Zumindest sportlich bleiben würden sie in Ludwigsfelde. Nur, dass es nicht mehr um Sprinter gehen würde, sondern Boxer, falls das dortige Mercedes-Werk an den deutsch-französischen Rüstungskonzern KNDS verkauft wird. Und offenbar sind beide Unternehmen in Gesprächen zu genau so einer Übernahme.
Bisher baut Mercedes hier im Süden von Berlin die hinten offenen Varianten der Sprinter-Kleintransporter. Damit aber soll bis 2030 Schluss sein, dann wandert die Produktion den Planungen zufolge ins polnische Werk in Jawor ab. Deshalb sucht der bisherige Eigentümer nun nach einem Plan für die Zukunft des Werks in Brandenburg, dazu führe man „Gespräche mit dem Betriebsrat zur zukünftigen Ausrichtung des Standorts, wobei verschiedene Optionen diskutiert werden“, wie eine Mercedes-Sprecherin mitteilt.
Und eine davon ist nach SZ-Informationen KNDS. Denn die Rüstungsfirma baut ihre Produktion gerade massiv aus und investiert dafür in den kommenden Jahren etwa eine Milliarde Euro. Unter anderem baut der Konzern die Leopard- und Puma-Panzer, außerdem gemeinsam mit Rheinmetall den Boxer. Dessen Produktion am deutschen Stammsitz in München-Allach hatte die Firma zuletzt bereits ausgeweitet. Im Frühjahr 2025 hat sie zudem das frühere Alstom-Werk im sächsischen Görlitz übernommen, wo zuvor noch Straßenbahnen und Doppelstockwagen produziert wurden.
Bei Mercedes heißt es, man suche „eine zukunftsfähige Lösung für Ludwigsfelde“
Bis 2030 sollen sechsmal mehr Boxer als bisher produziert werden, auch wegen der gestiegenen Nachfrage des deutschen Heeres. Im Rahmen des Projekts Arminius plant die Bundeswehr, zusätzliche Boxer-Varianten zu beschaffen. Von bis zu 3000 Stück ist in Militärkreisen die Rede. Das Großprojekt könnte ein Volumen von rund 40 Milliarden Euro erreichen.
Deshalb sollen nun auch durch die Übernahme von weiteren Werken die Kapazitäten aufgestockt werden. Auf SZ-Anfrage schrieb KNDS, die Firma suche „für den geplanten Hochlauf im Rüstungsbereich nach geeigneten Partnerunternehmen“. Diese Gespräche seien gerade noch im Gange, weswegen KNDS keine weiteren Angaben machen könne. Von Mercedes hieß es lediglich, man wolle „eine zukunftsfähige Lösung für Ludwigsfelde entwickeln“, sich dazu aber derzeit „nicht im Detail äußern“.
Bei der Frage nach der Übernahme des Werks geht es um nicht weniger als das Tempo der deutschen Aufrüstung. Darum, wie schnell die Bundeswehr zusätzliche Panzer wie den Boxer erhält, um die eigene Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Immer wieder war es in der Vergangenheit bei anderen Systemen zu Lieferschwierigkeiten gekommen, so etwa bei dem Flugabwehrsystem Skyranger von Rheinmetall. Solche Verzögerungen will man nun beim Boxer gern vermeiden.
Nicht immer erfüllen die bestehenden Werke die Anforderungen der Rüstungsproduktion
Das Mercedes-Werk in Ludwigsfelde ist allerdings nicht der einzige Kandidat, um die Produktion von KNDS schnell hochzufahren. Über das Volkswagen-Werk in Osnabrück wird in diesem Zusammenhang ebenfalls gesprochen. Der einstige Interessent Rheinmetall hatte zuvor bereits angekündigt, an diesem Standort nicht mehr interessiert zu sein. Grund war offenbar, dass Rheinmetall bei einem Bundeswehr-Auftrag für sechsrädrige Panzer nicht zum Zuge gekommen war, in Osnabrück aber keine noch schwereren Modelle herstellen konnte. Dafür war die Traglast der Werksanlagen zu gering.
Was wiederum eine der großen Herausforderung bei solchen Übernahmen andeutet: Nicht immer entsprechen die bestehenden Werke auch den Anforderungen der künftigen Rüstungsproduktion. Ludwigsfelde allerdings soll sich Beteiligten zufolge relativ gut eignen: Das Werk ist vergleichsweise modern, außerdem sollen die Anlagen vor Ort tragfähiger sein als in Osnabrück.
Allerdings dürften auch im besten Fall wohl nicht alle der derzeit noch 2000 Mitarbeiter in Ludwigsfelde übernommen werden. Zuletzt behielten beispielsweise in Görlitz 580 der etwa 700 Beschäftigten ihre Jobs, teilweise beim alten Eigentümer Alstom, teilweise bei KNDS. Am Mercedes-Standort könnten übergangsweise auch parallel Lieferwagen und Panzer gebaut werden. Die komplette Übernahme durch KNDS würde dann erst zu einem späteren Zeitpunkt folgen.


