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Klimawandel:Stresstest im Weinberg

Mehr CO₂ in der Atmosphäre, das verändert auch dem Anbau von Nahrungsmitteln. Die Hochschule Geisenheim untersucht in einer Testanlage, wie sich Reben und Gemüse unter solchen Bedingungen entwickeln. So manches Ergebnis ist überraschend.

Der Klimawandel und die wachsende Weltbevölkerung stellen Weinbau und Landwirtschaft vor riesige Herausforderungen. Mit steigenden Temperaturen erhöht sich der CO₂-Gehalt in der Atmosphäre, und dies beeinflusst das Wachstum von Pflanzen. Was das für Ernteerträge und deren Qualität bedeutet, untersuchen Forscher an der hessischen Hochschule Geisenheim seit 2012 in einem ungewöhnlichen Versuch: Was aus der Ferne wie ein Karussell mitten im Weinberg aussieht, sind aneinandergereihte Pfeiler mit grünen Kappen, aus denen Luft strömt, die zusätzlich mit CO₂ angereichert ist.

Die Reben innerhalb der sogenannten FACE-Anlage wachsen so unter Bedingungen, wie sie Mitte des Jahrhunderts erwartet werden. Bis dahin soll der CO₂-Anteil in der Luft um 20 Prozent steigen, ein gewaltiger Anstieg in sehr kurzer Zeit. "Wir wollen herausfinden, wie sich die Reben verhalten und wie der Wein schmeckt", sagt Professorin Claudia Kammann, die das Projekt koordiniert. Insgesamt profitiert der deutsche Weinbau zwar vom Klimawandel, doch er hat auch negative Seiten.

Erste Ergebnisse des FACE-Projekts zeigen, dass die Pflanzen stärker wachsen und größere Trauben bilden können. Aber auch Schädlinge wie der Traubenwickler profitieren von steigenden CO₂-Werten, sie vermehren sich schneller und können so mehr Schaden anrichten. Zugleich zeichnet sich ab, dass die Trauben anfälliger für Pilzkrankheiten sein könnten. Nicht erfüllt hat sich dagegen die Erwartung der Forscher, dass der Zuckergehalt der Trauben deutlich zunehmen wird.

Versuchsanlagen wie die in Geisenheim sind kostspielig. Gut 50 000 Euro kostet dort allein die Infrastruktur pro Jahr. Personal- und andere Kosten nicht eingerechnet. Das Bundesland Hessen finanziert das Projekt in Geisenheim, das auch eine Testanlage für Gemüse einschließt. Für Winzer und Landwirte sind solche Forschungsergebnisse enorm wichtig, sie müssen sich frühzeitig auf den Wandel einstellen. Trotzdem läuft derzeit nur ein weiteres deutsches FACE-Projekt an der Universität Gießen, im Grünland. Ein Drittes für Getreide, Mais und Zuckerrüben am staatlichen Thünen-Institut wurde 2015 eingestellt. Auch hier registrierten Forscher bei steigenden CO₂-Werten und Temperaturen höhere Erträge, zugleich aber auch eine sinkende Qualität, weil die Feldfrüchte weniger Protein enthielten. Sie sind also weniger nahrhaft. Es sei aber geplant, dass die Schwestereinrichtung, das Julius Kühn-Institut (JKI), die Versuche fortsetzt, heißt es beim Thünen-Institut.