Allach ist einer dieser typischen Münchner Ortsteile am Stadtrand, ein paar Quadratkilometer im Grenzbereich zwischen Stadt, Land, Wäldern, einem kleinen Naturschutzgebiet und Fabrikhallen. Daneben große Wohnsiedlungen zwischen Feldern, Sportgeschäften und Supermärkten, dazwischen zwei nicht ganz unbedeutende, aber doch sehr unterschiedliche Unternehmen: Siemens Mobility mit seinen Zügen und Lokomotiven, kennt man. Und der deutsch-französische Panzerbauer KNDS. Kennt man weniger. Bis jetzt zumindest.
Allerdings gehört der Leopard-Panzer zu den größten Verkaufsschlagern dieses Unternehmens, und den kennt man sehr wohl. Und so war es vor ein paar Wochen an der Zeit, dass der Rüstungskonzern Medienvertreter auf sein Gelände in Allach einlud. Was man sich wohl dick im Kalender markieren muss, weil so etwas wirklich nicht so oft passiert. Einen Tag der offenen Tür in Allach muss man daher als einen Versuch verstehen, sich der Öffentlichkeit einmal als ganz normales Unternehmen zu präsentieren. Was für ein Unternehmen, das sich jahrelang zwischen Lokomotiven-Werk, S-Bahn-Gleisen und Feldern versteckte und Panzer baute, die Leopard heißen, ja ein ziemlich gewagter Sprung nach vorn ist.
Aber KNDS will an die Börse, und wer an die Börse will, kann sich nicht mehr verstecken, nicht einmal in Allach. Zumal schon jetzt klar ist, dass es einer der wichtigsten Börsengänge in Europa in diesem Jahr sein wird. Geschätzte Bewertung: 20 bis 25 Milliarden Euro. Noch ist kein konkretes Datum genannt worden, die Pariser Rüstungsmesse Eurosatory Mitte Juni könnte vielleicht ein geeigneter Moment für den Börsengang sein. Die Aktie soll dann sowohl in Frankfurt als auch in Paris gehandelt werden. Dafür müssten alle Modalitäten allerdings in den kommenden Wochen unter Dach und Fach sein.
Nur – schaffen die das?
Hier, im Allacher Supermarkt nebenan, laufen neuerdings sogar Mitarbeiter der Firma in KNDS-Jacken zwischen den Kühlregalen herum. In der Jacke eines Rüstungsherstellers einkaufen zu gehen, das wäre früher wohl kaum jemandem im Traum eingefallen. Aber so ist das mit der Zeitenwende. Wer Panzer baut, kann das jetzt auch offen zeigen. Was aber noch nicht heißt, dass man ohne Weiteres einen Börsengang hinbekommt.
Zumindest was die Börsenlogik betrifft, ist die Sache ganz einfach, denn ob es einem gefällt oder nicht: Die Rüstungsindustrie wird in den kommenden Jahren noch einen Boom erleben wie kaum seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Düsseldorfer Panzerbauer und KNDS-Wettbewerber Rheinmetall liefert sozusagen schon seit mehr als vier Jahren die Blaupause für die Börsenstory des deutsch-französischen Panzer-Tandems. Der Wert der Rheinmetall-Aktie stieg wegen des russischen Angriffskrieges innerhalb von viereinhalb Jahren von 90 auf mehr als 1500 Euro. Krieg, Kriegsgefahren und Kriegsängste sind eben Nachfragetreiber für Rüstungsgüter – vor allem auch deshalb hat sich das Management von KNDS zu diesem Schritt entschlossen, so wie sich in den vergangenen Monaten schon Firmen wie die Rüstungszulieferer Renk und Vincorion an die Börse gewagt haben.
So weit, so gut, damit aber beginnen sie nun erst, die ungeklärten Fragen. Denn der Börsengang von KNDS ist längst kein Selbstläufer.
Ein deutsch-französischer Panzerbauer mit sehr unterschiedlichen Eigentümern
Es beginnt mit der Eigentümerstruktur dieses Panzer-Konstrukts, die eher ungewöhnlich ist, denn die Anteile halten zurzeit der französische Staat und die deutsche Wegmann Unternehmens-Holding, in der vor allem die Anteile der Eigentümerfamilien Bode und Braunbehrens gebündelt sind. Rückblick: Es war im Jahr 2015, als sich der staatliche Waffenkonzern Nexter und der deutsche Hersteller Krauss-Maffei Wegmann (KMW), die Hersteller der Panzermodelle Leclerc und Leopard, zusammentaten und das Ganze KNDS nannten. Dahinter stand nicht weniger als die Idee eines europäischen Panzers. Dazu Munition, Artilleriesysteme und Logistik – KNDS stand damit von Anfang an für eine europäische Rüstungsinitiative.
Allerdings war die Sache von Anfang an ein interessantes Kultur-Experiment. Hier eine familiengeführte Münchner Holding, auf der anderen Seite der französische Staat – ein gewagtes Konstrukt, bei dem jeder eigentlich sein eigenes Ding macht. Nationale Industrieinteressen, eine gemeinsame Zentrale und Holding in Amsterdam, dann aber auch separate Industrieeinheiten in Frankreich und Deutschland – und Diskussionen über die richtige Verteilung von Verantwortlichkeiten.
Zu den offenen Fragen gehört zurzeit, inwiefern sich der deutsche Staat an KNDS beteiligen wird. Das könnte laut Brancheninsidern sogar noch vor dem Börsengang passieren. Auch der Bundeskanzler deutete eine solche Beteiligung zuletzt an. „Wir haben gerade einen Auftrag erteilt, von einer Familie einen hohen Anteil in einem wehrtechnischen Betrieb zu erwerben, an dem Frankreich schon eine 50-prozentige Beteiligung hat“, sagte Friedrich Merz kürzlich auf einer Veranstaltung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. KNDS nannte er zwar nicht explizit, sagte aber, es gehe um ein „großes deutsch-französisches Rüstungsunternehmen zum Beispiel für gepanzerte Landfahrzeuge“.
Eine heiß diskutierte Option ist: Die Bundesregierung übernimmt die Familienanteile und sichert sich damit mindestens eine Sperrminorität von 25,1 Prozent an KNDS. Das Prozedere gilt in Berlin als bewährt. Schon im Zuge des Börsengangs des Rüstungselektronik-Herstellers Hensoldt im September 2020 kaufte sich der Bund eine Sperrminorität zusammen. So wollte sie die Technologien für elektronische Kriegsführung, die man als „nationale Schlüsseltechnologie“ ansieht, im Notfall gegen unliebsame andere Investoren verteidigen und unerwünschte Übernahmen verhindern. Es war damals die Zeit, als man in Berlin viel über den Einstieg chinesischer Investoren in deutschen Unternehmen diskutierte.
Paris stellt eine Bedingung: Nur nicht Rheinmetall
In Frankreich schaut man sich die Aktivitäten auf der anderen Seite des Rheins in diesen Wochen sehr genau an. In Paris wird darauf gepocht, dass die 50:50-Aufteilung zwischen französischen und deutschen Aktionären bestehen bleiben müsse, um ja keine Änderungen in diesem fein austarierten Machtverhältnis heraufzubeschwören. Nur: Wird Berlin hier mitgehen? Rein wirtschaftlich ist die Verteilung ohnehin klar: Der Anteil von KNDS Deutschland am Gesamtumsatz liegt höher als der französische Teil. Und je mehr Panzer demnächst noch in Deutschland bestellt werden, desto mehr verschiebt sich die Bilanz weiter in Richtung Deutschland. Und noch etwas ist den Franzosen wichtig: Jeder Anteilsverkauf auf deutscher Seite soll ihre Zustimmung brauchen. Jeder – außer dem Düsseldorfer Rivalen Rheinmetall – sei prinzipiell als Aktionär willkommen, heißt es in Paris. Dem durchaus ambitionierten Rheinmetall-Chef Armin Papperger wird schon seit Langem nachgesagt, er würde gerne einen Teil von KNDS übernehmen. Immer wieder schwärmt er von seinen Plänen, einen europäischen Rüstungs-Champion zu schmieden, um es mit US-amerikanischen Konzernen aufnehmen zu können.
Alles also – nur nicht die Düsseldorfer!
Diese Position vertritt auch KNDS-CEO Jean-Paul Alary. „Ich denke nicht, dass Rheinmetall ein guter Hebel ist, um das KNDS-Modell zu entwickeln“, erklärte er neulich auf einer Pressekonferenz. Die französische Regierung hoffe, dass sich die deutsche Seite an ihre Zusage halte, Rheinmetall nicht zum Zug kommen zu lassen. Am liebsten wäre den Franzosen ohnehin, der deutsche Staat würde ebenfalls selbst direkt einsteigen. Da stand er in einem Münchner Nobelrestaurant vor einer Gruppe von KNDS-Leuten und Pressevertretern, um für den anstehenden Börsengang zu werben. Wer an die Börse will, muss irgendwann auch durch Münchner Lokale ziehen.
Dass es mit deutsch-französischen Panzern nicht ganz so einfach ist, zeigt übrigens das gemeinsame Kampfpanzer-Projekt MGCS („Main Ground Combat System“), mit dem vielleicht von 2040/2045 an der deutsche Leopard 2 und der französische Leclerc abgelöst werden könnten. Gemeinsam entwickelt wird hier seit 2017, immer wieder verzögerte sich das Projekt allerdings. Wie es heißt, wegen diverser politischer Unstimmigkeiten hinter den Kulissen. Der französische Präsident Macron drohte bereits, das Projekt infrage stellen zu müssen, sollte Deutschland die Flugzeugentwicklung des Großprojekts FCAS beenden. Er sei ein „überzeugter Befürworter des MGCS-Programms“, sagte hingegen Alary an jenem Münchner Restaurant-Abend. Es „sollte funktionieren“.
Sollte? Nur ein kleines Wort, aber es zeigt die politische Brisanz hinter den Kulissen deutsch-französischer Rüstungsprojekte.
Und dann wäre da noch die Frage, wie sich KNDS in Zukunft aufstellen will. Andere Firmen investieren massiv in KI und Digitalisierung, der Krieg wird eben zunehmend digitaler. KNDS macht klar, dass es das Geld aus dem Börsengang auch für weitere Investitionen verwenden werde. Etwa, um seine verschiedenen Waffensysteme zu vernetzen.
Wie das genau aussehen könnte, präsentierte die Firma in Allach. In einer großen Halle führte die Firma vor, wie es ist, in einer Kommandozentrale zu sitzen: zehn Bildschirme an einer Wand, auf einem acht Weltuhren, auf einem anderen ein Stream mit einer Nato-Veranstaltung, auf wieder einem anderen eine Karte von München. Auf ihr schlängelt sich nun eine Fahrlinie wie bei Google Maps. „Nun denken Sie sich vielleicht: Das habe ich doch in meinem Auto“, sagt Matthias Nöhl, der bei KNDS für Digitales zuständig ist. „Aber jetzt wird es weitaus komplizierter.“ Das System könne nämlich einschätzen, welche Route man am besten nimmt, damit feindliche Truppen einen nicht sehen können. Das KNDS-Navi für den Fronteinsatz sozusagen, ein Tomtom für den Krieg – das wäre schon eine dieser Börsengeschichten.
