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Kolumne: China Valley:Perfekte Propaganda

Christoph Giesen

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Christoph Giesen (Peking), Marc Beise (München), Karoline Meta Beisel (Brüssel), Helmut Martin-Jung (München) und Jürgen Schmieder (Los Angeles) im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

"Studiere, um China stärker zu machen", heißt die App der Kommunistischen Partei. Millionen junger Menschen haben sie heruntergeladen. Für die Marke und die Karriere ist eine Mitgliedschaft in der Partei gut. Sie ist einfach überall.

Von Christoph Giesen

Jetzt ist sie auch auf den Smartphones der Chinesen angekommen: die Kommunistische Partei. "Studiere, um China stärker zu machen", heißt die Propaganda-App, die in den vergangenen Wochen Millionen Chinesen heruntergeladen haben. Im App-Store war das Programm zeitweilig sogar die populärste App. Im Bus, in der U-Bahn, in der Kantine während der Mittagspause, überall im Land sieht man dieser Tage Leute auf ihr Handy starren. Über die App schauen sich Videos an, lesen die Parteiblätter, studieren Essays, rufen Filmklassiker wie den "Langen Marsch" oder die "Gründungszeremonie der Nation" auf und blättern digital in den neusten Werke von Staats- und Parteichef Xi Jinpings.

Warum? Weil es ein Spiel ist. Aus dröger Propaganda wird ein Wettstreit, der ganz China erfasst zu haben scheint: Wer ist der bessere Kommunist, wer weiß mehr über die Partei und Xi Jinping?

Der Mechanismus ist erschreckend simpel: Man sammelt Punkte und vergleicht sich online. Gamification, nennt man das. Wer einen Text mindestens vier Minuten liest, bekommt einen Punkt gutgeschrieben. Fünf Minuten Video schauen - ein Punkt. Wer ein Staatsmedium über die App abonniert - noch ein Punkt. Zwei Artikel mit seinen Freunden geteilt - ein weiterer Punkt. Wer schließlich ein Quiz richtig beantwortet, erhält satte zehn Punkte.

Die doppelte Punktzahl bekommt man, wenn man die App zwischen sechs und 8.30 Uhr, in der Mittagspause oder von 20.00 bis 22.30 Uhr aufruft. Niemand soll schließlich von der Arbeit abgehalten werden.

Offiziell ist die Kommunistische Partei der Entwickler der App. Programmiert worden ist sie mit Software von Alibaba, Chinas großer Onlinehändler. Zehntausende Unternehmen würden das ebenfalls tun, teilt der Konzern mit. Doch ist das alles? Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass ein Alibaba-Team mit dem Namen "Y Projects Business Unit", die App vollständig programmiert habe und sich darum kümmere, Nachrichten und Videos einzustellen - im Auftrag der Partei. Die Politik und die digitale Wirtschaft sind in China eben eng verflochten. Der Netzwerkausrüster Huawei mag im Wettstreit um 5G-Lizenzen immer wieder beteuern, rein gar nichts mit der Führung in Peking zu tun zu haben, in China selbst überbieten sich viele Start-ups aber in ihrer Ehrerbietung.

"Die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei ist auch für unsere Marke gut, weil die Menschen zuversichtlicher sind, dass wir ein Unternehmen sind, das gut abschneidet", sagt etwa der Gründer der Fintech-Plattform 91 Finance "Bei der Rekrutierung suchen wir gezielt nach Parteimitgliedern, weil wir wissen, dass sie am vielversprechendsten sind."

Wo man auch hinschaut, überall Parteizellen. Beispiel Baidu, Chinas Suchmaschinenkonzern. Mit der Unterstützung von Gründer Robin Li wurde 2011 am Vorabend des 90. Jahrestages der Parteigründung ein Komitee eingerichtet. Derzeit dürften für Baidu etwa 2500 Parteimitglieder arbeiten, die genaue Zahl will die Pressestelle auf Anfrage nicht mitteilen. Dabei ist ausgerechnet der Kommunikationschef des Unternehmens gleichzeitig auch der erste Parteisekretär. Wie bei vielen anderen Konzernen auch.

Bei Weibo etwa, dem populären Kurznachrichtendienst, ist der oberste PR-Manager auch der Partei-Obmann. Oder bei Sohu, einem Internetportal, das Werbung macht und Onlinespiele entwickelt, ist der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in Personalunion der ranghöchste Vertreter der Kommunistischen Partei.

Tief durchdrungen ist auch das Management von Chinas größtem Essenslieferdienst Meituan. Mehr als 55 Prozent des Marktes kontrolliert die Firma und nicht nur das: Per App kann man sich auch einen Masseur nach Hause ordern, ein Termin beim Friseur buchen oder Kinokarten besorgen lassen. Ja selbst das Auto kann man via Meituan waschen lassen. Hat man diesen Service gebucht, kommt ein Putztrupp in die Tiefgarage oder wäscht den Wagen gleich in der Parkbucht. Als Beleg bekommt man Fotos aufs Smartphone geschickt.

Gut 300 Millionen Chinesen nutzen den Dienst, im vergangenen September ging das Unternehmen in Hongkong an die Börse, der Wert der Aktien beim Debüt: 50 Milliarden Dollar. Und auch hier eine Parteigruppe. Bei der Gründung 2017 war jeder zehnte Meituan-Mitarbeiter in der Unternehmenszentrale ein Genosse. Wie viele Parteimitglieder derzeit für Tencent, den Betreiber von Wechat, Chinas wichtigster Social-Media-App, arbeiten, dazu hüllt sich der Konzern in Schweigen. Eine eigene Parteiorganisation gibt es seit 2011. Pünktlich zum Parteitag im Herbst 2017 verbreitete Tencent ein Handyspiel in China. Man bekam eine Sequenz aus Xis Eröffnungsrede gezeigt, dann konnte man dem Parteichef für knapp 20 Sekunden Applaus spenden. Dazu musste man möglichst oft auf das Display drücken. Millionen Chinesen probierten die Huldigungssoftware damals aus. Ranglisten wurden geführt. Nun also war offenbar Alibaba dran, der Partei zu helfen. Ob es Geld für das Programmieren der Studien-App gab, ob das Projekt gar profitabel war - das ist völlig unklar. Das Unternehmen äußert sich dazu nicht. Unstrittig ist nur, dass schon 2008 bei Alibaba ein Parteikomitee gegründet wurde. Ende vergangenen Jahres lüftete die Volkszeitung, das Sprachrohr der Partei ein lange gehegtes Geheimnis: Alibaba-Gründer Jack Ma, der reichste Mann Chinas, sei Mitglied der Kommunistischen Partei, schrieb das Blatt. Widersprochen hat er dem nicht.

© SZ vom 20.02.2019
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