Wetterextreme:Klimakatastrophen bedrohen die Weltwirtschaft stärker als gedacht

Zyklon ´Kenneth" auf den Komoren

Aufräumarbeiten nach dem Zyklon "Kenneth" auf den Komoren: Extreme Wetterereignisse sind oft nicht nur eine Katastrophe für die lokale Bevölkerung, sie haben auch Auswirkungen auf die Wirtschaft weltweit.

(Foto: Louis Witter/dpa)

Die Schäden von Hitzewellen und Überschwemmungen können sich gegenseitig aufschaukeln, zeigt eine neue Studie. Doch es gibt Möglichkeiten, Lieferketten dagegen zu wappnen.

Von Johannes Bauer

Wie reibungslos etwas bisher funktioniert hat, begreift man manchmal erst, wenn es plötzlich hakt und knirscht. Dass die Weltwirtschaft aus einem engmaschigen Netz von Lieferketten besteht, dürfte etwa vielen Menschen klar sein. Erst die sechstägige Blockade des Suezkanals durch das Containerschiff Ever Given hat aber wieder stärker ins kollektive Gedächtnis gerückt, wie störungsanfällig dieses globalisierte System sein kann.

Das zeigt sich besonders stark bei den Auswirkungen des Klimawandels auf die Weltwirtschaft: Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung haben in einer Studie herausgefunden, dass sich wirtschaftliche Schäden durch Wetterextreme gegenseitig aufschaukeln können - selbst wenn diese an völlig verschiedenen Orten der Welt auftreten.

Flussüberschwemmungen, Hitzewellen und tropische Wirbelstürme könnten zwar in den betroffenen Regionen eine Versorgungsknappheit auslösen und gleichzeitig zu Gewinnen in anderen Gegenden der Welt führen, wenn dort die Nachfrage und damit auch die Preise steigen. "Aber wenn sich verschiedene Wetterextreme überlagern, sind die wirtschaftlichen Verluste in der gesamten vernetzten Weltwirtschaft um 20 Prozent höher als die Verluste durch die einzelnen Ereignisse zusammengerechnet", sagt Kilian Kuhla vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Leitautor der Studie.

Entgegen bisheriger Annahmen addieren sich die Auswirkungen extremer Wetterereignisse also nicht nur, sondern können sich auch gegenseitig verstärken. "Ziemlich beunruhigend", findet Kuhla diesen Effekt, den die Forscher als Schockverstärkung bezeichnen. Um ihn zu verstehen, haben sie 1,8 Millionen wirtschaftliche Beziehungen zwischen mehr als 7000 regionalen Wirtschaftssektoren untersucht. Die Schockverstärkung der Wetterextreme ist umso stärker, je größer die Volkswirtschaft ist. "Reiche Länder sind sehr abhängig von der Produktion in anderen Ländern und werden von vielen Ländern beliefert - aus dieser Vernetzung im Welthandel entsteht die stärkere Betroffenheit", erklärt Anders Levermann, der das Autorenteam der Studie leitete.

Für den Wissenschaftler ist auch klar, wer am Ende den größten Schaden hat, wenn das Angebot durch die Folgen von Wetterextremen knapp wird. Das lässt die Nachfrage knapp werden und die Preise in die Höhe schnellen. "Die Unternehmen müssen mehr für die Produkte zahlen. In den meisten Fällen wird das an die Verbraucher weitergegeben."

"Der Klimawandel ist kein Problem der Armen, sondern der ganzen Welt"

Der Zusammenhang zwischen Angebot, Nachfrage und Preis sei zwar keine neue Erkenntnis, der Effekt der Überlagerung und Verstärkung der Wellen hingegen schon. Das liegt auch an dem ökonomischen Modell "Acclimate", das in Potsdam seit acht Jahren entwickelt wird und mit dem die Forscher Schocks in der Produktion entlang der Lieferketten besser nachvollziehen können als mit jedem andern Modell zuvor. "Bisherige Abschätzungen, die Schäden modellieren, basieren darauf, wie es in der Vergangenheit war und gehen davon aus, dass es in Zukunft so bleibt", so Levermann. Mit der alten Methodik werde der Klimawandel zwar berücksichtigt, aber eben nicht genug, weil seine Auswirkungen in den Modellen im Großen und Ganzen nur addiert würden.

Aus den Erkenntnissen leitet Levermann auch eine Verantwortung ab: "Der Klimawandel ist kein Problem der Armen, sondern der ganzen Welt und damit auch eins für uns." Wichtig sei jetzt, sich zu überlegen, wie man sich gegen so etwas Unvorhersehbares wie extreme Wetterereignisse wappnen könne.

In Bezug auf die Lieferketten hieße das, zum Beispiel wieder über längeres Lagern in größeren Speichern nachzudenken. Noch besser sei eine Diversifikation der Lieferketten. Produktionsstätten für ein und dasselbe Produkt über die ganze Welt zu verteilen, hätte einen entscheidenden Vorteil: "Dann gäbe es auch nicht mehr die eine Lieferkette, die reißen kann."

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