Süddeutsche Zeitung

Kolumne: Allmendingers Welt:Knirschen im Gefüge

Wir allein sind unseres Glückes Schmied - das glauben die meisten Deutschen. Und irren damit.

Es gibt ein Wort, das es eigentlich nicht geben dürfte: Selbstvertrauen. Der Begriff gaukelt uns etwas vor, denn: Um Vertrauen in uns selbst zu haben, brauchen wir zwingend die anderen. Ohne unsere Mitmenschen können wir kein Selbstvertrauen entwickeln. Die Psychologie verwendet daher einen anderen Begriff. Das, was wir gemeinhin Selbstvertrauen nennen, wird hier als die Fähigkeit der Einzelnen bezeichnet, sich selbst als Kommandozentrale, als Locus of Control, zu sehen. Verorten die Menschen die Hoheit über ihre Handlungen bei sich selbst, spricht man von einer "internen Kontrollerwartung"; glauben sie an den Einfluss fremder Kräfte auf ihr Handeln, geht man von einer "externen Kontrollerwartung" aus.

Die Vermächtnisstudie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforchung und seiner Partner zeigt uns: In Deutschland haben die meisten Menschen - 70 Prozent - eine sehr deutlich ausgeprägte interne Kontrollerwartung. Als Spielball externer Mächte, großer Institutionen oder unglücklicher äußerer Umstände sehen sich die Menschen in Deutschland nicht. Und das gilt für alle gesellschaftlichen Gruppen, gleich welchen Alters oder Geschlechts, ob in West oder Ost, ob mit Migrationserfahrung oder ohne, ob gebildet oder nicht, ob reich oder arm, ob erwerbstätig oder nicht. Die Überzeugung "Wie mein Leben verläuft, hängt von mir selbst ab" erscheint wie eine starke Norm, die sich alle zu eigen gemacht haben. Wir allein sind unseres Glückes Schmied.

Es geht nicht nur ums Geld. Sondern auch um Anerkennung, Solidarität und Fairness

Das mag auch etwas damit zu tun haben, womit wir dieses Selbstvertrauen verbinden. So gut wie alle Menschen in Deutschland sehen sich klar als Mitglieder einer Erwerbsgesellschaft. In ihr zählen Anstrengung und Leistung. Entsprechend sollen jene, die mehr leisten, auch mehr verdienen. Über 80 Prozent der Menschen in Deutschland stimmen dem zu, Unterschiede zwischen sozialstrukturellen Gruppen finden sich auch bei dieser Sicht nicht.

Für die Menschen in Deutschland hängt ihr Leben vor allem von den eigenen Entscheidungen ab: Wenn ich etwas leiste, wird diese Leistung belohnt, auch bildungs- und einkommensarme Menschen glauben das. Sie pochen nicht auf die sozialen Gegebenheiten, auf Institutionen, die es ihnen schwer machen, etwas zu leisten. Das überrascht. Ist ihnen der beklemmend enge Zusammenhang zwischen Herkunft, Schule und Bildungserfolg in Deutschland nicht bekannt?

Die Sozialberichterstattung zeigt uns Jahr für Jahr: Es sind eben doch äußere Umstände und Institutionen, die die Lebenschancen vieler Menschen prägen. Daher erstaunen die Ergebnisse der Vermächtnisstudie: Die Befragten sehen ungleiche Lebensverläufe als völlig legitim und selbstverständlich an, ja führen sie vor allem darauf zurück, dass sich eben nicht alle gleichermaßen anstrengen oder ungleiche Fähigkeiten haben. Die strukturell begründeten ungleichen Lebenschancen werden so individualisiert, das Vertrauen in die Leistungsgesellschaft wird nicht entzogen.

Dennoch ist ein Knirschen in diesem Gefüge wahrzunehmen. Die der Leistungsgesellschaft zugrunde liegende Norm einer Reziprozität zwischen eigener Anstrengung auf Grundlage eigener Fähigkeiten und dem, was man dafür erhält, ist aus dem Lot geraten. Einige Menschen fühlen sich um den Lohn ihrer Anstrengungen gebracht. "Im Vergleich zu anderen habe ich nicht das erreicht, was ich verdient habe" sagen 13 Prozent der Menschen in Deutschland. Das sind wenige. Erschreckend ist aber die klare sozialstrukturelle Verankerung dieser Menschen.

Von allen sozialstrukturellen Einflüssen ist die Bildung am stärksten. Sie wiegt deutlich mehr als Alter, Geschlecht, Herkunft oder Wohnort. Bildung wiegt auch schwerer als Erwerbsarbeit, Einkommen und Arbeitslosigkeit. Es sind überwiegend Personen ohne mittleren Schulabschluss oder Ausbildung, bildungsarme Menschen, die ihre Erwartungen nicht erfüllt sehen. Nur zehn Prozent der bildungsreichen Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss zeigen sich getäuscht, bei den bildungsarmen sind es fast 25 Prozent.

Weitere Zahlen aus der Vermächtnisstudie bestätigen: Es geht den Menschen nicht nur ums Geld, wenn sie das Leistungsprinzip hochhalten, sondern auch um Anerkennung, Solidarität und Fairness. So wollen zwei Drittel der Befragten in einem Deutschland leben, in dem es eine staatliche Garantie für ein Auskommen in Würde gibt. Neben einer solchen Mindestsicherung fordert fast die Hälfte der Befragten aber auch eine Obergrenze für Einkommen. Das notwendige proportionale Mehr an Leistung und Verantwortung für die in manchen Branchen exorbitanten Gehälter und Bonuszahlungen existiert in den Augen der Menschen nicht. Und das erschüttert ihr Vertrauen in die Leistungsgerechtigkeit und damit auch in die soziale Marktwirtschaft.

Wir sehen also: Das Credo unserer Gesellschaft ist immer noch "Leistung soll sich lohnen". Aber es gilt nicht uneingeschränkt. Der Sozialstaat sollte seine Hilfe nicht unter einen Mindestsockel, der ein würdiges Leben und Teilhabe ermöglicht, fallen lassen. Und er hat darauf zu achten, dass die Lohnspreizung nach oben wie nach unten begrenzt wird. Geschieht das nicht, laufen wir Gefahr, dass die Menschen ihr Selbstvertrauen und letztendlich das Vertrauen in die Gesellschaft verlieren.

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Quelle:
SZ vom 27.09.2019
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