Knorr-Bremse:Das Vermächtnis des Zeus

Lesezeit: 6 min

Heinz Hermann Thiele hat den Fahrzeugzulieferer Knorr-Bremse zum Weltmarktführer gemacht, 2021 ist er mit 79 Jahren gestorben. Nun kann die Familienstiftung seinen Nachlass verwalten. (Foto: Knorr-Bremse/AFP)

Es geht um 15 Milliarden Euro - und eines der großen Dramen der deutschen Wirtschaft: das Erbe des Unternehmers Heinz Hermann Thiele und sein Lebenswerk Knorr-Bremse. Im Zentrum des Streits stehen eine Witwe, ein Testamentsverwalter und eine Familienstiftung.

Von Dieter Sürig

Es gibt in dieser Geschichte einige Fragen, die im Nachhinein nicht so leicht zu beantworten sind. Zum Beispiel diese hier: Wollte der vor zwei Jahren verstorbene Unternehmer Heinz Hermann Thiele seinem Testamentsverwalter Robin Brühmüller wirklich ein Honorar in dreistelliger Millionensumme gönnen? Ausgerechnet der alte Patriarch, der ja eher als knausrig galt? Oder geht die Geschichte doch anders, und im Zentrum dieses bizarren Streit um das Erbe Thieles steht in Wahrheit ein handfester Kampf um die künftigen Machtverhältnisse in der gerade gegründeten Familienstiftung, mit einem Testamentsverwalter als Dreh- und Angelpunkt?

Es gibt hier jedenfalls genug Fragen und Geheimnisse, um gleich mehrere Münchner Gerichte und noch mehr Juristen mit dem Erbfall Thiele zu beschäftigen. Das ist umso bemerkenswerter, weil Thiele, gestorben im Alter von 79 Jahren im Februar 2021, sein Lebenswerk eigentlich eher geräuschlos sichern wollte. Thiele habe einen "Streitfall nach seinem Tod unbedingt verhindern" wollen, so formuliert es ein Vertrauter der Familie. Nun läuft es genau so ab, wie er es eigentlich nicht haben wollte. Ziemlich laut und nur wenig diskret.

Thiele soll den Verkauf seines Lebenswerks an einen US-Investor gefürchtet haben

Sein Lebenswerk, zu dem etwa auch das Bahntechnikunternehmen Vossloh zählt, wollte er nach seinem Ableben in einer Familienstiftung wissen. Er habe befürchtet, dass das Unternehmen Knorr-Bremse, aus dem er in 50 Jahren einen Weltmarktführer gemacht hat, an einen US-Konzern verkauft werden könnte, heißt es. Einen Stiftungsentwurf soll er eigens dafür verfasst haben, aber die Stiftung kann erst jetzt, zwei Jahre nach seinem Tod, mit ihrer Arbeit beginnen. Es geht um einen Nachlass von 15 Milliarden Euro, die Protagonisten fechten ihren Erbstreit auf offener Bühne aus. Im Mittelpunkt: Das "Testament Zeus". So haben es Thieles Juristen zu dessen Lebzeiten schon mal gerne genannt. Klingt irgendwie kryptisch? Ist es auch.

Vorhang auf also für das Milliarden-Drama.

Die, die in der Zeus-Tragödie in der ersten Reihe kämpfen, sind im wesentlichen Thieles Witwe Nadia, 47, und der von Thiele eingesetzte Testamentsvollstrecker Robin Brühmüller, 54. Die Protagonisten haben nicht viel gemeinsam, nur das: Sie wollen sich zu der Causa nicht äußern. Beide spielen ganz unterschiedliche Rollen. Brühmüller soll den Nachlass des Patriarchen ordnen und auch die Stiftung aufs Gleis setzen. Mehr als 20 Jahre lang war der Mann Thieles Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, 2015 gab ihm Thiele schließlich die Generalvollmacht.

Der Testamentsvollstrecker soll 225 Millionen Euro Honorar bekommen

Derjenige, der ihm die Macht gab, ist nicht mehr da, und so kommt an dieser Stelle nun die Witwe Nadia Thiele ins Spiel. Sie findet, dass Brühmüllers Salär zu hoch ist; der langjährige Thiele-Intimus könnte für fünf Jahre Arbeit immerhin 225 Millionen Euro Honorar einstreichen. Klingt nach sehr viel Geld, aber diese Summe ergibt sich aus einer Tabelle des Deutschen Notarvereins, der bei einem Vermögen von fünf Millionen Euro aufwärts eine Vergütung von 1,5 Prozent des Werts vorsieht. Dem Vernehmen nach hat Thiele 2018 in seinem notariellen Testament bestimmt, dass er die Vergütung mit seinem Testamentsvollstrecker noch klären wolle. Da es eine solche Vereinbarung Thieles mit Brühmüller aber nie gegeben haben soll, greift die Tabelle. Also 225 Millionen Euro in fünf Jahren.

Der mittlerweile verstorbene Heinz Hermann Thiele und Ehefrau Nadia beim Börsengang des Fahrzeugzulieferers Knorr-Bremse im Herbst 2018 in der Frankfurter Börse. (Foto: Hannelore Foerster/imago images)

Nadia Thieles Anwälte von der Kanzlei Gauweiler nehmen an, dass der Testamentsverwalter Thiele über sein Honorar im Unklaren gelassen oder ihn gar getäuscht habe und dass Thiele die besagte Tabelle des Notarvereins womöglich gar nicht gekannt habe. Sie möchten Brühmüller deshalb absetzen. Da man Thiele nicht mehr fragen kann, kommt es jetzt auf andere Quellen an.

Nadia Thiele soll dem Vernehmen nach etwa eine Milliarde Euro vor allem in Form von Immobilien bekommen - allerdings mit dem Status einer so genannten "Vorerbin". Das bedeutet, dass sie darüber nur mit Einschränkungen verfügen darf. Verschenken oder weiter vererben darf sie es nicht. Bei ihrem Ableben soll ihr Erbteil dann in die Familienstiftung fließen. Dass sie mit einer Entlassung Brühmüllers nur ihr Erbe aufwerten wolle, wie kolportiert, stimme nicht, heißt es im Umfeld Nadia Thieles. Letztlich solle nur die Stiftung davon profitieren, schließlich würde der eine dreistellige Millionensumme zufließen, wenn die hohe Vergütung Brühmüllers vom Tisch sei. Es geht in dieser Tragödie also wohl nicht nur um viel Geld.

Vorwürfe gegen den Testamentsvollstrecker

Nadia Thiele wirft dem Testamentsvollstrecker nämlich auch vor, beim Bau der Familienstiftung mehr an seine eigenen finanziellen Interessen zu denken als an die Wünsche ihres verstorbenen Gatten. Denn Brühmüller hat nun einen Stiftungsvorstand installiert, in dem er neben sich selbst und Thiele-Tochter Julia Thiele-Schürhoff, 51, den langjährigen Chef der Fresenius-Gruppe, Stephan Sturm, als Vorsitzenden berufen hat. Außerdem hat er einen Stiftungsrat mit bislang drei Personen bestellt, in dem unter anderem zwar der langjährige Knorr-Bremse-Finanzvorstand Lorenz Zwingmann sitzt, nicht aber Nadia Thiele. Zumindest bisher, denn zwei weitere Mitglieder will Brühmüller noch in den nächsten Monaten berufen.

Schon Anfang 2022 haben ihre Anwälte wegen der Vergütungsfrage beim Münchner Nachlassgericht die Entlassung Brühmüllers beantragt. Gauweiler-Berater Thomas Fischer soll dazu in einem fast 50-seitigen Gutachten diverse Tatbestände dargelegt haben, die in einem Vorwurf des Betrugs samt Untreue münden. "Die Sparsamkeit von Thiele ist fast allegorisch", sagt jemand, der nah dran ist an der Familie. Dass Thiele die Tabelle des Notarvereins gar nicht gekannt habe, leiten die Gegner Brühmüllers daraus ab, dass der Patriarch völlig analog gearbeitet haben soll. Er habe sich E-Mails zum Lesen ausdrucken lassen, Internetrecherchen waren seine Sache nicht. Andere sagen: Die Tabelle gibt es doch schon länger als das Internet!

Nadia Thiele bekommt bislang keine Rolle in der Stiftung

Es sind solche Widersprüche, aus denen dann Spekulationen und Unterstellungen wachsen. Eine geht so: Brühmüller habe womöglich detaillierte Gespräche dazu unterlassen, um eine niedrigere Vereinbarung zu vermeiden. Andererseits ist zu hören, dass Thiele sein Testament mit seinen Juristen Punkt für Punkt diskutiert haben soll - bei der Vergütung habe Thiele auch nicht reagiert, als er auf die hohe Summe aufmerksam gemacht worden sei. Die Einlassungen der Gauweiler-Kanzlei waren dann beim Nachlassgericht auch nicht von Erfolg gekrönt. Als Volljurist habe Thiele sehr wohl gewusst, welche Konsequenzen sein Testament habe.

Wirklich? Nach SZ-Informationen soll das für die juristischen Abschlussprüfungen zuständige Bayerische Justizministerium in seinem Archiv keinen Hinweis auf ein Staatsexamen Thieles gefunden haben. Ein Vertrauter der Familie sagt, Thiele habe sein Jura-Studium abgebrochen, weil in der Familie Nachwuchs unterwegs gewesen sei. Bleibt die Frage, inwieweit dieses Detail noch relevant werden könnte. Dass er später die Knorr-Rechtsabteilung leitete, habe womöglich zur Verwirrung beigetragen. "Noch heute schwärmen seine Juristen, was für ein versierter Kenner des Rechtswesens er gewesen sei", ist zu hören.

Dass Nadia Thiele dann gleich zweimal beim Nachlassgericht abblitzte, ficht sie nicht an. Sie ist vor das Oberlandesgericht gezogen, um Beschwerde gegen die Entscheidung einzulegen. Sie ist zudem bereits im Sommer 2022 bei der Staatsanwaltschaft München I vorstellig geworden. Brühmüller soll Thiele bezüglich seiner Vergütung im Unklaren gelassen haben, um die dreistellige Millionensumme zu kassieren, so der Vorwurf. Die Staatsanwaltschaft durchsuchte wohl von sich aus Büros von Brühmüller. Von diesem gibt es dazu nur eine Stellungnahme: "Die Vorwürfe gegen Herrn Brühmüller entbehren jeder sachlichen Grundlage und sind haltlos. Im Übrigen sind sie auch bereits vor Gericht entkräftet worden." Auch die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen nach eigenen Angaben eingestellt. Diese hätten "den Verdacht der Täuschung des Verstorbenen durch den Beschuldigten nicht bestätigt".

Nadia Thiele blieb deswegen vor allem eines: Sie wollte letztlich die Konstruktion der Stiftung verhindern, für die es immerhin sieben Entwürfe gab und hat eine Unterlassungsklage beim Verwaltungsgericht München eingereicht, weil die Satzung nicht dem maßgeblichen Willen des Stifters entspreche. Dass sich Brühmüller dafür entschieden hat, Thieles Tochter Julia Thiele-Schürhoff in den Stiftungsvorstand zu holen, soll er damit begründet haben, dass diese Juristin sei und zudem bereits von ihrem Vater mit Aufgaben bei Knorr-Bremse betraut worden sei. Sie arbeitete seit 2002 im Konzern, auch als Abteilungsleiterin, zuletzt als Vorstandschefin des Vereins Knorr-Bremse Global Care und seit 2016 als Aufsichtsrätin. Wenn Thiele seine Frau Nadia im Konzern hätte positionieren wollen, "dann hätte er genug Gelegenheiten dafür gehabt", ist aus der Familie zu hören. Im Übrigen hätte auch ein neuer Nachlassverwalter nur in dem Rahmen agieren können, wie es Thieles Testament vorsieht - was Brühmüller ja nach Auffassung des Nachlassgerichts auch bei der Stiftungsstruktur getan habe.

Und die Tochter? Julia Thiele-Schürhoff ist froh, dass die Stiftung nun endlich installiert ist. Damit "sind nun ganz im Sinne meines Vaters die Voraussetzungen für die Fortführung seines unternehmerischen Lebenswerks geschaffen", sagt sie. Bleibt noch Thieles verstoßener Sohn Henrik, der 2015 in den Vorstand von Knorr-Bremse einziehen sollte, dann aber nach einem Streit mit seinem Vater gebrochen hatte. Er versucht gerade, einen 2017 erzielten finanziellen Vergleich in Höhe von 25 Millionen Euro anzufechten. In erster Instanz hat er verloren, auch dies: großer Dramenstoff.

Insider meinen, der andauernde Streit mute mittlerweile eh wie ein Sturm im Wasserglas an - ein teurer Sturm allerdings, an dem vor allem die Anwälte verdienen würden. Und es geht weiter: Nadia Thieles Anwälte wollen Beschwerde gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens beim Generalstaatsanwalt einlegen und den Anerkennungsbescheid für die Stiftung beim Verwaltungsgericht München anfechten. Die Frage ist: Was würde eigentlich Heinz Herrmann Thiele dazu sagen? Der Mann, der seinen Nachlass lieber diskret und geräuschlos regeln wollte?

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusVerhaltensgenetik
:Machen meine Gene mich reich?

Forscherin Kathryn Paige Harden sagt: Die Macht der DNA wird für den sozialen Fortschritt völlig unterschätzt. Ein Gespräch über die Genpille für Superreiche und die Frage, ob Geld oder Gene das bessere Erbe sind.

Interview von Bastian Brinkmann

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: