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Kolumne: China-Valley:Aktienfieber

Christoph Giesen

Christoph Giesen. Illustration: Bernd Schifferdecker

Seit Kurzem hat China eine eigene Technologiebörse, den Star Market in Shanghai. Der Start war spektakulär - doch was passiert hinter den Kulissen?

Bis vor Kurzem noch war das Fernziel vieler Start-up-Unternehmer in China klar: Irgendwann in Hongkong oder New York an die Börse gehen, frisches Kapital einsammeln, Geld verdienen und an diesem großen Tag einen kantonesischen Bronzegong schlagen oder die Glocke der NYSE scheppern lassen. So wie der Onlinehändler Alibaba an der Wall Street oder der Internetkonzern Tencent in der ehemaligen britischen Kronkolonie.

Die chinesischen Börsen in Shanghai oder Shenzhen sind keine Option. Volatil und schwerfällig, staatlich regulierte Zockerbuden, dazu kaum professionelle Investoren. Nur wer drei Jahre hintereinander profitabel ist, wird von der chinesischen Börsenaufsicht überhaupt in Erwägung gezogen, Aktien in der Volksrepublik auszugeben. Drei Jahre Gewinn? Welches Start-up, das wachsen möchte, kann das schon vorweisen?

Nun gibt es eine Alternative, den Star Market in Shanghai - in China vollmundig als Äquivalent zur amerikanischen Technologiebörse Nasdaq gepriesen. Statt in die Vereinigten Staaten oder nach Hongkong zu gehen, sollen aussichtsreiche chinesische Unternehmen in der Heimat gelistet bleiben. Ende 2018 stellte Staats- und Parteichef Xi Jinping diesen Plan vor. In Rekordzeit wurde er umgesetzt.

Für Hochtechnologieunternehmen machen die chinesischen Behörden großzügige Ausnahmen. Die Gewinnregel ist zum Beispiel gefallen. Leerverkäufe sind erstmals möglich und auch Stimmrechtsaktien dürfen am Star Market ausgeben werden. Ein Instrument, das selbst Hongkong lange Zeit nicht hatte und deshalb den größten Börsengang der Welt verpasste: jenen von Alibaba.

Ursprünglich wollte der Onlinehändler nämlich seine Erstnotierung 2014 in Hongkong beantragen, entschied sich dann aber für die Wall Street. 25 Milliarden Dollar wurden damals eingespielt. Dass Alibaba ausgewichen ist, lag vor allem daran, dass Konzerngründer Jack Ma in Hongkong nicht als Vorsitzender des Aufsichtsrats hätte amtieren können - zu wenig Anteile. Erst 2018 änderte die Börsenaufsicht in Hongkong ihre Statuten. Inzwischen ist es auch in der Finanzmetropole möglich, Stimmrechtsaktien auszugeben. Unternehmensgründer wie Jack Ma können so weiterhin größeren Einfluss ausüben.

Vorgaben macht der chinesische Staat auch dazu, wer als Investor am Star Market infrage kommt, Kleinanleger sind außen vor. Man muss mindestens 500 000 Yuan (etwa 62 000 Euro) an Guthaben vorweisen, vor allem aber Handelserfahrung nachweisen.

Los ging es am 22. Juli, auch einen Gong ließen sie in den Handelssaal bringen. 25 vorab ausgewählte Unternehmen wurden in den Index aufgenommen, 140 Firmen hatten sich beworben. Die meisten der nun gelisteten Unternehmen sind außerhalb Chinas völlig unbekannt. 24 der Unternehmen feierten ihr Börsendebüt. Gleich am ersten Handelstag legten die Aktien im Schnitt um 140 Prozent zu, Sprünge, die die Regulatoren an den anderen Börsen in Shenzhen oder Shanghai nicht zulassen. Pro Tag zehn Prozent nach oben und nach unten, mehr ist in China gewöhnlich nicht erlaubt, sonst wird die Aktie vom Handel ausgesetzt - außer am Start Market.

Es fällt auf, dass der chinesische Staat selbst kräftig Aktien kauft

Ob Chinas Nasdaq wirklich bestehen kann, das werden die kommenden Monate zeigen, viele Analysten haben jedoch ihre Zweifel. 140 Prozent Gewinn an nur einem Handelstag, das könnte auch gewaltig schiefgehen. Immerhin: In wenigen Stunden wurden so aus etlichen Gründern Dollar-Milliardäre. Das Vermögen von Chen Wenyuan zum Beispiel, Chef von Suzhou HYC Technology, einer Firma, die Displays für Smartphones fertigt, kletterte auf sagenhafte 2,4 Milliarden Dollar. Oder Cao Ji, der Boss von Zhejiang Hangke Technology: Sein 68-Prozent-Anteil hat inzwischen einen Marktwert von 2,2 Milliarden Dollar. Cao stellt mit seinem Unternehmen Equipment zum Testen von Batterien her. Ein gewaltiger Markt: Etwa zwei Drittel aller Lithium-Ionen-Akkus werden weltweit in der Volksrepublik produziert.

Ebenfalls Milliardär ist Deng Hui, den alle eigentlich nur Michael nennen. 1,3 Milliarden Dollar ist sein 34-Prozent-Anteil an Arcsoft wert. 1994 hatte er die Softwarefirma gegründet, dazu pumpte er Freunde und Familienmitglieder an. 2004, als die ersten Handys mit Kameras ausgestattet wurden, spezialisierte er sich auf das digitale Fotografieren. Mithilfe seiner Codes und Algorithmen stellen Smartphones automatisch den Hintergrund etwas unscharf, sobald die Kamera ein Gesicht ausgemacht hat. Porträtaufnahmen gelingen so deutlich besser, kein Einstellen von Brennweiten, völlig ohne Belichtungsmesser. Auch dass Bilder nachts nicht mehr so verwackelt sind oder 360-Grad-Strecken sich sehen lassen können, liegt vor allem an der Software, die im Hintergrund arbeitet. Inzwischen ist Dengs Team auf 500 Mitarbeiter gewachsen, die Firma hat Büros in Dublin, Tokio und in Kalifornien aufgemacht und beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz. 2017 kehrte Deng dazu nach einem mehrjährigen Aufenthalt aus den Vereinigten Staaten zurück in seine Heimat, nach China, wo das Geld lockt.

Und wer sind die neuen Anleger? Nach gut drei Wochen fällt auf, dass es vor allem der chinesische Staat ist, der kräftig investiert. Sogenannte Guidance Funds haben sich eingekauft. Bei 14 der 25 Unternehmen gehören sie jeweils zu drei wichtigsten Investoren. Viele dieser Vehikel wurden in den vergangenen Jahren eingerichtet, um "Made in China 2025", die große industriepolitische Agenda Pekings, zu finanzieren, die in Europa und den USA auf wenig Gegenliebe stößt. Damit ist nun auch die große Politik an der chinesischen Börse gelandet.