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Kolumne: Augsteins Welt:Alles Streben: Illusion

Diese Kolumne schreiben Franziska Augstein und Nikolaus Piper im Wechsel. Illustration: Bernd Schifferdecker

Adam Smith gilt als Begründer der Wirtschaftswissenschaft. Er beschäftigte sich mit der Verhaltensökonomie. Auf ihn berufen sich Leute von heute, die komplett unterschiedliche Ansichten haben. Was ist die "unsichtbare Hand"?

Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Dieser Satz ist ungefähr zweitausend Jahre alt, stammt aus der Bibel und ist von beständiger, durchaus beruhigender Geltung. Im 18. Jahrhundert, zu den Zeiten von Adam Smith, der als Begründer der Wirtschaftswissenschaft geehrt wird, gab es zwei Ansichten: Manche meinten, der Staat solle mit seiner Politik inländische Unternehmen fördern: Zölle seien nötig, damit nicht fremde Waren zu günstigeren Preisen heimische Manufakturen in die Bredouille bringen. Andere meinten, auf den Export komme es an. Smith setzte auf internationale Handelsbeziehungen und hielt Zölle für ein Symptom nationaler Engstirnigkeit.

Rund zweihundertfünfzig Jahre später stehen wir an derselben Stelle. Deutschland ist, mit einem Körnchen Salz gesagt, ein Musterschüler der Lehren von Adam Smith. Deutsche Unternehmen setzen auf Exporte. Die Regierung wollte das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP unterschreiben. TTIP scheiterte. Das lag nicht daran, dass Hunderttausende in Deutschland sowie anderen Ländern - übrigens: mit guten Gründen - dagegen demonstrierten; es lag an Donald Trump, der alles schlecht findet, was nicht auf seinem eigenen Mist gewachsen ist. Was hätte Adam Smith dazu gesagt? Er hätte - möglicherweise - die Perücke vom Kopf gezogen, um sich in abgeklärter Enerviertheit die Haare zu raufen: Immer wieder dasselbe.

Smiths Œuvre ist ein Phänomen, fast so schillernd wie die Bibel. Jeder kann sich auf ihn berufen. Und seine Exegeten bemühen sich, je nach wirtschaftspolitischer Couleur, die eine oder andere seiner Bemerkungen zu unterstreichen. Die Neoliberalen der Chicagoer Schule sahen sich in der Nachfolge Smiths: Der habe auch schon gesagt, der Markt werde alles richten, politische Vorgaben seien meistens kontraproduktiv. Als Donald Trumps Vorgänger, Barack Obama, 2013 den staatlich oktroyierten Mindestlohn einführen wollte, erwähnte er als potenziellen Unterstützer wen? Adam Smith. Letztlich dreht sich die gesamte Debatte um die Idee von der "unsichtbaren Hand", Smiths nebenbei geäußerte Vermutung, dass alle Einzelnen, die bloß für sich selbst sorgen, am Ende ungewollt das Gemeinwesen stützten. Was ist die unsichtbare Hand? Der ökonomisch linksliberale Nobelpreisträger Paul Krugman meinte einmal: Sie sei eben deshalb unsichtbar, weil ihr Abdruck im Wirtschaftsleben nicht zu erblicken sei.

Das "Journal of Philosophical Economics" hat einen für deutsche Ohren ungewöhnlichen Namen: Philosophie der Wirtschaft. Darin haben Flavia Di Mario (Middlesex University in London) und Andrea Micocci (er lehrt in Rom an einer eher unbekannten Universität namens Link Campus) 2017 einen Aufsatz publiziert, der es in sich hat. Ein Irrtum sei die Annahme, beim Konzept der unsichtbaren Hand gehe es um unbeschränkten Wettbewerb. Ein weiterer Irrtum sei die Annahme, Smiths Satz beziehe sich auf "den Markt". So weit werden fast alle zustimmen: Smith war an Geschicken der Märkte weniger interessiert. Er war vielmehr der erste, der das heute in Mode gekommene Fach Verhaltensökonomik auslotete: Wie reagieren die Menschen auf die Umstände, in denen sie leben?

Was die Wohlhabenden angeht, sah Smith das so: "Die Fassungskraft seines Magens steht in keinem Vergleich zur Größe seiner Bedürfnisse, und er verträgt nicht mehr als der geringste seiner Bauern." Was der Reiche nicht selbst essen könne, müsse er nolens volens unter denen verteilen, die ihm das Essen auf den Tisch bringen: Die "Kaprizen" der Reichen würden den Armen Arbeit und Essen geben. Die Rede ist vor allem von Landbesitzern: Der Kontakt zu den Bauern ist direkt; eine unsichtbare Hand braucht es dabei nicht.

Smith schrieb, auf die Armen und die Aufstrebenden bezogen: "Sie werden von einer unsichtbaren Hand geführt, ungefähr so, dass alles Nötige für das Leben verteilt wird, als ob die Erde für alle in gleiche Teile aufgeteilt wäre, sodass, ohne es zu beabsichtigen, ohne es zu wissen, sie zum Gedeihen der Gesellschaft beitragen." Glück, schrieb Smith, sei meistens eine Illusion. Die Angehörigen der unteren Schichten würden auch gern so "glücklich" sein wie die der oberen: "Der Arme sucht nach Profit, in der Hoffnung, eine Rente", anders gesagt: regelmäßige Einkünfte, "zu erhalten, die ihm Sicherheit und das Nichtstun ermöglichen, wie die Großen es genießen, und dazu Respektabilität."

Di Mario und Micocci zufolge verstand Smith die unsichtbare Hand als das, was in einer Klassengesellschaft die Menschen dazu antreibt, ihren Status zu verbessern. Die Leute wollen etwas aus sich machen, sie wollen auch so gut leben wie die Angehörigen der Oberschicht. Ganz klar ist und war: Das wird den meisten nicht gelingen. Smith hat das natürlich gewusst. Er beschrieb lediglich, was die Wirtschaft am Laufen hält: Die Sehnsucht, sich zu verbessern. Das, so die Autoren, verberge sich hinter der Formulierung "unsichtbare Hand".

Adam Smith war allen mathematisch rechnenden Wirtschaftsexperten der Gegenwart weit voraus. Er schaute auf die Menschen. Seit der weltweiten Finanzkrise, die 2007 in den USA begann, haben die Ökonomen, die meinen, menschliches Verhalten mit mathematischen Formeln berechnen zu können, keinen guten Stand. Die meisten ihrer Berechnungen waren falsch. Ihnen wäre die Lektüre von zwei Büchern Adam Smiths zu empfehlen: "Theorie der ethischen Gefühle" (1759) und "Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reichtums der Völker" (1776).

Soweit bekannt, hatte Adam Smith keine große Liebschaft. Nicht allein das Lebensglück, auch erotische Freude hielt er für eine Illusion. Als kluger Mann, der er war, setzte er hinzu: "für die meisten".