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Kolumne: Augsteins Welt:Marmelade eimerweise

Diese Kolumne schreiben Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Manche Ideen der Wissenschaft werden alsbald von Unternehmern oder Politikern umgesetzt. Manchmal geschieht das auch zu Lasten der Menschen.

Es gibt ein Lied, das früher auf Schulfahrten gern gesungen wurde. Die erste Strophe lautet so: "Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt, dass Marmelade Fett enthält, Fett enthält. Drum essen wir auf jeder Reise, jeder Reise, jeder Reise, Marmelade eimerweise, eimerweise." Die Melodie dazu lässt sich gut singen. Das Lied schildert recht genau, dass Menschen manche Regeln einfach nicht mitmachen wollen.

Weil die Wissenschaft heute das ist, was einst religiöse Doktrinen waren, wird mit Verweis auf die Wissenschaft gern gesagt: was die doch alles festgestellt habe. Es gibt freilich einige Theorien, die in vergangenen Jahrzehnten zu Prominenz kamen, obwohl sie bescheuert waren. Zur Einweihung des neuen Jahres sei an drei dieser ungaren oder halbgaren Theorien erinnert.

Da ist die Fraktaltheorie, auch als Chaostheorie bekannt: Anfang der 1990er-Jahre tauchte sie auf als geometrischer Stein der Weisen. Der Mathematiker Benoît Mandelbrot (1924 bis 2010) hat in seinem Buch von 1987 "Fraktale Geometrie der Natur" ältere mathematische Erkenntnisse auf die Umwelt angewandt. Als die Medien mitbekamen, wie diese Steilvorlage zu verwandeln war, ging es los.

Das Schlüsselwort ist "Selbstähnlichkeit", also: die Wiederholung derselben Form vom Großen hin ins Kleine. Man schaue einen Blumenkohl an: ein umfänglich-barockes Gewächs. Man schneide einen Zweig ab: ein knospenreiches Ästlein. Und von dem Zweig kann man einen Spross nehmen, und siehe: schon wieder Knospen. Mag die Menschheit seit biblischen Zeiten durch ein chaotisches Tal wandeln, könne sie doch - so schien es vielen damals - zumindest im Verständnis das Chaos zähmen. Es war toll, es war aufmunternd. Nicht Unsicherheit herrschte, sondern Selbstähnlichkeit, die in der Natur zu walten schien, wo man hinsah - vor allem, wenn man nicht so genau hinsah: Aus der Vogelperspektive wirbt jede Küstenlinie mit lauter Zacken für ihre Vielfalt. Dann verkleinere man die Optik und betrachte bloß einen Ausschnitt der Küstenlinie. In der Tat: Ecken und Zacken. Dass diese aber nicht im mindesten das große Bild im Kleinen widerspiegeln, kümmerte Anfang der Neunzigerjahre kaum jemanden.

Unternehmer schlossen: Der Weg von der Ordnung zur Kreativität in ihren Werkhallen und Büros müsse durchs Chaos führen. Selbstredend hielten diese Leute sich selbst nicht für einen Teil des Chaos und folgten der alten Devise: Am Ende entscheidet der Chef. Gleichwohl, die Chaostheorie beschäftigte Unternehmer, Unternehmensberater, Kulturwissenschaftler und andere einige Jahre lang, bis schlussendlich alle erkannt hatten: Sie war ein Humbug.

Angela Merkel sagte, die deutsche Demokratie müsse "marktkonform" sein

Auch Michel Foucault (1926 bis 1984) erdachte interessante Theorien. Seine Homosexualität hat er - selbst im tief dekolletierten Frankreich - jahrzehntelang nicht offen leben können. Das sublimierte der berühmte Soziologe, indem er die Herausbildung des "modernen" Staates zu seinem Thema machte; in seinen Augen mündete die Zivilisation in eine Repressions-Bürokratie. Dann entdeckte er den Wirtschaftsliberalismus. Der schien ihm nun erst recht finster. Foucault betrachtete ihn als die ins Haus stehende Form von Regierung. Die Gedanken von Ordoliberalen wie Walter Eucken und "Neoliberalen" wie Alexander Rüstow hielt Foucault für die theoretische Vollendung der Machtergreifung der Wirtschaft über die Staatsgewalt - womit die Annahme einhergeht, dass die Wohlfahrt der Bürger den Interessen der Wirtschaft untergeordnet werde.

Das Denken der Ordoliberalen hat Focault freilich nicht ganz richtig beschrieben. Eucken und Rüstow waren der Auffassung, dass freier Wettbewerb einen starken Staat benötige, und sei es bloß, damit dieser den Wettbewerb ermögliche. Und der Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Röpke schrieb dem Staat dezidiert sozialpolitische Aufgaben zu. Foucault hat also mächtig übertrieben. Allerdings: Es wäre ihm ein Fest gewesen, wenn er noch hätte erleben können, wie Angela Merkel sagte, die deutsche Demokratie müsse "marktkonform" sein. Die Kanzlerin hat sich angewöhnt, möglichst nichtssagend zu reden. Sie will nirgends anecken. Ihr Satz von der nötigen Marktkonformität der Demokratie ist eine ihrer wenigen Sentenzen, die bleiben werden - leider zu ihrem Schaden. (Man wüsste zu gern, ob das wirklich ihre eigene Idee war.)

Wirtschaftsliberalismus gilt als "Neoliberalismus", seitdem der US-Präsident Ronald Reagan auf die "Chicago Boys" reingefallen ist. Einige Wirtschaftswissenschaftler von der University of Chicago, angeführt von dem berühmten Milton Friedman, verbreiteten die These: Staatseingriffe seien für die Wirtschaft bloß hinderlich. Augusto Pinochet in Chile, Reagan in Amerika, Margaret Thatcher in Großbritannien fanden das großartig: Alles laufe wie von selbst, sofern die Steuern - vor allem die für die Reichen - auf ein Minimum reduziert würden. Das ist der dritte Irrtum.

Was Reagan, was Thatcher glaubten: Jeder und jede sei in der Lage, die eigene Situation genau zu übersehen und entsprechend klug zu investieren. Das war es, was die Chicago Boys lehrten; bei ihnen war der Mensch, entsprechend wirtschaftsmathematischen Modellen, der "Economic Man". Diese Modelle gelten nicht mehr. Aber sie wirken immer noch. In der Bundesrepublik zum Beispiel heißt es immerzu: Die Deutschen sollten mehr in Aktien investieren. Die US-Amerikaner machen das - zumindest aus Sicht der Experten - vorbildlich, das aber doch vor allem deshalb, weil sie kein gutes Rentensystem haben. Bitte: Wie soll jemand mit Ersparnissen von wenigen Tausend Euro wissen, welche Aktien oder Fonds mittelfristig lukrativ sein könnten? Die Ergebnisse der Wirtschaftsanalytiker sind mitunter wabbelig wie Marmelade.

© SZ vom 03.01.2020
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