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KLM-Chef Pieter Elbers:"Die Nachfrage kommt zurück"

KLM

Die Fluggesellschaft KLM hatte in der Pandemie ihr Angebot stark eingeschränkt.

(Foto: Remko de Waal/ANP/AFP)

KLM-Chef Pieter Elbers hofft, dass die Reisebeschränkungen für Nordatlantikflüge bald fallen werden. Das Unternehmen will auch wieder investieren - in neue Flugzeuge.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Die niederländische Fluggesellschaft KLM Royal Dutch Airlines plant trotz unklarer Aussichten, schon in diesem Sommer alle vor der Corona-Pandemie angeflogenen Ziele wieder anzusteuern. "Wir sind in einer instabilen Lage", sagt KLM-Chef Pieter Elbers im Gespräch mit der SZ. "In den USA kann man sehen, dass die Nachfrage zurückkehrt, wenn die Impfungen voranschreiten. In Europa sehen wir, dass gleichzeitig Restriktionen verschwinden und neue eingeführt werden." Dennoch gelte: "Die Richtung ist klar und die Entwicklung ist nicht umkehrbar."

KLM hatte in der Pandemie wie praktisch alle Fluggesellschaften ihr Angebot stark eingeschränkt. Die niederländische Regierung stützte das Unternehmen, das Teil des Air-France-KLM-Konzerns ist, mit Krediten und Bürgschaften in Höhe von 3,4 Milliarden Euro - etwa ein Drittel davon hat KLM bislang gezogen. Zuletzt flog die Airline, die auf Umsteigeverbindungen über Amsterdam spezialisiert und sowohl auf Lang- als auch Kurzstrecken einer der größten Konkurrenten der Lufthansa ist, etwa 90 Prozent ihrer Vorkrisen-Ziele an, allerdings nur mit 50 Prozent der üblichen Sitzkapazität. Die Passagierzahlen lagen bei etwa 25 Prozent.

Wie sich die Passagierzahlen bei KLM im Laufe des Jahres erholen, "hängt stark davon ab, was erlaubt ist", sagt Elbers. "Ich glaube, die Nachfrage kommt zurück. Die Leute wollen verreisen." Aber damit der Aufschwung auch nach dem Sommer trägt, in dem die meisten Passagiere innerhalb von Europa verreisen werden, muss auch das Langstreckengeschäft wieder anlaufen. Es gibt zwar die ersten Anzeichen dafür, dass die Europäische Kommission und einzelne EU-Länder bereit sind, die Grenzen auch für Transatlantikflüge zu öffnen, doch noch ist das nicht passiert. "Dass Frankreich jetzt geimpften Passagieren aus den USA erlaubt, einzureisen, das ist ein enormer Schritt voran", sagt Elbers. "Wir dürfen nicht vergessen, dass wir jetzt seit 16 Monaten offiziell ein Reiseverbot haben, mit ein paar Lockerungen."

Bislang waren alle Initiativen der Industrie, die Regierungen zur Öffnung zu bewegen, nicht erfolgreich. Zuletzt hatten die USA und Großbritannien allerdings eine Task Force angekündigt, die sich des Themas annehmen soll. "Wenn (die Öffnung) in den nächsten Wochen wirklich passiert, können wir auch für den Herbst optimistischer sein", sagt Elbers.

KLM braucht auf Dauer zusätzliches Kapital

Der 51-Jährige arbeitet seit 1992 bei KLM, seit 2014 steht er an der Unternehmensspitze. Zehn Jahre zuvor hatten sich Air France und KLM zur Air-France-KLM-Gruppe zusammengeschlossen. Nationale Rivalitäten überschatten die Fusion teilweise bis heute. So hatte der niederländische Staat 2019 überraschend ein Aktienpaket von 13 Prozent gekauft, um die Interessen von KLM besser abzusichern. Zuletzt beteiligte sich der Staat aber nicht an einer Kapitalerhöhung. Frankreich hält derzeit knapp 29 Prozent der Anteile an der Gruppe, gefolgt von China Eastern Airlines (9,6 Prozent) und dem niederländischen Staat (9,3 Prozent). Elbers hat zuletzt deutlich gemacht, dass auch KLM auf Dauer zusätzliches Kapital braucht, Gespräche mit der Regierung und der Europäischen Kommission laufen. Pandemiebedingt war der Umsatz 2020 um mehr als die Hälfte auf gut 5,1 Milliarden Euro eingebrochen. KLM machte im vergangenen Jahr einen Verlust von 1,5 Milliarden Euro.

"Ich bin in engem Kontakt mit Air-France-Chefin Anne Rigail, wir kämpfen den gleichen Kampf in dieser Krise. Das funktioniert ziemlich gut und die Krise schweißt uns auch mehr zusammen", sagt Elbers. Die Verschiebung bei den Anteilen "mag von außen betrachtet nach einer großen Veränderung aussehen, aber im Tagesgeschäft ändert sich nicht so viel".

Die Krise hat KLM allerdings zu völlig neuen Arbeitsweisen gezwungen. "Ich bin seit fast 30 Jahren bei KLM, war sieben Jahre Chef der Netzplanung, kenne den Teil des Geschäfts also ziemlich gut", sagt Elbers. "Wir haben immer klassisch einmal für den Sommer- und den Winterflugplan geplant. Im letzten Jahr haben wir fast wöchentlich den Plan geändert." Allerdings glaubt er, dass nach der Krise vieles wieder so wird wie davor. "Wir werden zu 90 Prozent wieder zurück zum alten System gehen", so seine Prognose.

Denn die vielen kurzfristigen Änderungen vertragen sich nicht gut mit der Logik, über ein Drehkreuz in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Verbindungen anzubieten. "So ein Drehkreuz ist wie ein Motor, der hyper-optimiert ist, man kann eigentlich nicht ständig Flüge hineingeben und herausnehmen", sagt Elbers.

Trotz des Wachstums der Billigfluggesellschaften, von denen viele auch bilanziell deutlich solider sind als die klassischen Airlines, glaubt Elbers nicht daran, dass das Drehkreuz in Amsterdam zu sehr ausgehöhlt werde. "Die Stärke unseres Netzes ist die enorme Zahl der Ziele," behauptet er. "Klar kann man sagen, dass die Billigfluggesellschaften mit stärkeren Bilanzen besser aus der Krise kommen. Aber die Drehkreuze werden eine wichtige Rolle in der Erholung spielen, denn viele Märkte werden Nonstop-Flüge nicht rechtfertigen." Viele Kurzstreckenverbindungen könne KLM nur deswegen anbieten, "weil wir diese Ziele auch an die Langstrecke anbinden".

Deswegen will das Unternehmen auch auf absehbare Zeit wieder investieren. Die Boeing-737-Flotte soll als Nächstes ersetzt werden. Es geht um 100 Flugzeuge bei KLM und dem Billig-Ableger Transavia. Eine endgültige Entscheidung soll allerdings erst in den nächsten ein bis zwei Jahren fallen.

© SZ
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