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Klimawandel:Wissensfrage

Barack Obama

US-Präsident Barack Obama nahm 2015 die Spuren des Klimawandels am geschrumpften Bear Gletscher in Alaska in Augenschein.

(Foto: Andrew Harnik/AP)

Der Mineralölkonzern Exxon wusste seit den 70er-Jahren vom Klimawandel und nutzte die Erkenntnisse, um die eigene Bilanz zu verschönern.

Von Kathrin Werner

Wenn die Menschen weiter Energie durch Öl, Gas oder Kohle produzieren, führt das zur Erderwärmung - und bedroht irgendwann unser Überleben, sagte James Black. Er zeigte ein paar Folien und fasste zusammen: "Es herrscht insgesamt Einigkeit in der Wissenschaft, dass der wahrscheinlichste Einfluss, den die Menschheit auf das globale Klima hat, von dem Kohlendioxid-Ausstoß durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen stammt." Blacks Sätze klingen für heutige Ohren nicht gerade überraschend. Interessant ist aber, wann und wo sie fielen: im Juli 1977. Und zwar ausgerechnet vor dem Management-Komitee von Exxon, des weltweit größten Mineralölkonzerns.

Black war einer der führenden Klima-Wissenschaftler in der Forschungsabteilung von Exxon. Ein Jahr später legte er noch einmal nach, vor einer größeren Runde von Exxon-Managern und Forschungskollegen: Regenfälle und Dürren, Temperaturanstieg, Ernteausfälle, schmelzende Arktis, er prophezeite alles, wie er in einem Protokoll zu seinem Vortrags schrieb. Es gebe zwar Unsicherheiten über Details. Aber nach "derzeitigem Denken hat die Menschheit ein Zeitfenster von fünf bis zehn Jahren", bevor wichtige Entscheidungen fallen müssten. Die zehn Jahre sind 1988 abgelaufen. Bei Exxon sprach man also spätestens seit 1977 über den Klimawandel. Elf Jahre bevor ein Forscher der US-Weltraum- und Forschungsbehörde Nasa vor dem Kongress in Washington vor der Erderwärmung warnte. 20 Jahre bevor sich die Vereinten Nationen zum Weltklimagipfel in Kyoto trafen.

Im vergangenen Herbst haben die Nachrichtenwebsite InsideClimate News und die Zeitung Los Angeles Times zwei voneinander unabhängige, groß angelegte Recherchen zu Exxons Klimaforschung veröffentlicht. Sie haben in monatelangen Untersuchungen aufgedeckt, dass der Konzern die Gefahren der Erderwärmung nicht nur schon seit Jahrzehnten kennt und sie mit seinem Geschäft befeuert, sondern auch gezielt angefangen hat, Gruppen finanziell zu fördern, die nach außen hin das genaue Gegenteil der Erkenntnisse der eigenen Wissenschaftler behaupten. Intern hat Exxon die Forschungsergebnisse allerdings weiter für sich genutzt, zum Beispiel für Prognosen, ab wann sich in der Arktis wegen der Eisschmelze leichter nach Öl bohren lässt. InsideClimate News hat auch die Protokolle von Blacks Vorträgen aus den Jahren 1977 und 1978. Nach den zwei Artikeln begann ein Horrorjahr für Exxon Mobil. Die Zeitungen waren voller Nacherzählungen der zwei Berichte samt empörten Kommentaren. Im Internet schrieben Menschen Hass-Tiraden und Boykottaufrufe unter dem Schlagwort #ExxonKnew. Bill McKibben, einer der berühmtesten Umweltaktivisten der USA, beschuldigte den texanischen Konzern der "folgenreichsten Lüge in der Geschichte der Menschheit". Und all das kam zu einer Zeit, in der es Exxon ohnehin nicht besonders gut geht: Die Ölpreise sind seit Monaten niedrig, das drückt die Profite. Im vergangenen Quartal hat der nach Marktwert größte Ölkonzern mit 1,7 Milliarden Dollar den schlechtesten Gewinn seit 17 Jahren verkündet. Außerdem erkannte Exxon schnell, dass es sich nicht nur um Unmut unter Gänseblümchenketten knüpfenden Ökos handelt, sondern die Ökos die Ermittlungsbehörden hinter sich haben.

Wollen sie Exxon zum nächsten Exempel machen, wie einst Philipp Morris zum Gesicht der über Gesundheitsgefahren lügenden Zigarettenindustrie wurde? Exxon verteidigt sich: Ganz so sicher seien die Erkenntnisse von Black in den 70er-Jahren ja nicht gewesen, sagte ein Sprecher dem Magazin Businessweek. #ExxonKnew sei eine Verschwörung. Und überhaupt, sagte Exxon-Chef Rex Tillerson im Fernsehen, sei das alles ja so lange her. "Ich bin mir nicht sicher, wie hilfreich es wäre, wenn ich dazu etwas sagen würde."

Der größte Schlag kommt jetzt: Die amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) ermittelt gegen Exxon, berichtet das Wall Street Journal. Es geht in der SEC-Untersuchung um die Frage, wie der Konzern seine Rohöl-Bestände bewertet. Der Wert der Lagerbestände richtet sich schließlich unter anderem danach, wie leicht und zu welchen Preisen das Unternehmen sein Öl verkaufen kann. Das wiederum hängt davon ab, welche Gesetze und Auflagen die Länder der Welt beschließen, um den Klimawandel zu bremsen. Teil der Selbstbewertung muss also auch die Entwicklung des Klimawandels sein. "Wir erfüllen die Informationsanforderungen der SEC und sind sicher, dass unsere Finanzberichterstattung alle rechtlichen und buchhalterischen Erfordernisse erfüllt", sagte ein Exxon-Sprecher dem Wall Street Journal. Im Juli hatten drei ehemalige US-Finanzminister der SEC einen offenen Brief geschrieben und angeregt, in der Sache zu ermitteln.

Das erste Zeichen, dass der Skandal richtig ungemütlich werden könnte, kam im November vor einem Jahr, als der New Yorker Generalstaatsanwalt Eric Schneiderman Ermittlungen gegen Exxon Mobil einleitete. Schneiderman wirft dem Konzern vor, gegen Verbraucherschutzbestimmungen verstoßen und die Aktionäre über mögliche Kosten zur Begrenzung des Klimawandels - und damit über den wahren Wert ihrer Firma - betrogen zu haben. Er hat den Konzern unter Strafandrohung aufgefordert, alle Dokumente herauszugeben, die mit den Vorwürfen in Zusammenhang stehen könnten. Exxon hat schon gut eine Million Seiten interne Dokumente geschickt. Es dauert noch, bis alle Beweismittel ausgewertet sind.

Exxon habe eine Recht auf freie Meinungsäußerung, sagen die Leugner des Klimawandels

Auch die Aktionäre werden zunehmend unwirsch, selbst bei der Hauptversammlung im Mai war der Klimawandel ein Thema. Einige institutionelle Investoren hatten durchgesetzt, dass die Aktionärsversammlung darüber abstimmt, ob Exxon künftig einmal im Jahr detailliert über die Auswirkungen des Klimawandels und der Klimaschutzpolitik auf das Geschäftsmodell Auskunft geben muss. Der Antrag erhielt mit 38 Prozent der Stimmen zwar nicht die notwendige Mehrheit. Sie verbuchten aber als Erfolg, dass der Klimawandel überhaupt zum Thema wurde und es eine Abstimmung dazu gab.

Es hat eine Weile gedauert, bis der Konzern aus Texas eine Strategie entwickelt hatte, wie er sich gegen die Vorwürfe verteidigen will. Nun wehrt sich der Konzern - vor allem mit Lobbyarbeit in Washington. Er hat es geschafft, eine Ermittlung gegen die Ermittlung auszulösen. Das Wissenschaftskomitee im Abgeordnetenhaus, geführt vom Republikaner Lamar Smith aus Texas, der den Klimawandel leugnet, will die Untersuchung des New Yorker Staatsanwalts bremsen. Sein Argument: Die Ermittlung beschneide Exxons Recht zur freien Meinungsäußerung. Exxon-Forscher Black hätte ihm allerdings vermutlich schon 1977 erklärt, dass es beim Klimawandel nicht um Ideologie geht, zu der man dieser oder jener Meinung sein kann - sondern um eine wissenschaftliche Tatsache. Die sogar Exxon inzwischen nicht mehr bestreitet. "Die Risiken des Klimawandels sind ernst", sagt inzwischen selbst Vorstandschef Tillerson. "Sie verlangen nach intelligenten Taten."

© SZ vom 24.09.2016
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