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Kolumne: China Valley:Trübes Wasser

Christoph Giesen

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Christoph Giesen (Peking), Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Die chinesische Kaffeekette Luckin Coffee zählte zu den sensationellsten Start-ups, auch wegen allerlei Gutscheinen. Jetzt ermitteln die Behörden - und die Aktie stürzt auf Ramschniveau.

Es bilden sich wieder Schlangen dieser Tage in Peking, in Shanghai, in Shenzhen, ja fast überall im Land, als habe es dieses Coronavirus gar nicht gegeben. Vor Filialen der Kaffeehauskette Luckin Coffee stehen die Leute an - allerdings nur bei Luckin Coffee. Denn: Niemand weiß, wie lange der Laden noch existiert, schnell einen letzten Frei-Cappuccino trinken, bevor es vorbei ist, eines der größten Start-up-Märchen der chinesischen Gegenwart, der wohl aberwitzige Versuch, Starbucks im wichtigsten Wachstumsmarkt der Welt zu verdrängen.

Mehr als 4400 Geschäfte hat Luckin Coffee in den vergangenen Jahren in China eröffnet. Die Rechnung war simpel: Während in Europa und den USA im Schnitt 500 Tassen Kaffee pro Jahr getrunken werden, sind es in China nicht einmal zehn. Natürlich brühen sich die meisten Europäer oder Amerikaner ihren Kaffee zu Hause oder im Büro. In China hat jedoch kaum jemand eine eigene Kaffeemaschine. Genau da wollte Luckin Coffee ansetzen, den Kaffee nach Hause oder an den Arbeitsplatz bringen.

2017 ging es los: Hunderte Millionen Euro investierte die Firma in Werbung. In vielen großen Städten lächelten auf einmal Schauspieler von Plakaten, in der Hand einen blau-weißen Luckin-Becher. Auch im Netz konnte man der Reklame kaum entgehen. Und Filiale um Filiale eröffnete.

Wer einen Luckin-Coffee-Laden betritt, wird aufgefordert, sich die Luckin-App herunterzuladen, um Kaffee zu bestellen, bezahlen kann man nur digital. Und auch die Heim-Lieferung des Heißgetränks ist möglich. Keine 20 Minuten dauert es im Schnitt bei Luckin Coffee, bis ein Fahrer mit dem Kaffee an der Tür klingelt.

Der Grund für die beachtliche Liefergeschwindigkeit: Luckin Coffee betreibt drei verschiedene Arten von Filialen. Erstens die Cafés, in Einkaufszentren und Fußgängerzonen, dort kann man sitzen und Kaffee trinken. Zweitens die sogenannten Pick-up-Stores, ebenfalls in guter Lage, aber ohne Sofas und Sessel, hier kann man vorbestellten Kaffee abholen. Und schließlich spezielle Läden, in denen nur der Lieferkaffee gebrüht wird. Sie sind meistens in Industriegebieten und Hinterhöfen zu finden, wo genau, das wissen bloß die Kuriere auf ihren Elektrorädern.

Luckin Coffee setzte zudem von Anfang an eigene Fahrer ein, die ausschließlich Kaffee ausfuhren. Wer beim Rivalen Starbucks bestellte, musste die gängigen Essenslieferdienste nehmen. Während der Mittagsstunden oder am frühen Abend, wenn das ganze Land isst, konnte es dann schon mal ein Weilchen dauern, bis der Fahrer mit dem inzwischen kalten Kaffee eintraf. Erst 2019 zog Starbucks nach.

In jenem Jahr ging Luckin Coffee unter dem Kürzel "LK" in New York an die Börse, seitdem steht das Unternehmen unter verschärfter Beobachtung. War das Wachstum nicht vielleicht doch zu schnell? Stimmen die Zahlen wirklich? Vor allem: Sind die Einnahmen korrekt verbucht? Um sich im Wettbewerb zu behaupten, hatte Luckin Coffee eine Rabattschlacht losgetreten. Wer die App herunterlädt, bekommt einen kostenlosen Kaffee - und noch einen, wer die App weiterempfiehlt. Wer mindestens zwei Tassen bestellt, erhält einen dritten umsonst. Wer fünf Kaffee auf einmal kauft, bekommt fünf weitere dazu. Für jede Bestellung, die nicht innerhalb einer halben Stunde eintrifft oder verschüttet wird, gibt es zudem ein Freigetränk in Form eines digitalen Gutscheins. Und genau diese wollen die Kunden nun in China einlösen, bevor es womöglich zu spät ist.

Einer hat bei dem Drama schon kräftig abgesahnt: der Spekulant Carson Block

Denn: Vergangene Woche räumte Luckin Coffee finanzielle Unregelmäßigkeiten ein, die Behörden ermitteln nun. Der Kurs an der Börse brach um 82 Prozent ein. Die Gründer sind ihre Anteile vorübergehend los, Investmentbanken hatten sie zur Absicherung von Krediten akzeptiert und behalten diese nun ein.

Die ersten Zweifel am Zahlenwerk kamen am 31. Januar auf. "Wir haben einen nicht zuzuordnenden 89-seitigen Bericht erhalten, in dem behauptet wird, LK sei ein Betrug", schrieb der Leerverkäufer Carson Block. Dem Bericht zufolge sei die Anzahl der verkauften Getränke pro Geschäft und Tag im dritten Quartal 2019 um mindestens 69 Prozent und im vierten Quartal 2019 um 88 Prozent geschönt gewesen. Der Beleg: 11 260 Stunden Videomaterial aufgezeichnet von 92 Vollzeit- und 1418 Teilzeitkräften, die über Wochen Hunderte Filialen überwacht hatten. Sie zählten Kunden und fotografieren mehr als 25 000 digitale Kassenbons. "Wir schätzen die Arbeit als glaubwürdig ein", schrieb Block.

Seit zehn Jahren untersucht er Firmen - vornehmlich aus China - auf Schwachstellen und verkauft schließlich Aktien, die ihm nicht gehören. Er borgt sich dazu Anteilsscheine und vereinbart, diese zu einem festgelegten Stichtag nebst Leihgebühr wieder zurückzugeben. Bevor ein kritisches Dossier veröffentlicht wird, stößt Block die geborgten Papiere ab. Sind die Vorwürfe auf dem Markt und der Kurs mächtig unter Druck, deckt er sich preiswert ein. Die Aktien gibt er dann zurück und streicht die Differenz ein. Das ist legal.

Zum Leerkäufer wurde Block, nachdem ihn sein Vater 2010 gebeten hatte, sich einen chinesischen Papierhersteller anzusehen, den er mit seiner Investmentfirma empfehlen wollte. Was der Sohn jedoch vorfand, hatte mit den Börsenprospekten wenig zu tun. In der Einöde stand nicht eines der größten Papierwerke der Welt, sondern eine Bruchbude. Block gründete sein eigenes Unternehmen und nannte es Muddy Waters - trübes Wasser. Dann verschickte er seinen Bericht an 75 Investoren und warnte vor der chinesischen Papierfabrik. Zuvor hatte er sich mit geliehenen Aktien eingedeckt. Bei Luckin Coffee machte er es ebenso.

© SZ vom 08.04.2020
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