In den USA steht Sensetime in der Kritik, weil die Gesichtserkennungssoftware des Unternehmens von den chinesischen Sicherheitsbehörden verwendet wird, um die eigene Bevölkerung zu auszuspionieren.

Besonders hart könnte sich der Konflikt zwischen Peking und Washington auf den Drohnenhersteller DJI auswirken. Mit gut 75 Prozent Marktanteil war er die absolute Nummer eins weltweit im vergangenen Jahr. In den USA sollen es sogar bis zu 80 Prozent sein.

Begonnen hatte alles 2005, damals baute der Master-Student Wang Tao ein Flugsteuerungssystem für Hubschrauber, es war seine Abschlussarbeit an der Universität in Hongkong - so richtig funktionierte es noch nicht. Wang ließ sich dennoch nicht entmutigen. Noch im Studentenwohnheim gründete er sein Unternehmen, ein Jahr später zog er mit zwei Klassenkameraden nach Shenzhen, die chinesische Grenzstadt von Hongkong. Inzwischen hat DJI gut 15 000 Mitarbeitern und knapp 20 Niederlassungen.

Auch chinesische Drohnen könnten bald in den USA eingeschränkt werden

Wang ist notorisch öffentlichkeitsscheu und gibt ganz wenige Interviews. "Als Kind hatte ich großes Glück, einen Comic mit Hubschraubern zu lesen", seitdem sei er besessen, erzählte er 2015 bei einem seiner in seltenen Auftritte an der Universität in Shenzhen. "Meine Eltern gaben mir einen ferngesteuerten Hubschrauber als Belohnung für gute Noten bei einer Abiturprüfung, aber ich war sehr enttäuscht, als er aufgrund der eingeschränkten Stabilität während des Fluges abstürzte", sagte er. "Später bekam ich nach und nach eine bessere Vorstellung davon, was ein perfektes Flugzeug ist, und traf die Entscheidung, eines zu bauen."

Und nun? Droht Ungemach aus den USA. In den vergangenen Monaten wurden einige Gesetze verabschiedet, die darauf abzielen, amerikanische Konkurrenten aufzubauen. Zum Beispiel der National Defense Authorization Act, der die Rüstungsausgaben des Militärs regelt und festlegt, wofür das stattliche Budget in Höhe von 780 Milliarden Dollar jährlich ausgeben werden darf. Sowohl das Repräsentantenhaus als auch der Senat haben bereits zugestimmt, voraussichtlich in den kommenden Wochen wird das Gesetz in Kraft treten. Laut Entwurf würde den Streitkräften dann der Kauf von in China hergestellten Drohnen verboten werden.

Nun ist DJI bislang vor allem im kommerziellen Bereich mit seinen Drohnen aktiv, doch auch da könnte es eng werden. Diskutiert wird nämlich über den American Security Drone Act, noch nicht verabschiedet, aber drauf und dran Gesetz zu werden. Amerikanische Behörden dürften dann keine Drohnen aus chinesischer Fertigung mehr kaufen. Bereits erworbene Fluggeräte müssten innerhalb einer Frist eingemottet werden.

Es sind harte Zeiten, die da auf viele Firmen zukommen.